Das vorläufige Topmodell der 2er-Reihe, der M235i, ist BMW pur. Offen steigert sich die Emotionalität des Fahrerlebnises vor allem durch den unvermittelt tönenden, weichen, turbinenartigen Sound des Reihensechsers nochmal. Das Protokoll einer dachlosen, spaßigen Zeit.

Text: Philipp Stalzer

Wie das Verdeck so ist? Fragen Sie mich nicht, das war immer in wenigen Sekunden da wo es hingehört – im Verdeckkasten verschwunden. Besonders gut hat es mir gefallen, als es am Weg zum Auto von der Sonne angeschienen leicht schimmerte oder ich es in meiner Ungeduld während der ersten paar Meter fahrt gleich auf Knopfdruck aufgerissen habe. Bis 50 km/h geht das nämlich. Denn wenn schon Cabrio, dann muss das Dach auf, solang keine Niederschläge abgehalten werden müssen. Fällt nicht besonders schwer, wenn das Auto so einen harmonischer Mix aus Speed und Sound und Komfort drauf hat, wie das M235i Cabrio.

M-Performance ist ja „nur so halb“…

Naja, ist ja nur ein „halber M“, werden die Freunde der gnadenlosen Performance unken, aber genau das ist das perfekte daran. Ein Cabrio mit einem schroffen Sportmotor, einem steinharten Fahrwerk und übertrieben projektierter Gesamtperformance, die es aufgrund der konzeptbedingten Nachteile bei der Fahrdynamik dann sowieso nicht im Stil des fix verlöteten Pendants einzulösen vermag, ist doch nix anderes als ein Marketing-Gag. Der „Kompromiss“ aus dem saftig antretenden 3-Liter Turbo-Reihensechser in noch ziviler Ausbaustufe, feinen Bremsen und einem sonst völlig handzahmen Cabrio in handlicher Größe ist BMW pur – sowohl für Genießer als auch für Andrücker.

Turbomotor mit feinen Manieren

All der Unmut, den die sukzessive Umstellung von Saugmotoren auf Turboaggregate bei den Hardcore-Fans teilweise hervorruft – beim 3-Liter Aggregat mit nun 326 PS Leistung ist er schlicht nicht angebracht. Die typischen Tugenden älterer BMW-Motoren – Drehfreude und sanfter, präsenter und unverkennbarer Sound beim lustvollen Durchjodeln des ganzen Drehzahlbandes – wurden perfekt mit der Turbotechnik der Neuzeit und dem damit einhergehenden, großen Vorteil verheiratet: die Drehmomentwelle von 450 Nm, die der Motor in für die Hinterachse gut verdaubarer Dosierung losschickt. Dabei kein Turboloch und kein Zuschnüren im obersten Drehzahlbereich – Feeling wie ein Sauger mit ordentlich Punch.

Geblieben ist eine zerzauste Frisur, die helle Freude dass es einen locker-flockigen Fahrspaß-BMW in dem Format noch gibt und die Erkenntnis, dass die Trennung von sportlichem Flitzer und entspanntem Cruiser immer mehr verschwimmen kann.

Driving the #BMW #M235i like its meant to be. #mperformance #mpower #motorblock

Posted by Motorblock on Montag, 29. Juni 2015

Automatik mit einem Haken

Präzise in Scheibchen geschnitten wird die Vortriebskraft vom optionalen 8-Gang Automatikgetriebe, das nur einen Haken hat. Nein, es schaltet auch im Automatikmodus harmonisch, befolgt die Befehle der Lenkradpaddles unmittelbar und dreht im Sport-Modus auch gnadenlos in den Drehzahlbegrenzer ohne den sportlichen Fahrer mit ungefragten Schaltvorgängen zu nerven – aber im ersten und zweiten Gang macht sich ein Planetenradsatz durch ein lautes, quietschendes Geräusch akustisch unangenehm bemerkbar – natürlich vor allem bei offenem Dach wahrnehmbar. Auch wenn das Getriebe Dynamik und Alltag wie kein Zweites kombinieren kann – die Wahl würde in Anbetracht der Tatsache vermutlich auf den Handschalter fallen, die es – dem Zahnradgott sei Dank – bei diesem Auto noch gibt und ganz nebenbei ein stattliches Sümmchen (nämlich 1.390 Euro) spart.

Zweier ist der neue Dreier

Dem knackigen Metier des früheren Dreiers ist der noble Vierer, wie Coupé und Cabrio der BMW-Mittelklasse nun genannt werden, optisch und haptisch schon entwachsen. Das kompakte Spaßmobil, das Agilität und fahraktive Abstimmung ernst nimmt, ist nun der 2er. Das ausgewogenes Fahrwerk, das zum Cabriofeeling passend für ein M-Modell eher weich abgestimmt ist, die für „ohne Dach“ sehr steife Karosserie (trotzdem gleiches Leergewicht wie das Coupé: 1530 kg) und die wirklich gute Lenkung machen eine Fahrspaß-Kanone aus dem M235i, die ihresgleichen in der Kategorie der „Premium-Kompakten“ sucht. Daher mein Appell an BMW: spült den USP der 1er/2er Reihe nicht im Klo runter, der Hinterradantrieb muss unbedingt bleiben – der optionale Allradantrieb ist für die Bedienung der Skeptiker das Mittel der Wahl.

Den angestammten Platz verlassen

Gerade als die Sitzposition, die erst sehr weit unten (auch große Menschen sehen so durch die Windschutzscheibe und stieren nicht den Scheibenrahmen) und sehr weit hinten ihren Anschlag findet, wie angeschmiegt war, war die gemeinsame Zeit mit dem M235i Cabrio auch schon wieder vorbei. Geblieben ist eine zerzauste Frisur, die helle Freude dass es einen locker-flockigen Fahrspaß-BMW in dem Format noch gibt und die Erkenntnis, dass die Trennung von sportlichem Flitzer und entspanntem Cruiser immer mehr verschwimmen kann. Auch wenn der M235i richtig Freude macht, wenn man ihm sie Sporen gibt und der sonore 6-Zylindersound dabei wohldosiert ans Ohr dringt – man genießt auch den einen oder anderen entspannten Kilometer, ohne sich vom Auto gestresst oder zwanghaft animiert zu fühlen. Und weils halt auch sein muss: es kostet leider ab 60.800 Euro (Handschalter, Basis) und passt halt eigentlich nur in ein Single- Paar- oder Drittautoschema. Schade, denn er würde jedem Menschen jeden Tag aufs neue Lust aufs Autofahren machen. Aber nur wenn der 1er/2er seinen angestammten Fahrdynamiker-Platz im Segment nicht verlassen muss.

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