• Die großen Drei

    Mercedes S500 4MATIC vs. BMW 740d XDrive vs. Audi S8. Und am Rücksitz: Mr. Curtis.

Die Zeiten, in denen man Luxuslimousinen zum Schlafen benutzte, sind länger vorbei als man glauben mag. Herr Direktor will nicht nur im Fond sitzend arbeiten, sondern dann und wann auch hinterm Lenkrad anstoffen. Ob derlei auch wirklich Sinn macht, haben wir uns auf Österreichs berühmtestem Stückchen Asphalt angesehen. Und den drei Luxus-Vehikeln einen rauchigen Nachmittag fernab ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt.

von Franz J. Sauer & Greg Josel

Von den Kennzahlen her tät’s ja passen. Alle drei haben Allradantrieb, alle leisten über 300 PS, manche sogar weit mehr. Soundwärts haben die großen Drei neuerdings ebenfalls viel zu erzählen, weit mehr Sarastro als Flüsterasphalt. Dazu kommt noch gehörig viel Fahrwerks-Hirnschmalz, man mag sich ja nicht verkühlen wenns dann mal schnell ins Geläuf geht. Die allesamt sechsstelligen Kaufpreise rechtfertigt schließlich das gehörige Extra-Batzerl Komfort, dass man beim Siebener-BMW ebenso mitgeliefert bekommt wie mit der S-Klasse von Mercedes-Benz und dem S8 von Audi. Zieht man derlei Fakten in Betracht, kommt es einem gar nicht mal mehr so verquer vor, dass wir drei Luxusliner reinsten Wassers ausgerechnet auf einer Rennstrecke zum Vergleichstest baten. Oder?

Ein großer Bulle, drei große Autos. Allen inne wohnt Morch und Potenz. Nicht alle bringen diese gleich auf die Erde.

Und wir dürfen durchwegs vollzugsmelden: gut is ‚gangen, nix is g’scheng. Wir haben alle drei Autos in jeweils einem Stück an die Hersteller retourniert, nicht mal die Reifen haben wir über Gebühr abgefahren. Man darf das nicht falsch verstehen, im Sinne von: jetzt lassen wirs mal Rauchen und treiben schöne Autos an ihre Leistungsgrenzen, dass die Fetzen nur so fliegen. Das bringt nix, weder Spaß noch Ergebnisse. Da ist es doch ganz viel lustiger, wenn man sich Testkriterien überlegt, die bei einem solchen Auto sonst eher nicht zur Anwendung kommen.

Der Herr Curtis

Gut nur, dass man zu solchen Anlässen stets den Rock’n’Roll-Musiker seines Vertrauens zur Hand hat und um eifrige Mitarbeit ersuchen kann. King C. Curtis, Rockabilly-Ikone aus Wien 11 (in schlechten Kreisen wird der gute Mann auch als „Simmerking“ verschrieen, wer in unserer Gegenwart sowas sagt, kriegt allerdings sofort eine Kopfnuss, haben wir sich verstanden?) und von Guntramsdorf bis Austin, Texas

Das ist Mr. Curtis, unser Fond-Tester in der Luxusklasse. Immer mit dabei: seine schwarze Gretsch. Fürs Austesten der Kopfräume zuständig: die tolle Tolle (im King-Sprech: „Wöön“)

wohlgelittener Gretsch-Guitar-Slinger ist das Mitfahren in großen Autos gewohnt. Allerdings meist in amerikanischen, wenn er mit Band und Gerät von Gig zu Gig reist. Weil Privatflugzeughersteller stets Lieferengpässe vortäuschen, wenn Bestellungen ohne übermäßige Kontodeckung erfolgen, wurde letzthin eine gesamt-komplette Europatour von Hamburg bis Senigallia auf Rücksitzen von Limousinen absolviert. Dass es hierbei nicht welche von der Exquisität der unsrigen waren, spielte da keine Rolle. Umso gerne testete Mr. Curtis die hier versammelten Rücksitzbänke auf ihre Gitarristen-Tauglichkeit. Wobei die Höhe der Tolle durchaus eine Rolle spielte, puncto Kopffreiheit, you know.

Edel schützt vor Sportlich nicht

Klar, den guten Elfer in der Garage können die Oberklassler hier weder uns noch Herrn Curtis künftig ersetzen – wollen sie übrigens auch nicht. Sportwagen sind Sportwagen und Luxusautos sind Luxusautos, keiner will den anderen kannibalisieren (schließlich haben alle drei Hersteller auch Vertreter der anderen Gattung im Sortiment und wollen diese an den Mann bringen). Dennoch verlangt man der Hightech-Attitüde des modernen Automobilbaus vor allem in der Ober-Oberklasse ein wohlsaturiertes Allrounderwesen ab. So sollen auch die Chauffeure der Vorstandsetagen oder Show-Biz-Transporteure Spaß bei der Arbeit haben, viel Spaß sogar – während sich der Chef (oder eben: Musikstar) im Fond vollvernetzt einem Entertainmentangebot hingibt, dass früher nicht mal Wohnzimmer konnten.

Business-Class

Auf die Spitze treibt es diesbezüglich wie gewohnt die Sonderklasse von Mercedes-Benz. Vom mannigfach verstellbaren Liegesitz mit Hot-Stone-Massage-Funktion bis hin zum vollvernetzten DVD-Filmangebot-Business-Telefonsystem spielt das Passagierabteil im S 500 all jene Stückerln, die wir uns vom Maybach selig so dringend gewünscht hätten und erst vorne spielt sichs ab: für das freihändige Umrühren im COMMAND-Online-Grossrechenzentrum des Zentralcomputers werden demnächst Uni-Tutorials mit Bachelor-Abschluss angeboten. Verblüffend am Benz: schon mit etwas Basiswissen in Sachen Auto-Entertainment kommt man mit den Grundfunktionen zurecht, in 90 Prozent aller ausgelieferten Modelle liegt allerdings mit Sicherheit brach, was man sich hier noch alles einstellen könnte. Dass es einem die versammelte Fahrassistenz namens „Intelligent Drive“ zudem nahezu unmöglich macht, einen Auffahrunfall zu bauen, wird demnächst für Malus-Wettbewerbe unter den Berufsfahrern sorgen. Auf dem Ring schließlich verblüfft, wie unbeeindruckt sich das Riesending in die Ecken werfen lässt, das wohl beste Luftfahrwerk des weit und breit macht es möglich. Und 455 Pferde sorgen dafür, dass sich der S-Benz ungefähr 1000 mal dynamischer fährt, als er aussieht.

Gediegen, griffig und einzigartig edel. So muss Sonderklasse von Mercedes-Benz.

Alle drei Testwagen wurden unversehrt und mit voll intakten, gesetzeskonformen Reifenprofilen retourniert

Supersport im Limo-Gewand

Beim Audi S8 passt die Optik genau zur Leistung. Bereits am „S“ im Namen ist zu erkennen, dass sich dieser reinrassige Sportwagen nur zufällig ins Gewand einer Luxuslimousine verirrt hat. Trotzdem sitzt es sich auf den Rücksitzen angenehm bis kommod, damit wäre das Thema Mitfahren allerdings auch schon abgehandelt. Für den Infight bieten Sound wie Haptik des V8-Biturbos sportlichsten Support, es macht ebensoviel Freude, die Gänge richtig auszudrehen wie das Auto brutalst in die Ecke zu zwingen: Wie quick und souverän sich doch 2300 Kilogramm in den Randbezirken der Straßenlage bewegen lassen. Auf der Technikfront glänzt der große Audi (dessen Outfit durch das letzte Facelift zwar gewonnen hat, sich mit Begriffen wie Würde und Größe aber noch immer schwer tut) durch Matrix-Scheinwerfer, die auch aufgeblendet nimmer blenden und eine Zylinder-Abschaltung, die Vebrauchswerte unter zehn Litern ermöglichen – zumindest auf dem Papier.

Luxus-Diesel

Den einzigen Diesel gibt der Bayer, der bald klarstellt, dass man es in München vorzüglich versteht, Autos rund um ihre Piloten zu bauen. Trotz Leistungsmanko (die kleine Kubatur ist der Wirtschaftlichkeit geschuldet, ein Doppelturbo gleicht behende aus) ist der BMW 740d XDrive subjektiv die direkteste Fahrmaschine. Dass er, der älteste im Bunde, auch optisch vorzüglich punktet, relativiert den Leistungs-Gap zum Rest des Trios in seinem Sinne.

Ein Audi verlangt stets von einem, dass man ihm die Sportlichkeit ansieht. Besonders ausgeprägt präsentiert sich dieses Leiden bei Typen wie dem S8. Und man muss sagen: nicht ganz zu unrecht. 

Mr. Curtis mag den Audi, wir lieben den BMW. Und beim nächsten mal den die S-Klasse, versprochen …

Der zweite Bayer, der einzige Diesel. Trotzdem erstaunlich spritzig, so ein Siebener-BMW. Unerwarteterweise der Gewinner der Herzen (bloß dem Musikanten hat der S8 besser gefallen. Aber was will man von solchen Menschen auch erwarten …)

Wer hat gewonnen?

Ursprünglicherweise natürlich: keiner. Zu viele Präferenzen und Befindlichkeiten werfen sich zwischen uns und diese Abordnung von Superautos, wenn man einen Sieger abseits irgendwelcher Messbarkeiten oder technischer Unerhörtheiten nominieren möchte. Erfrischend unvoreingenommen widmete sich unser Musikus der nie gestellten Frage, welchen er den nehmen würde: „Da Audi, ka Frage. I mean, you know … they love the quattro in the US. Und schnittig isser ausserdem. Irgendwann mogst nimma hinten sitzen. Ehrlich … do foa i liaba, I mean … you know …“. Issja gut, Mr. Curtis. Weil man ja schon aus Prinzip nicht einer Meinung sein kann mit dem Promi-Tester, fiel die Wahl dann letztlich gar nicht schwer – der BMW müsste es ein. Sorry, Benz, wir lieben den Stern, ehrlich jetzt. Aber – der Bayer gibt den kleinsten in der Runde, macht am wenigsten Wind in Sachen Luxus und Antrieb und ist noch dazu ein Diesel, hilft uns also die Mahlzeit in jenen Lokalen finanzieren, die man üblicherweise in solchen Karren ansteuert. Es bleibt einem sozusagen keine andere Wahl als Dich zu lieben. Und die S-Klasse lieben wir dann beim nächsten Mal …

Wir haben das ganze übrigens auch in Bild und Ton festgehalten, im Auftrag von und in Kooperation mit autonet.at. Enjoy ...

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