Das Luxus-Label Bentley reüssiert mit dem Continental GT, einem Auto, das  gar nicht fürs Racing gedacht war, im Rennsport. Die Endurance-Qualitäten des GT3 werden auch in der Saison 2017 auf die Probe gestellt.

Text: Beatrix Keckeis-Hiller

Fotos: Eryk Kepski, Bentley, SRO

Das Tageslicht verdient diese Bezeichnung nicht. Gischtfontänen sprühen die Scheiben blind, schlagen über dem Dach zusammen, die Wischer kommen kaum nicht. Zischelnde Schleifgeräusche signalisieren, dass es mit der Bodenhaftung nicht – mehr – weit her ist. Runter vom Speed. Auf 120, auf 100 und fallweise weniger. Es regnet nicht. Es gießt. Als hätte der September in seiner ersten, hochsommerlichen, Hälfte alles Wasser gesammelt, um alles auf einmal über hunderte Kilometer hinweg auszuschütten.

Über uns der Himmel so blau

Dabei war gestern noch der Abend so blau gewesen, im ausgehenden Tageslicht fast so strahlend kingfisher blue wie der Continental. Vielleicht war’s aber auch schon ein wenig milchig, den Wetterumschwung verkündend. Doch perfekt zum Offenlassen des Verdecks, um den Duft des abendlichen Wienerwalds voll auszukosten und dem, je nach Drehzahllage, Schmurgeln und Knurren und Brüllen des V8 zu lauschen. Heute dagegen mischt sich in Jan Garbareks Lufthol-Pausen der saxophonen Ballade auf „Legend of the Seven Dreams“ das zarte Pochen des Dauerregens auf dem Textildach. Der Sound des V8 erhebt sich kaum über das distante und doch konstante Regenrauschen. Die Hälfte der Zylinder ruht wohl gerade.

Sechs Stunden, fünf Minuten hat das Navigationssystem für die 711 Kilometer von Wien-Hietzing bis Frankfurt-Kennedyallee auf der schnellsten Route prophezeiht. Das kann sich so nicht ausgehen. Der Verkehr ist dicht wie an einem Einkaufssamstag vor Weihnachten. Das Durchschnittstempo fällt gegen die 90, 80, 70 km/h. Dass auf der deutschen Autobahn am Samstag – zumindest auf der A3 – kein Lkw-Verkehr ist, das ist ein Gerücht. Sinnlos, Gas zu geben. Nicht einmal Gleiten ist angesagt. Der Abstandsregeltempomat ist im Dauereinsatz, auch wenn man im Prinzip aktives Fahren bevorzugt. Die Schaltpaddles bleiben unangetastet, die Automatik stuft das gehemmte Vorankommen sowieso genau richtig ab.

Autobahn-Blues mit Nina

Inzwischen singt Nina Simone „Little Girl Blue“ und anderes Blues, bevor „Bayern 3 Klassik“ an Fritz Wunderlich erinnert. Derweilen lässt der Engländer unterschütterlich den endlosen Dauerregen an sich abperlen. Das weiße Leder-Interieur sorgt dafür, dass das Gemüt trotzdem hell gestimmt bleibt. Obwohl es zunehmend empfindlich kälter wird. In Aktion tritt die Sitzheizung. Das Lenkrad hat noch ausreichend Wärme gespeichert und die Hingabe dessen, der rund vier Stunden lang per Hand das schmeichelweiche Leder darauf appliziert hat.

Aus sechs und ein bissl was sind fast acht Stunden geworden. In einer kurzen Benzin- und Kaffe-Tankpause hatten die vereinten Kräfte von eiskaltem Dauerregen und böigem Wind dafür gesorgt, dass der erste grippale Infekt des Herbstes blitzartig zugeschlägt. Aber auch ein erster zaghafter Lichtschein erscheint schließlich doch noch am Horizont, rund siebzig Kilometer vor dem Ziel. Jetzt ist die Fahrbahn endlich so gut wie trocken, die Frankfurter dürften bei den samstäglichen Fußballspielen sein, es wird ruhig(er) auf der Autobahn, für die finale Etappe geht’s mit dreifachem Speed voran, zumindest einmal, kurz, bis zum Tacho-Anschlag.

Nebel über dem Adenauer Forst

Am Sonntagmorgen scheint es sich fürs erste ausgeregnet zu haben. Dafür liegt der Adenauer Forst unter einer dickklebrigen Nebeldecke, die vorerst alle Aktivitäten auf dem Nürburgring erstickt. Die Qualifikationen müssen teils abgesagt, teils verschoben, teils verkürzt werden. Erst am späteren Vormittag wird’s etwas heller. In der Bentley M-Sport-Box geht es trotzdem permanent rund. Mehr oder weniger schon die ganze Nacht. Am Vortag hatte einer der beiden GT3 – die Nummer sieben – auf nasser Strecke einen Total-Crash gehabt.

Wie es der Zufall wollte, war gerade ein Test- und Versuchs-GT3 auf dem Weg von Barcelona nach Crewe. Er wartete gerade in Calais auf die Einschiffung, wurde umgehend in die Eifel umdirigiert und präpariert: mit dem Motor der gecrashten Nummer sieben, damit er, laut Reglement, am Ende des Feldes starten kann und nicht – wie es sein muss, wenn auch ein anderes Chassis eingesetzt wird – aus der Boxengasse plus einer zusätzlichen Drive Through-Pönale von 30 bis 35 Sekunden.

Drei Stunden – leichte Übung?

Auf dem Spiel steht auf dem Nürburgring nichts weniger als das erste Finale der Blancpain GT Series 2016. Die umfasst den Sprint-Cup, mit fünf Kurzstrecken-Races und den Endurance-Cup mit fünf Langstrecken-Rennen. Highlight der Ausdauer-Challenge ist stets Spa Francorchamps, Belgien, über 24 Stunden, während es bei den anderen Ausdauer-Races um „nur“ drei Stunden geht. Das Bentley M Sport-Team hat alle Chancen, auf der Nürburgring-WM-Strecke heute die Endurance-Wertung für sich zu entscheiden.

„Nur drei Stunden“, das ist für Bentley Motorsport-Direktor Brian Gush keine Ansage. Konzentriert, fokussiert wie in Spa dirigiert, motiviert, aktiviert er sein Team – Fahrer wie Mechaniker sowie Techniker. In Belgien hatte er, während Piloten und Crew-Mitglieder zwischendurch ihre verdienten Power Naps und Erholungspausen konsumierten, nicht nur einen 24-Stunden-, sondern einen gut doppelt so langen Tag gehabt: „Die Qualifyings sind immer früh am Morgen.“ Während des Rennens kann er nicht einfach aussteigen und nahtlos wieder einsteigen auch nicht nach nur zwanzig Minuten: „Da kann sich alles grundlegend verändert haben!“ Wach hält er sich mit dem Adrenalin, das die Hochspannung des Rennens, das Justieren der Race-Strategie produziert, außerdem mit voller Konzentration sowie gezielter Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme: „Möglichst kein Kaffee, keine Energy Drinks.“

Das Glück ist ein Reifen

Erst recht klar, dass er auch jetzt, in der Eifel, unter Hochspannung steht. Die 24 Stunden von Belgien hatten nicht das Sieg-Resultat gebracht, das schon zum Greifen nahe gewesen war. Am Ende war die Crew aus Crewe und Cockermouth auf dem undankbaren vierten Platz gelandet. Gush, ebenso wie Bentley-CEO Wolfgang Dürheimer und der Technik-Entwicklungschef Rolf Frech wollten ihre Enttäuschung darüber gar nicht verbergen: „Es war eine Verkettung kleiner Fehler.“

Die sollten auf dem Nürburgring nicht passieren. Trotz des Chassis-Wechsels. Gush vertraut dabei auf seine Erfahrung und seine Strategie. Er nennt aber auch Glück als wichtigen Faktor. Und das lässt aus, als bei einem Pflicht-Reifenwechsel das vierte Rad nicht um die Burg sich lösen lassen will. Also werden nur drei Pneus getauscht. Was die Rennleitung dazu veranlasst, den Bentleyiden noch einen zusätzlichen Reifen- und dazu einen Fahrerwechsel aufzubrummen. Was am Ende in einem neunten Rang des GT3 Nummer sieben und in einem zwanzigsten Platz des GT3 Nummer acht resultiert. Das bedeutet in der Gesamtwertung der Endurance Challenge die Position drei. Trotz finalen Punktegleichstands – 71 Zähler – mit dem erst- und dem zweitplatzierten Team in der Gesamtwertung. Nur hatten die anderen mehr Siege auf dem Konto. Die Enttäuschung darüber will Gush auch dieses Mal nicht verbergen. Ebenso wenig wie Rolf Frech, der so gut wie keine Gelegenheit auslässt, bei den Rennen dabei zu sein, oft auch begleitet von Dürheimer. So könnte es auch sein beim bevorstehenden Gesamtfinale, dem fünften und letzten Sprint-Race der Saison, das auf dem Circuit de Catalunya in Barcelona, ausgefochten wird.

Im Rennsport wieder etwas tun

Warum ist Bentley, nach dem Le Mans-Sieg von 2003, in die GT-Klasse gegangen? Frech: „Unsere Kunden haben verlangt, dass wir im Rennsport wieder etwas tun.“ Schließlich steht Bentley nicht nur für automobilen Luxus der Manufaktur-gefertigten Art, sondern auch für eine handeste Rennsport-Heritage. „Wir mussten etwas finden, das nahe an der Serie ist, keinen Prototypen, der sich im wesentlichen nur durch das Logo von den Mitbewerbern unterscheidet.“ Und so ist die Wahl auf den Continental gefallen, der – wie berichtet – beim Rallye-Spezialisten M-Sport Renn-präpariert wird und trotzdem „Rennsport zum Angreifen bietet, mit dem man sich – und nicht nur als Continental-Fahrer – identifizieren kann.“ Diese aber besonders, wenn sie bei der Parade Lap mit ihren eigenen Bentleys auf der Strecke paradieren.

Seit dem Einstieg der Engländer in die Blancpain GT Series im Jahr 2012 wurden 24 Race Cars verkauft. Abgesehen vom Werksteam – Bentley M-Sport – sind es regionale und private Teams. Die GT3 laufen erfolgreich in verschiedenen Rennserien rund um den Erdball. „Und wir bleiben dabei. Wir gehen nicht in die GT4″, so Gush. In der GT3-Serie herrscht Markenvielfalt, echter technischer Wettbewerb. In der GT4 sind es nur eine Handvoll Hersteller.“ Und da ist Bentley mit einem Auto, das ursprünglich überhaupt nicht als Race Car gedacht war, seit drei Jahren stets ganz vorne dabei.

Individuelle Endurance-Challenge

Ganz vorne dabei ist der Continental GTC V8S im – selbst bei Nebel – leuchtenden Blau auch beim Start zur individuellen Endurance Challenge: zurück nach Wien. Kaum sind die ersten zwanzig Race-Boliden um 18 Uhr über die Ziellinie gebraust geht es los. In siebeneinhalb Stunden und ein paar Minuten sollten die 874 Kilometer vom Nürburgring nach Hietzing zu machen sein, meint das Navi dieses Mal. Bis Würzburg scheint diese Berechnung aufzugehen. Gar nicht einmal unter voller Aufbietung der 528 PS des GTC sind es bis dahin schon gut dreißig Minuten weniger. Aber es hat niemand damit gerechnet, dass in der elendlangen Baustelle auf halber Strecke ein Auto liegengeblieben ist und die breitere der verbliebenen zwei Fahrspuren blockiert. Das millimeterweise Vorankriechen über gut zehn Kilometer frisst mehr als diese halbe Stunde wieder auf, da hilft auch das Sitz-Massageprogramm nichts. Inzwischen hat Amy Winehouse ihr komplettes „Back to Black“-Albumrepertoire durch. Und das letzte Tageslicht ist verglommen.

Immerhin dünnt der Verkehr mit vorrückender Sonntagabendstunde aus. Und es regnet nur abschnittsweise. Dafür aber umso heftiger. Um das nicht weiter zu provozieren wechselt das Audio-Programm von Händels „Wassermusik“ zu Tom Waits. „Raindogs“. Wieder was vom Regen. Aber die heisere Stimme passt zur Stimmung. Ist beruhigend, aber nicht einschläfernd. Der sich ausbreitende grippale Infekt zwingt zu mehr als nur einer Benzin- & Kaffeetankpause. Zum Glück rinnt vorerst nur die Nase. Die österreichische Grenze ist vor Mitternacht passiert. Bis Wien ist der Kingfisher-Blaue dann so gut wie alleine auf der Autobahn. Um zwei Uhr morgens schwebt er an der Stadtgrenzen-Markierung vorbei. Mit 1800 in jeder Hinsicht verspannungsfreien Kilometern innerhalb von 42 Stunden hat er diese Langstrecken-Herausforderung in jedem Fall gewonnen.

Continental-Neuauflage 2017

Nichts anderes zu erwarten sein wird von der neuen Generation des Serien-Continental, die gerade ihrer Marktreife entgegenfährt. Das Coupé – und damit ebenso der Convertible – wechselt die Basis. Es wird auf jener modularen Konzern-Plattform bauen, auf der auch die Neuauflage eines Zuffenhausener Sport-Viertürers steht. Zum Einsatz kommen wird signifikant mehr Aluminium als bisher – bis zu 80 Prozent. An Bord bleiben dabei als Antriebe der W12- und der V8-Benziner. Ein Plug-In-Hybrid ist alles andere als auszuschließen. Über einen Diesel sagt Rolf Frech, Vorstand für technische Entwicklung in Crewe: „Sag niemals nie.“ Fix aber ist, dass in Bezug auf Fahrdynamik-, Infotainment- und Assistenz-Elektronik alles, was derzeit im Bentayga schon steckt auch in alle anderen kommenden Modellreihen im Zeichen des „Flying B“ einziehen wird. Zu vermuten ist, dass sich das Design am Concept Car EXP 10 orientiert. Wäre schade, wenn die distinktiven Rundungen verloren gingen. In die Blancpain GT-Saison 2017 geht Bentley M-Sport jedoch noch mit der aktuellen Version des GT3-Racers. Der hat, so Frech und Gush, alleweil noch Potenzial und ist nach wie vor konkurrenzfähig.