Erste Reihe fußfrei im E-Klasse Cabrio

Der Platz an der Sonne

Bevor noch das heißersehnte E-Klasse-Coupé den Markt aufmischen darf, hat man bei Mercedes schon das entsprechende Cabrio in den Startlöchern. In Vorbereitung auf den Generationswechsel der wichtigsten Benz-Baureihe dreht die Stuttgarter Sonnenbank mitten im Winter letzte Testrunden unter der glühenden Sonne im US-Staat Arizona.

Von Thomas Geiger

Rund um Phoenix und die mit eigenem Kopfsteinpflaster auf europäische Werte getrimmte Teststrecke schinden und winden sich Prototypen im Dauerlauf, damit später nichts quietscht in der Karosse und nichts knirscht hat im Gebälk, wenn Mercedes-Benz seine treuesten Kunden im September an die frische Luft setzt. Allein die Verdecke werden dabei 20.000 Mal geöffnet und geschlossen, sagen die Entwickler, und ihre Marterstrecken entsprechen im echten Leben mindestens der zehnfachen Distanz.

Die Mühe machen sich die Schwaben nicht ohne Grund. Der Schuss muss schließlich sitzen, sagt Chefingenieur Christian Früh: „Denn die E-Klasse ist unser Kernmodell bei den Cabrios“, sagt Chefingenieur Christian Früh. Zwar fischt Mercedes mit der offenen C-Klasse auch im Segment darunter und für verwöhnte Sonnenanbeter hat die S-Klasse die Hüllen fallen lassen. Doch während diese Autos neu sind im Portfolio, hat die E-Klasse viele Stammkunden, die Früh nicht verlieren will.

Die lockt er vor allem mit dem hohen Alltagsnutzen. 14 Zentimeter länger als die C-Klasse und im hinten sogar deutlich geräumiger als die opulente S-Klasse ist das E-Klasse Cabrio deshalb ein vollwertiger Viersitzer geworden, in dem man es nach einem etwas ungelenken Einstieg tatsächlich auch als Erwachsener ganz gut aushalten kann. Natürlich ist die Bank ein bisschen kürzer und dünner als bei der S-Klasse, die Lehne steht steiler und ist ebenfalls weniger weich gepolstert. Aber man spürt deutlich, dass die E-Klasse um zwölf Zentimeter gewachsen ist, von denen elf im Radstand und fünf beim Abstand zwischen Rückbank und Vordersitz ankommen: Wo Hinterbänkler bei der Konkurrenz oft die Ohren zwischen die Knie nehmen müssen, kann man in der E-Klasse zwar noch immer nicht lümmeln, sitzt aber aufrecht und bekommt bequem beide Beine auf den Boden.

Wie ernst es Früh und seine Truppe mit der Viersitzigkeit und dem Alltagsnutzen meinen, sieht man auch an ein paar anderen Details: So haben sie in das weitgehend von der C-Klasse übernommene Dach nicht nur eine dickere Dämmung eingearbeitet und die Konsolen hübsch mit Leder verkleidet. Sondern es gibt für den Fond sogar eigene Leseleuchten. Außerdem glüht in den Polstern auf Wunsch eine Sitzheizung. Und 390 Liter Kofferraum sind für ein Cabrio auch nicht schlecht.

Die Detailänderungen am Design kann man angesichts der letzten Tarnfolien bei der Abnahmefahrt noch nicht erkennen. Und bei der Technik tut sich nichts, räumt Früh ein: Es gibt für das Cabrio die bekannte Ausstattung mit allen Gadgets der E-Klasse vom Infotainment-Paket bis zum beinahe autonomen Fahren und den aus der C-Klasse bekannten Cabrio-Finessen wie dem Airscarf oder dem elektrschen Windschott hinter den Sitzen. Und natürlich sind auch die Motoren alles alte Bekannte. Dass es Benziner vom E 200 mit 184 PS bis zum E 43 mit 401 sowie den E 220d mit 194 oder den E 350d mit 258 PS geben wird, ist deshalb fast schon selbstverständlich. Und dass Mercedes, der Plattformstrategie sei Dank, erstmals auch die 4Matic fürs Cabrio übernimmt und in gleich vier Modelle einbaut, ist zumindest keine große Überraschung.

Trotzdem ist das Cabrio nicht einfach ein Klon des Coupés, verteidigt Früh den Aufwand, den seine Kollegen bei der Abstimmung betrieben haben. Denn wo die Limousine so etwas wie das Urmeter der Marke ist und es allen recht machen muss und das Coupé ein leidenschaftlicher Sportler sein will, versteht Früh das Cabrio als vornehmen Power-Cruiser, der zwar agil aber nicht aggressiv sein soll. „Das ist schließlich die E-Klasse für genießer“, sagt der Chefingenieur und kann deshalb auch mit den rund 150 Kilo Mehrgewicht gut leben.

Diese Genießer hatte Mercedes auch bei der Innenausstattung im Sinn. Denn obwohl das Cabrio in weiten Teilen mit dem Coupé identisch ist, zollen die Schwaben den Hedonisten Tribut und bieten ihnen zumindest ein paar besonders expressive und exklusive Farben für Lack und Leder an. Das letzte blau belederte Armaturenbrett zum Beispiel ist schon ein paar Jahre her, erinnert sich Früh. Und über das Tizianrot haben die Kreativen lange mit den Entscheidern streiten müssen, bevor es den Segen von ganz oben gab.

Jetzt muss Frühs Rechnung nur noch aufgehen und die offene E-Klasse muss sich neben den Cabrios von C- und S-Klasse behaupten, ohne dass die jungen Geschwister darunter allzu sehr leiden. Das wird nicht zuletzt auch eine Frage des Preises sei, über den Früh bei aller Offenheit noch nicht sprechen will. Doch wenn Mercedes schon bei der C-Klasse gute 20 Prozent Frischluftaufschlag zur Limousine berechnet, werden es bei der E-Klasse kaum weniger und man muss wohl mit guten 50 000 Euro rechnen. Einen Platz an der Sonne gibt es schließlich nicht zum Nulltarif.