5-Zylinder-Orchester

Audi RS3: Das Problem mit der Sucht

Ich war ja schon immer jemand, der Süchten relativ schnell verfallen ist. Keine Schwerwiegenden, also ich sitz hier grad nicht mit zugeballertem Schädel und schreib diese Gschicht. Aber egal ob Videospiele in vergangenen Jugendtagen oder das Rauchen (ebenso aus Jugendtagen, nur ist mir dieses eigentlich ziemlich schwerwiegende Laster leider geblieben), fesseln tut mich schnell einmal was.

Text: Maximilian Barcelli

Und jetzt also ein Sound. Oder ein Konzert. Eine traumhafte Sinfonie, die durch die Auspuffanlage halt und aus zwei Endrohren direkt zu meinen Suchtrezeptoren wandert – und diese auch anspricht! Komponiert und gespielt von fünf Zylindern. Die Sucht nach dem Sound von Fünfendern ist ein nicht zu unterschätzendes Laster: Man ist ja grundsätzlich gut erzogen und will ja kein Prolet sein, der sich mit dem Klang seines Wagens in diversen Wohnsiedlungen so beliebt macht, wie ein blutiges Steak den veganen Bobo erfreut. Aber irgendwie geht’s halt nicht anders. Der Klang, dieses Röcheln, mit dem jeder noch so kleinen Druck aufs Gas quittiert wird, ist einfach zu schön um kultiviert durch die City zu cruisen. Viel erotischer dagegen: Tunnelfetzen, bis das Blut aus den Ohren strömt.

Wie schon erwähnt hackln fünf Zylinder unter der Motorhaube. Der Kenner weiß jetzt: Audi. Der aufmerksame Leser weiß bereits seit dem Titel: Audi RS3. Wir waren also mit dem stärksten Kompaktsportler, der gegenwärtig den Markt bereichert, unterwegs. Dank Allrad-Antrieb und den stolzen 400 PS, die der Fünfender stemmt, erreicht man die magischen 100 in ebenso magischen 4,1 Sekunden. Da können Focus RS und Co. nicht ganz mithalten. Allerdings beeindrucken beim Kickdown nicht das blutige Steak oder von mir aus auch die vegane Bio-Tofu-Lasagne, welche sich den Weg zurück in die Speiseröhre suchen. Es ist einfach dieses Donnergrollen, das dem Radio zu einem unnützen Gimmeck degradiert. Allein das Starten des 2,5-Liter-Aggregats ist ein Festschmaus für die Ohren.

Alles schön und gut (anzuhören), doch rechtfertigt der unvergleichliche Sound, die brachiale Beschleunigung, die fabelhaft arbeitende Automatik und der sportlich abgestimmte Quattro-Antrieb einen Einstiegspreis von 66.500 Euro? Weil, mit Blick auf die Konkurrenz: Kompaktsportler gehen schon auch billig. Ist ja auch unteranderem der Sinn hinter den flotten Kleinen: Dynamik um möglichst wenig Geld. Doch der Audi hebt sich halt, nicht nur mit seiner ungewöhnlichen Zylinderanzahl, ab: Während im Ford Focus RS Plastik dominiert, findet man im Ingolstädter schon mehr Leder. Grundsätzlich ist die Verarbeitung und Qualität der Materialien im RS3 auf einem anderen, sprich: höheren, Niveau. Von der Mittelkonsole mit dem herausfahrenden Display fürs Infotainment, das über einen Drehregler gesteuert wird, bis hin zum sportlich-abgeflachten Lenkrad mit Alcantara-Bezug. Doch das lassen sich die Herren der Ringe auch auszahlen.

Grundsätzlich stellen wir allerdings fest, dass der Preis des Audi RS3 in Anbetracht der Konkurrenz von Ford, Honda und Co. (klar gibt’s dann noch die andere Konkurrenz in Form von AMG und M, aber die sind auch nicht grad billig) nicht ungerechtfertigt ist. Und wenn der 5-Zylinder-Motor mit brachialem Getöse aufwacht, wird sämtliche Gedankenspielerei über Preise und Vergleiche sowieso zu einem sinnlosen Unterfangen.

Was gibt’s sonst noch so zu erzählen? Ach ja, optisch gibt sich der RS3 eher unauffällig, zumindest wenn man die Bilder von wild-abstehenden Spoilern der Konkurrenz im Schädel hat. Der Ingolstädter, den wir zum Testtanz baten, war: Rot. Sehr Rot. Und mehr wollen wir zu dieser Farbe jetzt auch gar nicht sagen, denn Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Und im Innenraum macht sich die Farbe, bei der ihr nicht mehr über die Ampel sputen solltet, richtig gut.

Wir gestehen: Wir haben uns verliebt. Unser Herz schlägt jedes Mal höher, wenn wir den Fünfender entfesseln und uns dieser seine neu gewonnene Freiheit mit einem Röcheln der Sonderklasse dankt. Wie Kollege Geiger mal passend zum Audi RS3 schrieb: Wer da freiwillig aussteigt, der isst auch vegane Hamburger und kocht seinen Mate-Tee mit Quellwasser aus Vollmondnächten. Recht hat er.