• Fliegen und fliegen lassen

    Bentley Mulsanne Facelift

Bentley hat den Mulsanne optisch und technisch aktualisiert. Hinzu kommt mit der Extended Wheelbase-Version eine um 35 cm längere dritte Variante. Die offeriert eine der derzeit ultimativsten Möglichkeiten, sich luxuriös chauffieren zu lassen.

Text: Beatrix Keckeis-Hiller

Fotos: Bentley

Nach der angekündigten knappen Stunde endet die Reise im Mulsanne. Für eine Besichtigungsrunde von Schloss Elmau, des Schauplatzes des G7-Gipfels vor rund einem Jahr bleibt keine Zeit. Die ist für jene reserviert, die den edlen Briten auf den neuesten Stand gebracht haben und die darüber referieren, vielmehr mit beredten Worten erzählen: Wolfgang Dürheimer, CEO, Rolf Frech, Technik-Verantwortlicher, Sam Graham, Produktverantwortlicher, Stefan Sielaff, Chef-Designer, und Simon Blake, dessen Bereich die Ausstattung ist.

In Punkto Design betrifft die Exterieur-Überarbeitung des Mulsanne die Front bis zur A-Säule: plastischer geformte Kotflügel, neue Lufteinlässe, fließender gestaltete Motorhaube, verbreiterter Kühlergrill – mit vertikalen Edelstahl-Lamellen noch imposanter -, komplett neue Scheinwerfer – mit adaptiver LED-Technologie und ausgeklügelter Waschanlage -, neues Heckleuchten-Layout. Von vorne bis hinten dominiert an den Design-Details das „B“-Thema.

Lauschen & surfen

Dazu und zum bereits Erlebnis-beschriebenen teils ebenfalls neu gestalteten Interieur, das moderne Technik und klassische Anzeige- und Bedienelemente harmonisch und stilsicher integriert, kommt eine neue Infotainment-Plattform und – auf Wunsch – ein für Bentley maßgeschneidertes Audio-System (von Naim) mit achtzehn Lautsprechern, neunzehn Kanälen und 2.200 Watt-Verstärker. Nicht zu vergessen die integrierte Schnittstelle mit Zugriffsmöglichkeit auf (Android-)Apps und Streaming-Dienste. Das dazu erforderliche Internet ist sozusagen selbstverständlich an Bord, übers LTE-WLAN-Netz.

Feinarbeit leisteten die Techniker an Fahrwerksabstimmung, Motoraufhängungen, Geräuschdämmung (selbst die Räder sind akustisch gedämpft). Es blieb bei der Luftfederung mit kontinuierlicher Dämpferregelung und der automatischen Chassis-Absenkung bei hohem Speed. Aktualisiert ist das Stabilitätsprogramm der Heckantriebs-Limousine.

V8-Biturbo-Power

Weiterhin im Einsatz ist der bereit erwähnte 6,75-Liter-V8-Biturbo mit automatischer Zylinderabschaltung. In der 5,575 Meter langen Standard-Version, die schlicht Mulsanne heißt, und in der Lang-Variante leistet das Aggregat unverändert 512 PS (und 1.020 Nm). Damit schiebt sich der Luxus-Liner in 5,3 respektive 5,5 Sekunden von null auf hundert km/h. Im in jeder Hinsicht schärfer und sportlicher abgestimmten Speed ist die Leistung auf 537 PS (und 1.100 Nm) gepusht. Er ist in 4,9 Sekunden auf 100 und kann’s bis zu 305 km/h schnell (was im Vorjahr auf Tempolimit- und nahezu Verkehrs-freien deutschen Autobahnabschnitten überprüft und ausgekostet werden konnte). Mit an Bord ist, wie gehabt, die Fahrdynamik-Steuerung mit den Standard-Modi „Comfort“, „Bentley“ und „Sport“, dazu kommt die individuell abstimmbare „Custom“-Einstellung.

Während der Lang-Mulsanne fürs überaus gepflegte Shuttle-Service reserviert blieb, stand für den Standard- und den Speed-Bruder ein abwechslungsreiches Aktiv-Fahrprogramm auf dem Plan, um den Verfeinerungen auf den Grund gehen zu können. Gespeichert war eine rund 400 Kilometer lange Route durch die Welt der bayerischen und tirolerischen Berge, gewissermaßen rund um Karwendel und Wilden Kaiser, teils auf Streckenabschnitten der Kitzbüheler Alpenrallye, mit Abstechern zum Starnberger See, zur Hahnenkamm-Lodge und zum Sylvenstein-Stausee. Das mit Autobahnen, weiten Landstraßen und kernigen Kurven durchsetzte Routing war je zur Hälfte mit dem Mulsanne und mit dem Mulsanne Speed zu genießen.

Glück zu haben glaubte, wer mit Zweiterem starten konnte, wenn er die Highspeed-Talente auskosten wollte, weil auf diesem Runden-Abschnitt die längste Autobahn-Strecke ohne Speed-Limits lag. Man hatte aber auch Pech, denn das Wetter hatte sich am Vormittag zeitweilig auf heftigen Regen umgestellt. In Kitzbühel kam dann auch noch Nebel hinzu. Was die Mulsannes weniger tangierte, denn die Auffahrt zum luftig auf 1.645 Metern Höhe an einem Berghang gelegenen Privat-Chalet wurde angesichts der einspurigen und engwinkeligen Zufahrt doch dem Bentayga überlassen, der die doch nicht unanspruchsvolle Strecke mit tänzerischer Leichtigkeit meisterte.

Bei der Rückfahrt vom Parkplatz der Hahnenkamm-Bahn über die Achensee-Bundesstraße und in weiterer Folge über die schmale Wallgau-Vorderriß-Mautstraße klarte und trocknete es schließlich doch auf. Dann konnte der Mulsanne unbekümmert auf den letzten Kurven des Tages mit seiner trotz der imposanten Länge leichtfüßig-präzisen Agilität spielen. Dass man, wenn man ihn zu unbekümmert fliegen lässt, ob 512 oder 537 PS, so gut wie immer zu schnell ist – wenn man in erster Linie den Straßenverlauf und weniger die Tacho-Anzeige im Blick hat -, das bestätige eine Radarpistolen-Messung der Polizei. Der Inspektor ließ jedoch aufgrund des minimalen Verkehrsaufkommens zwar nicht Gnade vor Recht ergehen, doch große Milde walten.

Die Bentley Boys

Fazit am Ende des Fahrtages, bevor man sich wieder inaktiv, im Fond des Extended Wheelbase-Mulsanne sehr eilig weil recht zeitknapp nach Innsbruck fliegen lassen musste: Selbst in der auf höchsten Passagier-Komfort ausgelegten Limousinen-Version blitzt das Erbe der Race-fiebrigen legendären Bentley Boys durch. Und das unterscheidet die Flying Bs signifikant von einem anderen britischen Luxus-Label.

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