Auf der Rennstrecke im McLaren Senna

Der P1 ist mittlerweile Geschichte und der BP23 kommt erst im nächsten Jahr. Doch McLaren lässt die reichen Raser nicht im Regen stehen, sondern schließt die Lücke nach den Sommerferien mit dem Senna. Nur 500 mal in jeweils 300 Stunden Handarbeit gebaut und knapp eine Million Euro teuer, erinnert er an den vielleicht berühmtesten Fahrer, der für McLaren je in ein Formel 1-Cockpit geklettert ist.

Von Thomas Geiger

Und es ist ein würdiger Renner to Remember, denn genau wie der dreimalige Weltmeister Ayrton Senna ist auch das in seinem Namen entwickelte Auto unvergleichlich: Eher im Windkanal als im Designstudio gezeichnet und mehr für die Rennstrecke als für die Straße gebaut, lässt er alle anderen Supersportwagen vergleichsweise lahm und lau erscheinen. Und obwohl er mehr Leistung hat und teurer ist, wirkt selbst der Bugatti Chiron brav und bieder gegen den Tiefflieger aus dem Vereinigten Königreich.

Was den aus Karbon gebackenen Kampfjet auf Rädern dabei ausmacht, sind weniger die nackten Daten – so imposant ein vier Liter großer V8-Motor mit 800 PS und 800 Nm und so spektakuläre Sprintwerte von 2,8 Sekunden für die ersten, 6,8 Sekunden für die zweiten und 17,5 Sekunden für die dritten 100 km/h auch sein mögen. Und selbst die Höchstgeschwindigkeit von 340 km/h gibt nur einen zaghaften Hinweis darauf, was einen in diesem Auto erwartet.

Sondern es ist die Art und Weise, wie einen dieses Auto einnimmt und wie man mit ihm zu einer Einheit wird. Kaum sind die sechs Gurte ins zentrale Schloss vor dem Bauch geschnappt und die Mechaniker haben einen fest in die tiefe Karbonschale gezurrt, gibt es plötzlich nichts mehr, was Mensch und Maschine trennt. Der im Nacken montierte Motor, den man mit einem Schalter im Dachhimmel startet, rotzt sein sein Röcheln und Röhren direkt in die knappe Kabine und jede Umdrehung der Kurbelwelle überträgt sich durch Karbonfasern wie Nervenbahnen bis in die Fingerspitzen des Fahrers. So wird das Auto genau wie damals beim begnadeten Ayrton zu einem Teil des Körpers, das man ganz intuitiv und ohne zu denken lenken kann.

Das ist faszinierend und brandgefährlich zugleich. Denn so vertraut sich der Senna schon nach wenigen Sekunden anfühlt, so verführerisch ist er auch. Und wenn man die Geister mit dem Gaspedal erst einmal gerufen hat, bekommt man sie so schnell nicht mehr los. Dabei reagiert der Senna mit einer derart explosiven Direktheit, dass einem gleichermaßen Angst und Bange wird und man hinter dem Steuer gleichzeitig Jubeln und Jauchzen möchte. Sobald sich der rechte Fuß nur einen Hauch senkt, entlädt sich eine Energie, die das Coupé förmlich dem Horizont entgegenschleudert, die Doppelkupplung schaltet schneller, als es die Sinne des Fahrers wahrnehmen können, und wenn man das Lenkrad nur ein, zwei Grad dreht, reißt es den Wagen geradezu herum. Und dabei ist er so bretthart und bocksteif, dass er sich nie winden und der Fahrer sich nicht über unvorhergesehene Reaktionen wundern muss. Sondern mit fast traumwandlerischer Sicherheit fährt man im Senna Runde für Runde schneller und kommt der Formel 1 so näher als in jedem anderen Auto. Nur das Bremsen breitet Mühe. Nicht, weil es den Karbon-Keramikscheiben an Biss fehlen würde. Sondern weil sie eine derart endgültige Verzögerungswirkung haben, dass man immer zu früh in die Eisen steigt und am Ende viel zu langsam ist. So wird das nichts mit der persönlichen Bestzeit.

Dass der Senna so unglaublich schnell und stabil zu fahren ist, liegt aber nicht nur an der Einheit zwischen Mensch und Maschine, die in dieser Liga sonst kein anderes Auto so gut hinbekommt. Sondern das ist natürlich auch Physik. Nicht umsonst haben sie den Wagen im Windkanal so lange geschliffen, bis ihn bei 200 km/h ganze 800 Kilo Abtrieb auf die Fahrbahn drücken, als wären die Reifen von Patex und nicht von Pirelli. Und wenn man bremst, stellt sich nicht nur der Flügel blitzschnell in den Wind, sondern es öffnen sich genau wie bei besonders hohen Geschwindigkeiten zwei Flaps in der Front, die vorne den Abtrieb etwas reduzieren und so für die perfekte Balance in jeder Situation sorgen.

Und auch die Ergonomie spielt eine wichtige Rolle: Innen radikal reduziert, gibt es nichts, was den Fahrer vom Fahren ablenkt. Selbst das Cockpit klappt sich aus dem Weg, verjüngt sich zu einem schmalen Display-Band und gibt den Blick frei auf die Strecke, die Frontscheibe ist keine schmale Schießscharte, sondern bietet einen Ausblick in Cinemascope und die Fenster in der der untern Hälfte der Türen sehen zwar auch spektakulär aus. Aber vor allem kann man durch sie die Curbs sehen und den Scheitelpunkt der Kurve noch besser treffen.

Brutal und brachial und zugleich präzise und verdammt nahe an perfekt – wenn man nach einem Dutzend Runden schweißnass und mit schmerzenden Knochen aus dem McLaren steigt, hat man nicht nur alle anderen Supersportwagen vergessen, die über die linke Spur fliegen. Sondern man fragt auch nicht mehr nach dem alten P1 und dem neuen BP23. Stattdessen stellt man anerkennend fest, dass ein Senna unvergleichlich und unvergesslich ist. Und das gilt für die Maschine genau wie für den Menschen.