• Nouvelle cuisine!

    Der neue Renault Mégane

Die Franzosen ziehen einen weiteren Pfeil aus dem Köcher und erfinden das Hendl neu – Coq au vin, geschärft und zugespitzt: das Volumsmodell Mégane, den gerade in Österreich gerne von Aushilfsfranzosen als Meschanee gehunzten Bestseller, in vierter Generation. Das sechste Hauptgericht, äh Modell, das in diesem Jahr vorgestellt wird.

Von Bosko Andjelic

Renault´s Küche hat derzeit einen Lauf. Amtlich. Die Verve, mit der sie zur Zeit Erfolgsrezepte kreiert, beeindruckt. Mit Pariser Spitz (Captur), gefolgt von Quiche Lorraine (Clio), Crêpe Suzette (Twingo), Pot au feu (Kadjar) und Chateaubriand (Espace) haben die Franzosen eine richtig starke Phase hingelegt und traditionelle Speisen auf ihrer Menü-Karte neu und kreativ interpretiert. Die versammelte Automobilkulinarik war gespannt, wie sie die Variation à la Limousine des Urvaters aller Vans hinbekommen würden und siehe da – selbst die als nicht unbedingt frankophil geltende deutsche Springer-Küche hat – vom Namen mal abgesehen – ausschließlich Lob für den Talisman über. Pâté statt Eisbein, omnomnom.

It´s the economy, stupid!

Das C-Segment, vulgo Kompaktklasse, weist in Österreich by far die meisten Zulassungen auf und stellt sich nicht zuletzt deshalb als das größte Haifischbecken der Branche dar. In dieser Kategorie haben die SUVs zwar die klassischen 5-Türer/Limousinen knapp überholen, nicht jedoch abhängen können. Jeweils ein gutes Viertel aller Zulassungen entfallen hier weiterhin auf die traditionellen Hatchbacks bzw. deren Kombi-Ableger. Europaweit führen diese Traditionalisten aber weiterhin das Segment an – mit einem Volumen von knapp 3 Millionen Fahrzeugen jährlich setzen sie das Doppelte der Kompakt-SUVler ab. Potentiale, Potentiale – hört man die Renault-Vertriebschefs rufen. Und womit? Mit Recht. Genau aus diesem Grund wird der neue Mégane auf allen Kontinenten (Nordamerika mal ausgenommen) in knapp 50 Ländern angeboten werden. So natürlich auch in der Alpenrepublik – denn in den letzten 20 Jahren und während dreier Fahrzeug-Generationen fanden hierzulande 71.500 Exemplare ein Zuhause; ein Statement über dessen historisch hohe Popularität hierzulande.

Renault Megané

Am Rande bemerkt – der 2-er Mégane (ja, der mit dem Popsch!) war der coolste der Vorväter und Fatboy Slim´s Remix von Groove Armada´s „I see you, Baby (– shaking that ass)“ als offiziellen Jingle für dessen Media-Spots zu wählen, belegt nicht nur den angewandten Pfeifmichnix der Franzosen, sondern auch deren feinen Musik-Geschmack.

Très fesch, die Wäsch´. Und nicht nur die.

Renault´s aktuellster Beitrag in dieser prestigeträchtigen Klasse ist von sehniger Dynamik geprägt, die in wechselnden Lichtverhältnissen besonders zur Geltung kommt – mit eindeutigen Hinweisen auf die Verwandtschaftsverhältnisse zu den größeren Brüdern Talisman und Espace. Muskulös, sehnig, sportlich das Äussere – man sieht förmlich den Sprinter, der in den Startblöcken kauert und nur darauf wartet, losgelassen zu werden.

Die vertraute Handschrift von Chef-Koch Maitre Laurens van den Acker verspricht nach dem zu unauffällig gehaltenen Vorgänger wieder maskulineres Auftreten und somit ein deutlicheres Abstecken des gewünschten Reviers. Das Robustheit ausstrahlende 2/3 zu 1/3-Verhältnis von Blech zu Glasflächen ist derzeit populär, bedingt aber auch eine mittelprächtige Rundumsicht – die Heckscheibe verkommt zu einer Art Oberlichte, der Preis des knackigen Hinterns. Die mittlerweile zum familiären Stilmittel entwickelte Lichtsignatur an der Front, die C-Shape, lässt ihn richtig fesch aus der Wäsch´ dreinschauen. Fesch auf Portugues (sprich Portugesch) – quasi der Arbeitstitel unserer ersten Begegnung, hier in Lissabon.

Vertikale Homogenität bzw. familiäre Design-Integration nennt das Marketingsprech die optische Verankerung von gelernten Merkmalen innerhalb einer Produktfamilie – ähnlich gut wie die Gallier beherrscht das bei den big players derzeit gerade mal Mercedes-Benz, wo alle Klassen von A bis S miteinander stilistisch korrespondieren ohne beliebig zu wirken. In Bayern haben sie diese Kunst frisch verlernt. Ja, diese Watsch´n geht offiziell nach Ingolstadt und wenn sie in München nicht aufpassen, sind sie die nächsten, die sich in der – von Audi erfundenen wie perfektionierten – Copy/Paste-Maschine verlieren.

Kurze Überhänge, breite Spur, coupéhafte Dachlinie – all das markiert das neue Selbstverständnis von Renault, wo sie neuerdings erkannt haben, dass positive Konformität nix Schlechtes ist. Und dass es sich hierbei nicht um Fadesse oblige handelt, man sich aber auch das Leben nicht schwerer machen muss als notwendig. Zu lange hat Renault in den konservativer geprägten Segmenten versucht, automotive Spielregeln oder Geschmäcker umzudrehen bzw. umzutrimmen und ist sich damit selbst im Weg gestanden.

Der große Bruder Talisman markiert hier den augenscheinlichen Wendepunkt – Renault baut ein Mittelklasse-Auto wie sich die Welt ein Mittelklasse-Auto vorstellt und alle sind happy, sogar die Marmeladingers. Vergangen die Zeiten, wo Erwartungen und Ansprüche von Kunden mit einem Fließheck-Laguna – sagen wir es mal ganz direkt – optisch enttäuscht wurden. Man hat erkannt, dass die eigenen Kompetenzen – und derer gibt es viele – eben auch crowd-pleasing verpackt werden können.

… Mit Pariser Spitz (Captur), gefolgt von Quiche Lorraine (Clio), Crêpe Suzette (Twingo), Pot au feu (Kadjar) und Chateaubriand (Espace) haben die Franzosen eine richtig starke Phase hingelegt …

Doch das Wichtigste – schmeckt er, der neue Mégane?

Im Inneren beeindruckt die Materialienauswahl und davon profitiert besonders die Haptik – mitunter spielt´s ein ganze Klasse höher im Vergleich hierzu Schonkost. Dicht ist das Wort, das look, feel & touch am besten beschreibt. Die vermeintlich kleinen Dinge machen den großen Unterschied – von der Basis weg sind Instrumententafel, Mittelkonsole und Türinnenverkleidungen in sämtlichen Ausstattungslinien in edlem Titanium-Schwarz gehalten, Lüftungsdüsen in Matt-Chrom eingefasst und Nähte doppelt abgesteppt. Der Abschied von – ehemals aufdringlich beworbenen – hellen Innensymphonien bestätigt die Abkehr vom französischem Landhaus-Stil hin zu „Schöner Wohnen“ mit modernen KARE-Elementen, sozusagen. We like.

Zulassungsschatzi.

In der ersten von zwei zur Verfügung gestellten Ausführungen, dem ENERGY dCi 130, realistisch in Platin-Grau und Intens-Ausstattung gehalten, steht auch gleich der vorprogrammierte Liebling der Österreicher vor mir. Die famos kultiviert und zugleich unaufgeregte, mit 320Nm punchige Maschine, die bereits im Espace für Lobeshymnen hinsichtlich gebotener Leistung bei gebotener Enthaltsamkeit gesorgt hat, fühlt sich in diesem Umfeld erwartungsgemäß noch stimmiger an.

Das 6-Gang Getriebe wirkt so richtig zuhause und bis auf die etwas langen Schaltwege harmonisch. Das ist hier besser gelöst als im Kadjar, wo genealogisch mehr Japan drinsteckt und semi-präzise bzw. dezent-ruppig geschaltet werden muss. Komfortabel aber zugleich satt im Fahrwerk, die Lenkerei wohltuend präzise und organisch, wähnt man sich in einem Produkt deutscher Provenienz – üblicherweise für exakt diese Eigenschaften gelobt. Nach ausgiebigem Kennenlernen in der hügeligen Gegend rund um Sintra gibt es für diese austarierte Abstimmung das Prädikat „sehenswert“ – nicht zuletzt auch ein Verdienst der breitesten Spurbreite im Segment.

Die getestete, zweithöchste Ausstattungslinie, Intens, hätschelt indes die Entourage an Bord u.a. mit 2-Zonen Klimaautomatik, Handsfree-Keycard, R-Link 2 Multimediasystem mit 7“-Touchscreen und dem charaktererweiternden Renault Multi-Sense System zur Personalisierung des Fahrerlebnisses – aktuelle Fahrassistenzsysteme wie Spurhaltewarner, Verkehrszeichenerkennung und Tempomat mit Geschwindigkeitsbegrenzer sind bereits vom darunter liegenden Zen-Level mit an Bord. Derart ausstaffiert gestaltet sich das Leben an Bord wahrlich erstklassig – den Einstiegspreis des beschriebenen Testmodells von knapp €24k gegenübergestellt. Die Wahl um eigenes Geld, würde der Wiener Volksmund so schön sagen.

Mit Scharf.

Für etwas vollere Taschen bzw. einen sportlicheren Zugang bevorzugende Zeitgenossen hat Renault den Mégane GT parat – exklusiv erhältlich mit dem derzeitigen Spitzenaggregat ENERGY TCe 205 EDC. GT heißt erstmal höchste Ausstattungsstufe – einmal alles mit Ketchup, quasi – und wie der Name verspricht in erster Linie Gran Turismo, also beherztes und dennoch gepflegtes, großes (=langes) Reisen. Reisen, nicht Nürburgring? Achtung, Erwartungshaltung, Du tückisches Luder – für einen Renault Sport Mégane muss schließlich ja auch noch Platz sein im Verein. Mit dieser Prämisse nähere ich mich dem GT und freue mich über das rundum gelungene Optikpaket, das mit seinem mattschwarzen Kühlergrill, den wabenförmigen Versatzstücken in Frontspoiler und Heckschürze in Diffuser-Look, den beiden darin integrierten Auspuffauslässen geradeheraus „Es lebe der Sport!“ schreit, dies aber nicht zu aufdringlich oder zu laut – man ist ja kein Prolo nicht. Die schraubstock-geformten Sportsitze mit integrierter Kopfstütze, feingliedrig mit blauen Nähten abgesteppt, sehen nicht nur ernsthaft aus, sondern umarmen den Piloten auch wie ein long lost friendliebevoll, eng und herzlich. Nicht awkward. Nicht unnötig tough. Einfach true.

Blaue Innenraum-Akzentuierungen allenthalben, unpeinlich appliziert, ein Nappaleder-Lenkrad in Weißwurst-Dicke und feststehende Schalt-Paddles dahinter unterscheiden den GT-Innenraum von den zivilen Brüdern und machen auch Unbedarften klar, dass Renault Sport mit all seiner Erfahrung Geburtshelfer war und es quasi Bilderbuch statt Helene Fischer spielt. Die im GT serienmäßige Allradlenkung 4Control stellt ein absolutes Novum in diesem Segment dar und ist aus dem Espace bekannt. Sie verhilft dem Mégane GT zu einem Pfitschipfeil-Kurvenmanagement, das die sportliche Grundausrichtung unterstreicht ohne jedoch wie im Espace zeitweise singulär aufzufallen – smooth und stimmig, so muss das. Der an das geflissentlich schaltende 7-Gang EDC Doppelkupplungstgetriebe geflanschte ENERGY TCe 205 Motor ist ein kraftvoller, unaufgeregter und somit souveräner Begleiter – es werden ja generell zu wenige Benziner in Umlauf gebracht. Leider. Dieser hier wäre ein guter Botschafter seiner Zunft. Der eigens im GT-Modell verbaute „R.S.-Schalter“ schärft ihn bei Bedarf noch ein bissl nach und sorgt für das kleine Rundstrecken-Feeling am Weg vom Büro nach Hause. Was bereits beim Dieselmodell charakterlich auffiel, verstärkt und verdichtet sich noch beim GT – trotz aller gebündelten Fahrassistenzsysteme, deren positivem Involvement und zugrundeliegender Komplexität fährt sich der Mégane besonders organisch, ohne mit IT-Nerdigkeiten aufzufallen. Ein echtes Auto und keine überkandidelte App mit vier Rädern. Eine Eigenschaft, die viele potentielle Kunden – selbst die Techies – schätzen werden und zugleich Ausdruck smarter technologischer Integration.

What else?

Nein, nein – nicht Espresso zum Abschluss des Menüs, sondern andere starke Dinge am Start, sind die 5 Dieselmotorisierungen (von 90 bis 165 PS) bzw. 4 Ottos, die zwischen 100 und 205 Ponies zur Arbeit bemühen, entweder handgerissen oder mit EDC Doppelkupplungsgetrieben – allesamt zwangsbeatmet. Wer auf den Look des Mégane GT reflektiert, jedoch keine Zuschüsse zu Österreichs Budget-Defizit leisten will, dem stehen die optischen Attribute des Gran Turismo-Modells in der sogenannten GT-Line Ausstattung auch mit börserlschonenderen Motorisierungen zur Verfügung. Sparsamere Geister werden in den Linien Life und Zen, komfortablere Zeitgenossen bei Intens und BOSE fündig. Bei letzterer wurden by the way die BOSE Sound-Designer schon in frühen Entwicklungsstufen des neuen Mégane tätig, um den optimalen Raumklang mit auszutüfteln. Spannend.

C´est… bon marché.

Des weiteren reden wir hier vom 19. Renault Modell mit 5*-Ergebnis im EURO-NCAP Crashtest und Renault Österreich gibt selbstbewusst 4 Jahre Garantie auf seinen neuen Hoffnungsträger. Los gehts ab EUR 16.990 für den Einstiegsbenziner, der kleinste Diesel startet ab EUR 20.190 durch. So gesehen widerspreche ich den Kollegen der Auto Bild bei deren Einschätzung – es handelt sich hier nicht um einen AntiGolf, sondern vielmehr um einen Pro-Mégane: die durchgängige, schlüssige Weiterentwicklung hin zu einer echten Option anstatt nur einer Alternative in der Kompaktklasse. So schmeckt uns das – Chapeau, Renault!

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