• Länge läuft wieder

    Der neue Cadillac CT6

Die Welt ist offenbar doch nicht nur im SUV zu ertragen. Sondern wer wirklich mitmischen will in der Oberklasse, der braucht eine luxuriöse Limousine. Das haben jetzt auch die Amerikaner erkannt und eifern S-Klasse & Co nach.

Text: Thomas Geiger

Weltweit 1,8 Millionen Autos im Jahr und kaum eines davon unter 80 000 Euro – das ist ein Kuchen, von dem die amerikanischen Autohersteller in den letzten Jahren nur ein paar Krümel abbekommen haben. Denn aus dem lukrativen Segment der luxuriösen Limousinen haben sich General Motors, Ford und in den letzten Jahren konsequent verabschiedet. Früher einmal berühmt für Autos wie den Cadillac Eldorado, den Buick Park Avenue oder den Chrysler New Yorker, machen sie heute lieber den schnellen Dollar und möbeln dafür ihre technisch eher simplen und deshalb billig herzustellenden SUV zu teuren Luxus-Geländewagen auf.

In Amerika mag diese Rechnung halbwegs aufgehen. Doch in China, wo mittlerweile die meisten Reichen residieren, funktioniert das nur bedingt: „Wer eine ernst zu nehmende Luxusmarke sein möchte, der braucht eine repräsentative Limousine“, hat Ford-Chef  Mark Fields erkannt und lenkt den Blick deshalb auf  den neuen Lincoln Continental: Mehr als zehn Jahre nach Einstellung der letzten Generation beleben die Amerikaner die legendäre Luxusbaureihe zur New York Autoshow mit einer spektakulären Studie wieder – und sind damit nicht allein.

Cadillac will mitmischen

Denn auch Cadillac will wieder mitmischen im automobilen Oberhaus und präsentiert in Manhattan als Krönung einer 12 Milliarden Dollar schweren Modelloffensive das neue Flaggschiff CT6, das anders als der Lincoln bereits ein Serienmodell ist und Anfang nächsten Jahres auch nach Europa kommt. Aber auch der Continental bleibt nicht lange ein Schaustück: „Wir meinen es ernst und wollen mit Lincoln wachsen“, sagt Fields mit Blick auf gerade einmal 100.000 Zulassungen für die gesamte Marke. „Deshalb bringen wir den Continental von der Messebühne bald zurück auf die Straße.“

„Wer eine ernst zu nehmende Luxusmarke sein möchte, der braucht eine repräsentative Limousine“, hat Ford-Chef Mark Fields erkannt.

Auch wenn sich Chrysler als dritter im Bunde noch vornehm zurück hält und lieber weiter auf den noch von der alten Mercedes E-Klasse abgeleiteten 300er setzt, melden sich die Amerikaner damit lautstark in einem Segment zurück, das sie viel zu lange verlassen haben. Denn nicht nur in China und natürlich in Europa geben längst Audi A8, BMW Siebener und Mercedes S-Klasse den Ton an. Sondern selbst in den Straßen von Manhattan sieht man mehr Luxuslimousinen aus Deutschland als Amischlitten im Smoking.

Messerscharf

Damit sich das bald ändert, setzten die Amerikaner vor allem auf ein markantes Design: Zwar mag der Lincoln hinten verdächtig nach Audi Prologue aussehen und vorne – zumindest in den Augen des wütenden Bentley-Designchefs Luc Donckerwolke wie eine billige Kopie des Flying Spur – doch mit seinen weichen Rundungen, den markanten Scheinwerfern und vor allem dem riesigen Chrom-Grill ist der in rhapsody-blue lackierte Luxusliner auf der Messe der absolute Showstopper. Und auch um den fast 5,20 Meter langen Cadillac CT6 bilden sich im Javits Centre am Ufer des Hudson immer wieder dicke Menschentrauben – selbst wenn die betont breite und flache Limousine im Scheinwerferlicht nicht ganz so messerscharf und charakterstark aussieht wie auf den offenbar geschockt retuschierten Fotos.

Zwar müssen sich beide Autos auf der Straße erst noch im Wettbewerb mit der etablierten Konkurrenz beweisen. Doch die nötige Aufmerksamkeit haben Cadillac und Lincoln mit ihrem Doppelschlag schon mal erzeugt und sich in der Messeberichterstattung die meisten Schlagzeilen gesichert. Selbst ehrwürdige New York Times hat groß über das Comeback des „American Luxury Sedan“ berichtet.

Diese Aufmerksamkeit könnte diesmal durchaus etwas anhaltender sein. Denn anders als die wenigen großen US-Limousinen der letzten Jahre haben die beiden neuen Luxusliner jeder auf seine Art eine gewisse Substanz und warten deshalb mit viel ingenieuser Finesse auf.

Beim Lincoln gilt die vor allem dem Komfort und dem Kunsthandwerk: Selten war ein US-Modell derart detailverliebt ausgeschlagen wie die Studie, in der selbst die Pompadourtaschen an den Rücklehnen der Vordersitze aussehen, als hätte sie ein Sattler der Haute-Volée entworfen. Und von der luxuriösen Lederlandschaft mit dick gepolsterten Liegesitzen, automatisch dimmenden Scheiben und 30fach verstellbaren Sesseln in der ersten Reihe können sie sogar im neuen Mercedes-Maybach nur träumen. Wer einmal in dieser blauen Luxus-Lagune zum Liegen kommt, der findet selbst den dickten Stau in Peking eine Schau.

Ami-Bulle mit Alu-Karosse

Während im Lincoln Fahren zur Nebensache wird und sich alles Bemühen auf das Wohlergehen der Hinterbänkler richtet, will Cadillac die deutsche Konkurrenz mit ihren eigenen Waffen schlagen und feiert die Wiederentdeckung der Fahrfreude. Dafür setzten die Amerikaner nicht nur auf Heck- oder Allradantrieb, ihr viel gelobtes Magna-Ride-Fahrwerk mit magnetisch in Sekundenbruchteilen verstellbaren Dämpfern und eine neue Hinterachslenkung. Sondern vor allem predigen sie konsequenten Leichtbau und specken gleich mehrere Zentner ab. Weil die Karosserie weitgehend aus Aluminium besteht und auch sonst um jedes Gramm gerungen wurde, soll der CT6 mit weniger als 1,7 Tonnen zu den Leichtgewichten in seiner Liga zählen, verspricht Cadillac-Chef Johan de Nysschen. „So groß wie ein Siebener, aber leichter als ein Fünfer“, gibt er als Richtwert aus:  „Wir haben eine ganz neue Herangehensweise für die Plattform gewählt und eine einzigartige Formel für die Luxus-Sportlimousine der Oberklasse entwickelt“, so de Nysschen. „Das bringt etwas zurück, das diesem Segment mit der Zeit abhandengekommen ist: reinen, unverfälschten Fahrspaß. “

Bei allem Streben der Ingenieure um internationale Anerkennung bleiben  allerdings ein paar typisch Amerikanische Charakterzüge der großen Limousinen auf der Strecke. Denn so stattlich die Luxusliner mit ihren mehr als fünf Metern Länge sind, so schmächtig sind ihre Motoren: Unter der Haube des Lincolns säuselt ein nicht näher spezifizierter V6-Turbo mit drei Litern Hubraum und beim Cadillac beginnt der dann vermutlich nicht ganz so ausgeprägte Spaß mit einem aufgeladenen 2,0 Liter Vierzylinder, den der gemeine Amerikaner trotz seiner etwa 270 PS bis vor kurzem wahrscheinlich nicht einmal im Golfkarren akzeptiert hätte. Und auch wenn das Top-Modell auf immerhin 400 PS kommt, fehlt es den Powerpacks im Cadillac an Profil und Prestige. Denn von mehr als sechs Zylindern ist auch im CT6 nicht die Rede.

Das ist die schmerzliche Erkenntnis aus einer eigentlich schönen Botschaft: Der Amischlitten mag gerade sein Comeback feiern, doch der Abschied vom V8 als ur-amerikanischem Motor wird damit nur noch beschleunigt.

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