Motorblock fasst die gepushte Version des Audi R8-Coupés mit 610 PS aus und jagt ihn rund um den König der österreichischen Alpen. Dem Ingolstädter ging auf 2.500 Meter Höhe nicht die Luft aus.

„Es ist ein wunderschöner Tag zum Fliegen“, verkündet der AUA-Kapitän vor dem Abheben des 6.45 Uhr-Flugs von Wien nach Innsbruck, ganz in Dr. McDreamy- vulgo Patrick Dempsey-Manier. Es sollte ein ebenso wunderschöner Tag zum Fahren sein. Zwar nicht – siehe „Grey’s Anatomy“ – mit einem Porsche. Aber – aus der Sicht der Konzern-Verwandtschaft betrachtet – nicht ganz so weit weg: Audi R8 Quattro war angesagt. In der V10 plus-Variante.

Der Plan: gegen elf Uhr in Kitzbühel starten, die Großglockner-Hochalpenstraße erstürmen, bei Lienz zu Mittag essen und um spätestens 16 Uhr wieder zurück sein. Ein durchaus straffes Fahrprogramm. Das keine Zeit zum Zögern lässt. Dazu sind die fünf, auf dem Parkplatz der Hahnenkamm-Bahn adrett drapierten roten Boliden alleine schon optisch auch nicht bereit. Das Wetter ist immer noch sonnenklar. Es verspricht, heiß zu werden.

Dynamisch programmiert

Die technische Vorbereitung der Audi-Leute ist rücksichtsvoll kurz gehalten. Der Weg zum Pass Thurn ist es auch. Dort tummelt sich der spätvormittägliche Liefer- und Touristenverkehr. In gemessenem Tempo. Da bleibt wenigstens Zeit, das virtuelle Cockpit zu konfigurieren – die Drehzahlmesser-Anzeige mittig zu positionieren – und das Fahr-Programm zu definieren: „Individual“, mit Betonung auf „Dynamic“. „Comfort“ kommt gar nicht in Frage. Ebenso wenig die Einstellungen „Wet“ und „Snow“ im Performance-Modus. Es ist staub-„Dry“.

Zwischen Mittersill und Zell am See dürfen die Schalt-Paddles ein wenig mitspielen. Zwischen Ortschaften, 80er-Zonen und Überholverboten tut sich doch die eine und andere Lücke auf. In 3,2 Sekunden von null auf hundert? Ja, glauben wir. Die Überholten auch. „Automatic“ kommt ausprobierhalber dran wenn sich’s staut. Wie es im Nahbereich einer Baustelle-Engstellen und der Kreisverkehre in Zell am See erwartungsgemäß ist. Bis Fusch an der Glocknerstraße wird’s langesam lockerer. Jetzt hätten wir uns dann kennengelernt und wären so richtig aufgewärmt. Vor allem der Motor, der heckwärts ordentlich einheizt.

Königsetappe Glockner

„Sie können heute nicht mehr zurückfahren“, informiert die resolut-freundliche Dame an der Mautstelle: „Die Straße wird ab mittags gesperrt. Für die Österreich-Radrundfahrt.“ Aha. Die Retour-Route inkludiert die Königsetappe aber ohnehin nicht mehr. Auf der herrscht vorerst dichter Verkehr, wie immer im Sommer. Vor allem scheinen es Radler aller Könnens-Kategorien darauf abgesehen zu haben, den Pass vor dem Start des Rennens zu erklimmen. Da machen sich schon einmal die Lenk- und die Bremspräzision des Audi R8 V10 Plus doppelt und dreifach bezahlt.

Dünne Höhenluft

Bis zum Hochtor ist permanent höchste Konzentration angesagt, weniger aufs Fahren an sich, sondern aufs Ausweichen, weniger den teils taumeligen Radfahrern – die dünne Höhenluft fordert ihren Tribut -, mehr den zahlreichen, angesichts der hohen Bergwelt offensichtlich paralysierten, aus Flachländern stammenden Motor-Touristen auf vier und auf zwei Rädern. Das Übliche halt. Zwischen denen bahnt sich der Ingolstädter aus vollen Rohren brüllend seinen Weg.

Aber nach dem Fuscher Törl wird’s wirklich dünner. Zum Glück tun das auch die aufziehenden Wolken. Nebenbei: Die Highlights Franz Josefs-Höhe und Edelweißspitze zum Glockner- und Gletscher-Schauen müssen links liegen bleiben, dafür lässt das Programm leider keine Zeit. Die gibt’s nur für eine kurze Schau-Pause nach besagtem Hochtor. Dafür liegt der vielleicht schönste und aussichtsreichste, auch weil am besten einsichtige Abschnitt der Glocknerstraße so gut wie leer vor der Schnauze des Ingolstädters. Offenbar wirkt sich die angekündigte Sperrung aus.

Zufälle gibt’s…

Endlich darf die Ringe-Flunder zeigen, was in ihr steckt. Man kann ihr nicht attestieren, dass ihr auf 2.500 Meter Höhe die – etwas kühlere – Luft ausgegangen wäre. Doch Kehre für Kurve für Kehre für Kurve abwärts spürt man dennoch deutlich, dass sie besser atmen und ihr volles Temperament entwickeln kann. Mag sein, dass dabei die Tachonadel hin und wieder ein wenig über die Hunderter-Marke rutscht, ganz zufällig. Wir vertrauen einmal darauf, dass es auf  – und hoffentlich auch zwischen – den Almen keine Sünde gibt…

Langsam einbremsen

Bis Winklern unterbricht kaum ein zwei- oder einspuriges Hindernis den Rhythmus des Gasgebens, Bremsens, Einlenkens, Gasgebens. Und wenn, dann wird dem roten Renner entweder Platz gemacht oder das Überholtwerden mit einigermaßen Gleichmut quittiert. Die letzte Etappe vor Lienz, der Iselsberg wird ab der Passhöhe etwas weniger engagiert inhaliert. Dann hat uns das vorerst das urbane Zockeln wieder. Doch bleiben wir nicht in Osttirols Hauptstadt, sondern streben den Tristacher See an. Zur Mittagspause. Mit fangfrischem Fisch. Und einem Benzinsprech-Pläuschchen am idyllisch-ruhigen Ufer.

Leider rennt die Zeit. Im Prinzip wäre es über Sillian, Toblach und den Staller Sattel (den man per Einspur-Eisen sehr gut kennt) übers Defereggen-Tal nach Matrei in Osttirol gegangen. Das steht jedoch für uns nicht im Programm. Sondern die Direttissima, die Isel entlang, zum Felber Tauern. Der wäre, gebe es keine Tempo-Limits und die zahlreichen Radarkästen, ein rechtes Angas-Paradies. Doch immerhin ist die letzte Etappe vor Kitzbühel, wiederum der Pass Thurn, mittlerweile fast leergefegt. Es steht wohl ein Fußball-EM-Ausscheidungsspiel an und die Fersel-Fans glühen schon vor, während wir vom Alpen-Glühen zurückkehren.

540 oder plus 70 PS

Audis Mittelmotor-Flunder der zweiten Generation ist im Spätsommer 2015 neu gestartet. Sie tritt die Nachfolge des von Audi als Supersport-Statement mit Le Mans-Racer-Genen gesetzten Erstlings von 2006 an. Der hat mit einem 4,2-Liter-V8 begonnen. Später kamen, neben einer Spyder-Version, weitere Varianten mit 5,2-Liter-V8 hinzu. Das ist jetzt die Standard-Motorisierung (mit 540 PS). Sie ist in beiden Leistungsstufen gekoppelt an ein siebenstufiges Doppelkupplungsgetriebe. Trotzdem heißt der Ingolstädter, der vielleicht nicht die eleganteste, dafür eine der eindrücklichsten Erscheinungen seiner Art ist, weiterhin R8 und nicht R10. Der Preis: ab 219.000 Euro für 540 PS, ab 241.600 für 610 PS (Audi R8 V10 Plus).

Was uns sonst noch aufgefallen ist: Dass der Sauger-Bolide fast durchwegs positive Resonanzen akklamiert, provoziert fühl(t)en sich nur ein paar bescheidener talentierte Biker. Dass sich bei bestimmtem Lichteinfallswinkel der V10 FSI-Schriftzug des Motors in der Heckscheibe spiegelt, damit man nie vergisst, vor was für einem Triebwerk man sitzt. Dass der Sound des Zehners irgendwo zwischen dem rotzigen Bellen eines V8 und dem heiseren Hecheln eines V12 liegt.

Nur ein Auto

Der 5,2-Liter-FSI spuckt eine mehrstimmige Sound-Kulisse aus. Zur Illustration eine kleine Szene am Hochtor der Glocknerstraße: Eine besorgte Mutter mahnt angesichts des aus dem Tunnel schallenden sonoren Grollens und Grummelns ihre Kinder mit den Worten „Vorsicht, da kommen gleich ganz viele Motorräder heraus!“ auf dem Gehsteig zu bleiben. Was erschien war ein einziger der Ringe-Flachmänner. Zwar tempomäßig gemächlich bummelnd, doch akustisch auf Performance-Modus gestellt, mit voll aktivierten Soundklappen.

Was der Audi R8 V10 Plus sonst noch können soll? Um die versprochenen 330 km/h Top-Speed auszuloten, dafür wären uns zwar ein, zwei Tempolimit-freie Autobahnabschnitte in Deutschland eingefallen, doch die lagen weit fernab der zeitmäßig fix programmierten. Route. Das Laser(fern)licht konnte in einigen der finstereren Tunnel nur ansatzweise ausprobiert werden.

Am Ende der (für uns verkürzten) Alpen-Tour hat sich bestätigt, dass es nicht nur zum Fliegen ein wunderschöner Tag war. Trotz eher mieser Prognose für die Glockner-Region hatte das Wetter die Regen-Drohung trotz zeitweiliger Horizont-Verschattung nicht wahr gemacht. Besser kann man sich’s nicht wünschen. Was wir uns dennoch wünschen: Eine Wiederholung! Am liebsten wäre uns dafür der neue Spyder. Seine 540 PS täten fürs erste auch durchaus ausreichen.

Fahrerlebnis

Wer sich wünscht, auch mit dem Audi R8 V10 Plus durch die Alpen zu glühen, der kann bei der Audi Driving Experience fündig werden. Nebst allerlei Racing- und Drift-Trainings auf Asphalt und auf Schnee & Eis werden halb- bis mehrtägige Fahrerlebnis-Touren offeriert. Die „Alpen Tour“ (in der Voll-Version inklusive Gerlos-Straße) ist eine davon. Es gibt neben anderen auch „Südtirol“ und „Dolce Vita“.

 

Text: Beatrix Keckeis-Hiller

Fotos: Audi