Der gutmütige Bulle

Unterwegs im Ford Edge

Wenn man vor dem Ford Edge Vignale steht, schießt einem sofort das Wort „bullig“ durch den Kopf. Und das beschreibt dieses Auto nahezu perfekt, wobei sich dies nicht nur auf das äußere Erscheinungsbild beschränkt. Während der zwei Wochen, die ich mit dem Edge verbringe, stelle ich fest, dass mir dieses Fahrzeug schleichend immer mehr ans Herz wächst – mehr als ich anfangs wohl gedacht hätte. Aber gut, wer erwartet auch schon, dass ein Bulle auf Kuschelkurs geht?

Text: Jakob Stantejsky

Oje, das Wort kuscheln in irgendeiner Form hätte ich in Verbindung mit einem Auto besser nicht in den Mund nehmen sollen. Schließlich ist sowas im Moment ganz furchtbar out! Jedes zwergige Stadtauto muss zurzeit frech und wild sein, größere Fahrzeuge müssen sich sowieso der Aggressivität verschreiben – sei es design- oder fahrtechnisch. Aber jetzt verrate ich euch mal was: Mir ist das ziemlich wurscht und dem Ford Edge geht das erst recht am Heck vorbei. Ich gebe zu, beim Kennenlernen war ich nicht überzeugt, ob ich denn in diesem Auto besonders viel Spaß haben werde. Ist halt ein großer SUV wie viele andere, oder? Jein.

Denn wo manch andere Geländesänften hauptsächlich mal SUV sind und dann erst ihre eigene Identität haben, ist der Edge einfach er selbst und scheißt aufs Drumherum, um es mal gepflegt auszudrücken. Wenn man in diesen Bullen einsteigt, übernimmt man diese Einstellung auch ganz automatisch. Drinnen gibt es alle Annehmlichkeiten, obwohl die Rustikalität dennoch nicht zu kurz kommt, von der Sitzkühlung bis zum automatischen, elektrischen Allerlei. Das Vignale im Namen hilft hier natürlich, denn die höchste Ausstattungsvariante hat eigentlich schon so gut wie alles im Gepäck, mit der stärksten Motorisierung von 210 Diesel-PS kommt man dann auf maximal knapp über 60.000 Euro.

210 PS für ein vier Meter 80 langes, beinahe zwei Tonnen schweres Gerät klingen in euren Ohren nicht nach genug, geschweige denn viel? Ich kann die Zweifel zwar verstehen, aber muss sie dennoch zerstreuen. Denn der 2,0 Liter-Vierzylindermotor ist ebenso bullig wie das Auto selbst und stemmt das Fahrzeug mit scheinbarer Leichtigkeit. So legt man von der Ampel weg zwar keinen quietschenden Reifenfresserstart hin, doch wenn man es drauf anlegt, hat man dank der rasch ansprechenden Automatik meist dennoch die Nase vorn. Der Edge ist also kein Vollblutrennpferd, aber das wiederum wirkt sich höchst positiv auf den Preis aus, der bei Bullen offensichtlich deutlich niedriger liegt. Man fühlt sich übrigens erstaunlich wohl mit dem Edge im Stadtgewusel, die weitreichenden Dimensionen erwecken mehr das Gefühl von Überlegenheit als nervöse Platzangst bei Spurwechseln und Einparken.

Doch auch auf Landpartie fühlt sich der Bulle zuhause. Denn mit seiner ruhigen, unaufdringlichen Kraft frisst er stoisch die Autobahnkilometer und auf der Landstraße präsentiert er ebenfalls souverän. Wenn man will – und ich will das eigentlich immer – hat man auch seinen Spaß auf kurvenreichen Abschnitten, denn der Edge zeigt sich durchaus abenteuerbereit. Klar, ein Racer ist er nicht, aber für einen dicken SUV ist er dennoch agil und bewegungsfreudig – wie ein Bulle in der Arena eben.

Nach zwei Wochen fühle ich mich tatsächlich sehr wohl in der Gesellschaft meines Bullen, der in mir sowohl Ruhe als auch Freude hervorruft. Denn im Edge habe ich nicht nur keine Lust, mich über die zahllosen Sonntagsfahrer zu ärgern, sondern empfinde nicht einmal den Anlass dazu. Schließlich sitze ich entweder einen halben Meter über ihnen oder, wenn es ebenfalls SUVler sind, wirken sie im Vergleich zum Bullen so viel zerbrechlicher, mit all ihrem Designblabla. Der Ford Edge Vignale scheint all den Schnickschnack nicht zu brauchen, er genügt sich selbst voll und ganz. Mir übrigens auch. Und bei der Rückgabe ist das weinende Auge deutlich ausgeprägter als das lachende, denn auch wenn ich viel Vergnügen mit dem Auto hatte, lieber würde ich es einfach noch ein paar Wochen behalten.