Ein Hoch auf die schnellen Kompakten!

von Bernhard Katzinger

Fotos: Hersteller, Eryk Kepski

Dieser Tage kündigte Mini den neuen John Cooper Works Clubman an, Audi präsentierte den neuen TT RS. In der Redaktion drücken wir uns gegenseitig die Schlüssel für einen Golf GTI Clubsport, Megane GT, Seat Leon Cupra, Peugeot 308 GTi oder Skoda Octavia RS 230 in die Hand. Allesamt Kompakte mit – sagen wir mal – gut im Futter stehenden Motoren. Braucht das noch wer?

Der knackige Audi TT RS propellert sich dank 400 PS aus dem 2,5 Liter-Fünfzylinder und Launch Control in 3,7 Sekunden von Null auf Hundert. Und klingt dabei auch nicht schlecht.

Die Frage nach der Relevanz schneller Kompakter, Sportcoupés und dergleichen stellt sich unsereins öfter als dem Durchschnittsautofahrer. Presse-Testwagen sind durchwegs recht großzügig motorisiert.

Verkauft sich sowas heute noch? Gehören Autos wie diese nicht längst zu biodynamischen Elektroantrieben recycled? Weil: Obwohl die Normverbräuche der brachial motorisierten Alltagsautos im Labor fast menschlich wirken, stehen auf dem Display des Bordcomputers im Alltagsbetrieb wohl nahezu immer zweistellige Literzahlen pro 100 Kilometer.

Nicht gerade zeitgemäß, hm?

Nicht unpraktisch

Was alle diese unvernünftigen Fortbewegungsmittel eint, ist, dass sie wie Handschuhe passen. Man sich ihren optischen Reizen nicht entziehen kann: große Räder, dicht geduckt über dem Boden. Auch innen: nicht direkt komfortabel, aber in der heutigen Zeit durchaus reisetauglich. Platz ist genug, das Fahrwerk kann auf Comfort eingestellt und das schnelle Fahrzeug damit auch für das (Klein-) Familienwochenende genutzt werden.

Und wenn Papa dann morgens kurz die Ferienwohnung verlässt, um „schnell“ das Frühstück zu holen – dann ist das nach Druck auf den jeweiligen Adrenalinknopf keine bloße Redensart mehr.

In der Minderheit

Natürlich sind die Speerspitzenmodelle Minderheitenprogramme der Hersteller. Insgesamt leisten nur etwa 13 Prozent aller neu zugelassenen Autos mehr als 171 PS (Zahlen aus 2016, Quelle: Statistik Austria). Knapp 70 Prozent aller Neuzulassungen leisten 143 PS oder weniger. Hauptsächlich limitierender Faktor ist vermutlich der Preis.

Der VW Golf GTI Clubsport ist ab knapp 42.000 Euro zu haben – eine doch beachtliche Preisschwelle für einen, der einen Kompakten mit 265 PS (290 kurzzeitig mit Boost-Funktion) haben will. Der Seat Leon ST Cupra mit 290 PS kostet ab 40.000 Euro, der schnelle Octavia RS 230 Combi ab 37.000 Euro.

Nach oben aus diesem Vergleich heraus fällt der neue Audi TT RS, das neueste heiße Sportcoupé am Markt (kommt im November), für das man ab 80.000 Euro berappen wird müssen. Dafür gibt’s 400 PS aus einem sagenhaft klingenden Fünfzylinder – ein Aggregat, das in seinen historischen Iterationen öfter zum „Engine of the Year“ gewählt wurde als Rain-air Behaunski zum Motorblock-Mitarbeiter des Monats.

Warum?

Wieso bauen die Hersteller die schnellen Top-Modelle dann überhaupt? Weil sie Träume befördern und so die Basismodelle verkaufen helfen. Allein die Existenz eines GTI Clubsport erzeugt raciges Wohlbefinden in jedem, der sich einen der über 1.000 im Juli 2016 allein (!) zugelassenen VW Golf zugelegt hat. Und weil das Streben nach dem Maximum generell das Beste im Ingenieur hervorbringt.

Übrigens sind im August 2016 auch 263 Elektroautos an die Frau oder den Mann gebracht worden – fast doppelt so viele wie im August des Vorjahres. Und das, obwohl der Leidensdruck durch die Treibstoffpreise sicher nicht entscheidend größer geworden ist in den letzten zwölf Monaten.

Also Kirche im Dorf lassen? Und vielleicht mal wieder das ESP ausschalten und mit durchdrehenden Rädern weg von der Kreuzung? Good, un-clean fun? Weil der Dampfer, der die Frühstücksbananen aus Costa Rica bringt, ohnehin viel mehr Dreck in die Luft bläst?

Muss ja nicht jeden Tag sein.