Abenteurer im feinen Zwirn

Bentley Bentayga

Mit dem Bentley Bentayga machen die Briten endlich ernst und riskieren tatsächlich ein paar Spritzer Schlamm auf dem feinen Zwirn. Denn als erste unter den Luxusmarken bringt Bentley jetzt nach drei Jahren Entwicklungszeit und dem aufwändigsten Testprogramm in der Firmengeschichte einen Geländewagen an den Start.

Von Thomas Geiger

„Das wird das luxuriöseste, exklusivste und schnellste SUV der Welt“, sagt sich Firmenchef Wolfgang Dürheimer und freut sich, dass die Vorherrschaft des Range Rovers damit zu Ende geht und er endlich auch im Alltag seiner Kunden ankommt. Denn egal ob in Europa oder Amerika und erst recht in den Neureichen Boommärkten in China oder Indien – immer dann, wenn er mit der Familie unterwegs ist oder in die Ferien fährt, lässt der gemeine Bentley-Kunde seinen Mulsanne oder Continental stehen und steigt in ein praktischeres Auto um, das bislang meist von einem anderen englischen Hersteller geliefert wurde. Bei einem Kundenstamm von aktuell 78 000 Bentley-Fahrern sollte sich da der eine oder andere Interessent finden, lächelt Dürheimer ob der optimistischen Absatzprognosen.

Technisch ist das über fünf Meter lange Dickschiff zwar nicht viel mehr als ein aufgehübschter Audi Q7. Doch ansehen kann man dem adeligen Allradler, der mit seiner Aluminium-Konstruktion gegenüber einer Stahlkarosserie immerhin 250 Kilo spart, seine bürgerliche Verwandtschaft kaum. Das Design mit den pfannengroßen LED-Scheinwerfern und den weit ausgestellten Kotflügeln ist protzig, wie es sich für Bentley gehört und das Innenleben prunkvoll veredelt – die pfundschweren Aschenbecher und die aus dem Vollen gefrästen Lüfterdüsen inklusive. Dabei thront man zumindest in der Start-Edition auch im Fond wie in einem Mulsanne und reist auf bequemen Einzelsesseln. Doch weil Bentley sich mit dem Bentayga in die Niederungen des Alltags hinab begibt, plant die VW-Tochter auch einen Fünf- und sogar einen Siebensitzer.

Und das ist nicht die einzige Neuerung. Sondern zum bekannten Luxus gibt es auf der Ausstattungsliste mehr Hightech, als sich Bentley-Kunden bislang träumen lassen konnten. Assistenzsysteme bis hin zur Einpark-Automatik, ein eigener Tablet-Computer als Fernsteuerung für das Infotainment-System und solche Banalitäten wie eine automatisch öffnende Heckklappe – willkommen in der Gegenwart!

Während sich die Briten bei diesen Extras großzügig aus dem Regal der Bayern bedient haben, gehen sie beim Antrieb ganz eigene Wege – und markieren einmal mehr die Spitze im Konzern. Das Luftfeder-Fahrwerk mit einem halben Dutzend Trimmleveln und einem vom separaten 48-Volt-Netz gespeisten, elektrischen Wankausgleich soll komfortabler sein als in jedem anderen Geländewagen und der Antrieb bietet mehr Kraft: Nicht umsonst kommt der nagelneue, ebenfalls um 30 Kilo abgespeckte Zwölfzylinder des Bentayga bei 6,0 Litern Hubraum auf 608 PS und wahnwitzige 900 Nm. Damit wuchtet er den 2,5-Tonner binnen 4,1 Sekunden von 0 auf 100 und erreicht ein Spitzentempo von 301 km/h – kein anderer Geländewagen ist schneller, prahlt Dürheimer und nennt das W12-Triebwerk trotzdem einen Effizienzmeister. Denn gegenüber dem bisherigen Zwölfzylinder haben die Briten den Verbrauch immerhin um knapp zwölf Prozent gedrückt.

Der stärkste, der schnellste und überhaupt der größte – solche Superlative ist Bentley seinem Ruf zwar schuldig. Aber auch die Briten wissen, dass sich die Zeiten geändert haben und schieben deshalb im nächsten Jahr noch zwei etwas vernünftigere Motorvarianten nach: Für internationale Sparer gibt es ganz zeitgemäß einen Plug-In-Hybriden und speziell für die Europäer zum ersten Mal in der Bentley-Geschichte einen Diesel, der als V8-Motor mit 400 PS natürlich ebenfalls ganz vorne fahren soll.

608 PS, 301 km/h Spitze und mehr Leder als in jedem anderen Modell des VW-Konzerns – nicht nur bei Leistung und Luxus definiert Bentley die Spitze im SUV-Segment, sondern auch beim Preis: Mit mindestens 200 000 Euro bereits für das Einstiegsmodell wird der Bentayga der teuerste Geländewagen der Welt. Die Kundschaft scheint das allerdings nicht zu stören. Im Gegenteil: Für das erste Jahr ist die Produktion bereits ausverkauft.