Geschwindigkeit ist relativ

BMW 640i GT: Der Reiseführer

Und dann gleitest du gemächlich dahin, lässt eine Rückenmassage über dich ergehen, erfreust dich an den musikalischen Klängen, die frei von Außengeräuschen durch die Hallen des 6er BMWs tönen und genießt einfach nur. Bis du bemerkst, dass du viel, ja wirklich viel zu schnell unterwegs bist.

Text: Maximilian Barcelli

Nein, nicht nur Zeit und Raum sind relativ, auch Geschwindigkeit ist es. Das ist uns Physikbanausen im BMW 6er GT klar geworden. Doch wir greifen zu weit vor. Beginnen wir diesen Testbericht also im Jahre 2009. Es war das Jahr, in dem der 5er Gran Turismo das Licht der Welt erblickte. Und seien wir uns ehrlich: Er war ein praktisches Automobil. Ermöglichte eine höhere Sitzposition, ohne im Stile eines SUVs übermäßig auf Fahrdynamik zu verzichten. Bot in allen Belangen Platz, war jedoch extrovertierter als ein biederer Kombi. Nur kann Extrovertiertheit auch nach hinten los gehen. Denn wenn wir uns schon um Ehrlichkeit bemühen: Der BMW 5er GT war wohl kein schönes Auto.

Dieser Unproportionalität hat man in München nun einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der neue 5er GT, der nun 6er GT heißt, weil alle exzentrischeren Modelle von BMW gerade Zahlen als Namen tragen (Haben die dort drüben schonmal einen 2er Active und Grand Tourer gesehen?), wurde länger und gleichzeitig tiefer, was ihn zu einer fast schon filigranen Form verhilft. Im weißen Lack-Gewand gehüllt macht der BMW 6er GT dann schon ordentlich was her, doch wir wollen uns nicht auf die Optik versteifen.

Denn seine wahren Qualitäten ergeben sich auf langen Wegen – nicht umsonst bedeutet Gran Turismo große Reise. Und die Freude am Reisen eröffnet sich schon beim Einpacken. Der Kofferraum schluckt unglaublich viel, die riesige Heckklappe ist ein Machtwort. Understatement war gestern. Das unterstreichen auch die dicken Nieren an der Front.

Bevor man mit 130 Sachen dem wohlverdienten Wochenende entgegen gleitet, muss erst dem Stadtgewusel entkommen werden. Und auch da brilliert der BMW 6er Gran Turismo. Mit den mitlenkenden Hinterrädern (gibt’s für einen saftigen Aufpreis. Aber reden wir bitte nicht vom Geld. Noch nicht.) werden enge Gasserln lockerlässig bewältigt, rangieren vereinfacht und das Auto gefühlsmäßig um einen halben Meter verkürzt. Dann, auf der Autobahn, spielt der 6er seine wahre Stärke aus. Kilometer runterspulen. Und zwar so smooth, wie das kaum einem anderen Vehikel gelingt. Es ist so verdammt ruhig in dem Ding, das Geschwindigkeit relativ wird. 100 km/h kommen einem vor wie 50, 130 Stundekilometer als würdest du mit 80 über die Tangente schleichen.

Apropos Tangente: Es ist ja nicht so, als wären wir mit dem BMW 6er GT nur auf der Sonnenseite des Lebens spaziert. Auch der Rushhour-Stau kam über uns – und in den Stunden auf der A23 verneigten wir uns vom halbautonomen Fahren. Wir lieben fahren, eh klar. Aber wenn du da im Stau stehst, den adaptiven Tempomaten sowie den Lenkassistenten für dich arbeiten lässt, das Ganze auch noch perfekt funktioniert und du theoretisch ein After-Work-Nickerchen machen könntest … das ist wahrlich lässig und vor allem Nerven sparend.

Wir wollen auch kurz den Innenraum anschneiden. Kurz deshalb, weil es absolut nichts zu bemängeln gibt. Fesches Design, feinste Materialien und Verarbeitung, intuitiv, ergonomisch auf höchstem Niveau und dann riecht es noch so unfassbar gut, dass man eigentlich nie mehr wieder aussteigen möchte.

Doch reden wir nun übers Geld, wir haben es lange genug aufgeschoben. Im Motorraum unseres 640i werkelte der momentan stärkste Benziner (Sechs Zylinder in Reih und Glied, 340 PS, Kraft in allen Lebenslagen, satter Sound, jedoch niemals zu aufdringlich.) im 6er GT-Sortiment. Die All you can eat-Ausstattung ließ ebenso keine Wünsche übrig. Und der Preis eines solch top motorisiertem und ausgestatteten 6er GT ist dann halt brachial: Knapp 130.000 Euro waren für unseren Reiseführer fällig. In München wächst Geld wohl auf den Bäumen.