• Der Jerminator

    Oder: Die Dramaturgie einer Einschaltquoten-Erhöhung

    Gastkommentar von Sebastian Triebl

Wer nicht genau hinsieht könnte denken die meisten Briten seien so verklemmt wie wir Österreicher angeblich besoffen. Und wer nur einmal die Signation der Sendung „University Challenge“ auf BBC 2 gesehen und gehört hat, möchte diesem Gedanken sofort und ohne weitere Reflexion freien Lauf lassen und England (und dessen Einwohner) ungefähr wie Dennis Farina in Guy Ritchie’s Film „Snatch“ auf „Fish, Chips, Cup of Tea, Bad food, Merry Fucking Poppins…“ und ähnliche Stereotypen reduzieren.

Ich kann und will solchen Vorverurteilungen nicht Folge leisten. Zu schwer werden diese für mich unter anderem vom Britischem Humor torpediert. Und einer, der derzeit humorvollsten Zeitgenossen der Insel ist Jeremy Clarkson. Seines Zeichens einer von drei Präsentatoren der weltweit wohl bekanntesten „Autopornosendung“ Top Gear.

Die Charaktere dieser Sendung sind genau so gut gezeichnet wie jene in aktuellen US-Fernsehserien. Jeremy Clarkson’s Charakter ist der des konservativen, patriotischen und sarkastischen Anführers der Truppe, der irgendwo zwischen Denker und Orang-Utan angesiedelt ist. Er kann es sich schon allein auf Grund seiner Schuhgrösse nicht erlauben irgendein Fettnäpfchen auszulassen. Dabei sind weder das Establishment noch die Alternative vor ihm sicher. Ein Freigeist vor dem Herrn also.

Somit ist auch klar welchen Stellenwert der „Jerminator“ für das Programm und dessen Ausrichtung einnimmt und vor allem, was er in seiner Funktion für die Einschaltquote der Sendung tun kann.

Er pöbelt. Mit Humor, mit Intelligenz, mit Lautstärke. Und dies tut er mit Inbrunst, Hingabe und aus vollem Herzen. Alles echt.

Wer nun denkt, dass eine erfolgreiche Sendung wie Top Gear es nicht nötig hätte, die Kontroverse als Werbetrommel zu rühren, der kennt wohl die Sendung in ihrer Version von 1977 bis 1998 nicht, die in der Zeit sage und schreibe 33 Moderatoren (darunter klingende Namen wie Stirling Moss) weggefrühstückt hatte und dabei immer noch todangweilig war. Das weltweite Phänomen Top Gear wäre in dieser Form und somit ohne Typen wie Jeremy Clarkson undenkbar gewesen.

Kontroverse ist hier also nicht nur eine Chance auf Gehör sondern eine Notwendigkeit.

Da uns alle aber seit Jahren schon eine nie da gewesen Medienflut umspült und wir von all dem schon ganz schrumpelige Finger haben, so als sässen wir zu lange in der Badewanne, mussten wir rein aus Selbstschutz mittlerweile auf fast all unseren Kanälen die Luken dicht machen. Dies hat zur Folge, dass nur noch derjenige Gehör findet der laut genug schreit, oder anders ausgedrückt: Ohne ordentlichen Skandal hin und wieder, geht heute einfach gar nichts mehr.

Das wiederum bringt eine weitere, ziemlich unschöne Blüte zum blühen:
Wir alle erschaffen immer mehr Skandale die eigentlich keine sind. Wir legen sämtliche Aussagen und Handlungen anderer auf unsere Goldwaagen, ohne Hintergründe zu kennen, weil wir in Wirklichkeit den nächsten Shitstorm, oder die nächsten Sau, die wir durchs Dorf treiben können, längst herbeisehnen. Das war auch schon immer so. Allerdings kommunizieren die meisten von uns mittlerweile so öffentlich und so schnell wie nie zuvor. Und damit wir selbst wiederum Gehör finden, benötigen wir für dieses Sprachrohr geeignete Munition die meist nicht hinterfragt in Copy Paste Manier verbreitet wird.

Dies alles macht uns aber als Zielgruppe sehr berechenbar und vor allem macht es den Job für diejenigen einfacher, die die grössten Sprachrohre betreiben. In diesem Fall die BBC.
Hauptsache Drama.

Nun also, kurz vor Ende der 22. Staffel (die ja in Argentinien schon mehr als rasant gestartet war), wurde der Hauptakteur zumindest vorläufig suspendiert. Die zuvor ausgesprochenen Warnungen des Senders ignorierend muss er nun etwas ausgefressen haben, dass schlimmer als all das zuvor da gewesene war. So zumindest kommt es uns, so oder ähnlich zuerst in den Sinn.

Die Rede ist nun davon, dass er seinen Produzenten geschlagen haben soll. Die Quelle dieses Vorwurfes, oder einen Beleg bleibt man uns aber schuldig. Es bleibt also rätselhaft, warum Jeremy Clarkson wirklich suspendiert wurde.

Die aktuelle Medienmitteilung der BBC und gleichzeitige Un-Information lässt mich viel profaner spekulieren: Einschaltquoten.

Wer noch nie hinter die Kulissen eines Fernsehsenders blicken konnte, noch nie mit Leuten aus diesem Geschäft zu tun hatte, dem schlafen hierbei vielleicht die Füsse ein, aber Einschaltquoten zwingen Medienmacher in die Knie und lassen gestandene Mannsbilder von einem Fuss auf den anderen tippeln als wären sie 12 jährige Schulmädchen vor der Mathe-Schularbeit.

Hier also (m)ein Szenario zur Erhöhung der Top Gear Quote vor dem Staffel Finale so wie es inszeniert sein könnte.:

– Jeremy Clarkson wird aus nicht kommunizierten Gründen vorübergehend suspendieren ✓
– Eine Pressemitteilung wird auf den üblichen Kanälen herausgeben✓
– Zuseher der Sendung (insgesamt, weltweit ca.350 Millionen pro Woche) beginnen zu spekulieren ✓
– „Experten“ und „Nicht Experten“ beginnen sich öffentlich zu äussern (da gehöre ich jetzt auch dazu) ✓
– Ein Gerücht von nicht genannten Quellen wird durch einen Mitarbeiter der BBC in Umlauf gebracht. Dies heizt die Yellow-Press nun noch mehr an ✓
– Manche Zuseher verfassen eine Petition und fordern von der BBC die Rückkehr von Jeremy ✓
– Innerhalb von Stunden hat die Petition mehr als 200’000 Unterzeichner ✓
– Wiederum andere sagen: „Endlich ist er weg, das wurde aber auch Zeit!“ ✓
– Mindestens ein mal das Programm aussetzen (WICHTIG, damit alles glaubhaft wirkt) ✓
– Jeremy kommt zurück an Bord
– Jeremy entschuldigt sich öffentlich. Die Entschuldigung gleicht wieder einer Provokation.
– Die Einschaltquoten der nächsten Sendungen werden die besten im ganzen Jahr
– Champagner für alle

Anmerkung: Der Plan kann in unregelmässigen Abständen wiederholt werden.

Und selbst wenn dies alles nicht so eintreten sollte, Jeremy Clarkson tatsächlich seinen Hut nehmen muss und „Top Gear“ für Ihn zu „Stop Gear“ wird: Die BBC und er sind nicht in letzter Konsequenz aufeinander angewiesen. Beide Seiten sind es gewohnt in und mit der Öffentlichkeit zu agieren und aus Krisen ergeben sich bekanntlich immer Chancen. Die Aufmerksamkeit ist beiden sicher.

Hierfür gäbe es übrigens auch schon ein Szenario. Oder hat etwa schon jemand Charlie Sheen vergessen?
Da gab’s übrigens neulich Gerüchte über eine Rückkehr zu Two and a half man.
War aber wohl ’ne Zeitungsente!
Aber gut, dass wir darüber geredet haben.

Über den Autor:
Sebastian Triebl ist Exil-Österreicher, Medienunternehmer und Verleger in der Schweiz
www.swissladiesdrive.com

Selbst wenn Jeremy Clarkson tatsächlich seinen Hut nehmen muss und „Top Gear“ für Ihn zu „Stop Gear“ wird: Die BBC und er sind nicht in letzter Konsequenz aufeinander angewiesen. Beide Seiten sind es gewohnt in und mit der Öffentlichkeit zu agieren und aus Krisen ergeben sich bekanntlich immer Chancen. Die Aufmerksamkeit ist beiden sicher.

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