Auch ein Dickschiff wie der Ford F-150 braucht bisweilen eine Diät: So wappnet sich Amerikas beliebtester Dinosaurier gegen das Aussterben.

Text: Thomas Geiger

Von wegen Heavy-Metall und altes Eisen! Wenn Pete Reyes solche Kritik am Ford F-150 hört, kann der Chief Engineer nur herzlich lachen. Nicht dass dem Pritschenwagen derartige Unkenrufe irgendwie geschadet hätten. Immerhin ist die F-Serie seit 32 Jahren das meistverkaufte Auto in Amerika, kommt in bislang zwölf Generationen in mehr als 60 Jahren auf über 30 Millionen Einheiten und findet alle 43 Sekunden einen neuen Kunden. Doch weil auch Dinosaurier mit der Zeit gehen müssen, damit sie nicht irgendwann doch noch von der Evolution überrollt werden, hat sich Reyes diesmal besonders ins Zeug gelegt und eine echte Revolution angezettelt: Zum ersten Mal bei einem Pick-Up besteht die Karosserie komplett aus Aluminium.

Den Leiterrahmen hat Reyes zwar auch diesmal aus hochfestem Stahl konstruiert, weil sich der F-150 sonst unter den Lasten, die ihm von Farmern und Forstarbeitern, Mineuren und Managern bisweilen aufgebürdet werden, verbiegen würde wie eine Coladose. Vom harten Einsatz auf schwerem Terrain ganz zu schweigen. Doch weil diesseits des stabilen Skeletts alles aus dünnem Alublech gefertigt wird, speckt der Dinosaurier bis zu 350 Kilo ab und muss sich kaum mehr als Dickschiff schimpfen lassen. Das lässt sich Ford zwar einiges kosten, bringt die Amerikaner aber nicht nur im Segment an die Spitze: „Es gibt jetzt weltweit keinen anderen Automobilhersteller, der so viel Aluminium verwendet, wie wir“, sagt Reyes – kein Wunder, bei teilweise mehr als 700 000 F-150 im Jahr und bis zu 500 Kilo Materialeinsatz pro Auto.

Ein Ford F-150 … ist leicht geworden???

Weil das Auto so leicht geworden ist, kann der F-150 nicht nur mehr Ladung schultern und größere Lasten schleppen als die Konkurrenz. Ihm reicht auch ein kleinerer Motor, argumentiert Reyes und stimmt mit ein in das Hohelied des Downsizings, das sonst vor allem die Kollegen aus der Pkw-Fraktion singen. Sein ganzer Stolz ist deshalb ein neuer Sechszylinder-Turbo mit nur noch mickrigen 2,7 Liter Hubraum. „Der fährt wie ein V8, braucht aber 20 Prozent weniger als bisher“, schwärmt der Ingenieur.

Winziger Motor …

Zwar sieht der winzige Motor unter der riesigen Haube fast schon ein bisschen verloren aus. Doch bei der ersten Ausfahrt mit der amerikanischen Legende macht der EcoBoost-Antrieb eine richtig gute Figur: Mit maximal 508 Nm hängt er überraschend gut am Gas, ist leise und hat mit dem trotz des Alu-Aufbaus noch immer tonnenschweren Trumm leichtes Spiel. Zumindest, solange die Pritsche nicht mit den maximal 1,5 Tonnen beladen ist und keine 5,5 Tonnen am Haken hängen, bäumt sich der F-150 damit beim Ampelspurt ordentlich auf und stürmt davon mit der Macht eines wütenden Büffels beim Rodeo. Nur jenseits von 140, 150 Sachen wird die Luft ein bisschen dünn und der sonst flüsterleise Motor muss lautstark orgeln – aber so schnell darf man im Mutterland des Tempolimits ja ohnehinn nirgends fahren.

Mit einem Vierzylinder haben die Amerikaner zwar auch geliebäugelt, zumal sie dem EcoBoost-Prinzip sei dank auf ein ähnliches Leistungsniveau gekommen wären. „Aber ganz so einen großen Sprung wollen wir unseren Kunden dann doch noch nicht zumuten“, sagt Motorenmann Peter Frantzeskakis

Wer trotzdem mehr möchte, den lässt Reyes natürlich nicht im Regen stehen. Es gibt schließlich noch einen 3,5 Liter großen V6, der als Sauger 283 und mit Turbo 365 PS leistet und für den harten Arbeitseinsatz oder einfach nur den Spaß an der Freude auch weiterhin einen wunderbar hausbackenen V8 mit fünf Litern Hubraum und 385 PS. Mit einem Vierzylinder haben die Amerikaner zwar auch geliebäugelt, zumal sie dem EcoBoost-Prinzip sei dank auf ein ähnliches Leistungsniveau gekommen wären. „Aber ganz so einen großen Sprung wollen wir unseren Kunden dann doch noch nicht zumuten“, sagt Motorenmann Peter Frantzeskakis: „Vielleicht bei der nächsten Generation, eins nach dem anderen.“ Viel lieber als über weitere Sparkonzepte philosophiert er deshalb über noch stärkere Varianten und verspricht deshalb, dass auch die Rennversion „Raptor“ ganz sicher einen Nachfolger bekommt.

Ein Ford F-150 braucht weder Kraft noch Tempo

Natürlich ist es eine schöne Vorstellung, mit Vollgas durch die Wüste zu stürmen und das Heer der Sportgeländewagen im Staub zu begraben. Aber eigentlich braucht es weder Kraft noch Tempo, um den F-150 zu genießen. Denn mehr als die Muskeln ist es die schiere Masse, die seinen Reiz ausmachen. Mut der Gelassenheit eines Giganten, dem ohnehin niemand etwas anhaben kann, stampft er über den Highway wie ein Öltanker über den Ozean und am Steuer befällt einen himmlische Ruhe. Auf butterweichen Ledersesseln thront man als King oft the Road über der Straße und genießt ein Königreich in Lack und Leder. Der Pulsschlag fällt tief in die Ruhezone und nichts, aber wirklich gar nichts, bringt hier das Blut in Wallung. Anders als früher bleibt man mit dem neuen Pick-Up selbst in kniffligen Verkehrssituationen ganz gelassen: Nicht nur, dass die Federung für so einen Laster einen überraschend großen Restkomfort bietet. Auch die Lenkung ist hinreichend präzise, um den Kaventsmann sauber auf Kurs zu halten. Und selbst wenn die Bremsen etwas mehr Biss vertragen könnten, packen sie doch mit unmissverständlicher Entschlossenheit zu. Nur der Wendekreis ist groß wie immer. Aber dafür sind die Straßen in Amerika ja auch ein bisschen breiter.

Die 13. Generation des Ford F-150

Eine leichte Karosserie, ein vernünftiger Antrieb und ein komfortables Fahrverhalten – in der 13. Generation ist der Pick-Up näher denn je an einen normalen Pkw gerückt. Und bei der Ausstattung ist er F-150 anderen Ford wie dem Focus oder dem Fiesta sogar voraus. Denn der Pritschenwagen ist mittlerweile ein richtig smartes Auto: Das Basismodell für lächerliche 26 615 Dollar oder umgerechnet kaum mehr als 20 000 Euro mag zwar so nackt und spartanisch sein wie die Planwagen der Siedler, in deren Tradition die amerikanischen Pick-Ups eigentlich stehen. Doch wer in der Preisliste ein bisschen weiter nach oben klettert, bekommt nicht nur Sattelleder samt Brandzeichen und eine Holzvertäfelung wie im Wohnzimmer der Ponderosa-Ranch. Sondern dann gibt es auch mehr Hightech als in manchen europäischen Ford-Modellen: Von den LED-Scheinwerfern über eine 360 Grad-Überwachung mit einem halben Dutzend Kameras und die Anhänger-Assistenz bis hin zur Spurführungshilfe oder der automatischen Abstandsregelung. Viel mehr hat auch das neue Europa-Flaggschiff Mondeo nicht zu bieten.

Viel Phantasie im F-150

Dazu gibt’s ein paar pfiffige Pick-Up-Details wie die ferngesteuerte Ladeklappe, eine LED-Beleuchtung in den Seitenwänden, Suchstrahler in den riesigen Außenspiegeln, eine ausklappbare Trittleiter zum Entern der Pritsche oder die integrierte Laderampe, mit der man mühelos ein Quad oder einen Motorschlitten schultern kann – ein Schweizer Taschenmesser ist gegen den F-150 ein vergleichsweise phantasieloses Produkt. .

Als meistverkauftes Auto der USA erregt der neue F-150 nicht nur bei den Amerikanern eine gewisse Aufmerksamkeit. Sondern auch überall sonst auf der Welt schauen zumindest die verkappten Cowboys, die heimlichen Ölbarone und die Möchte-Gern-Rinderzüchter mit großer Neugier über den Atlantik. Für mehr wird es allerdings kaum reichen: Auch wenn Ford sein Modellprogramm gerade weltweit stark vereinheitlicht und jetzt mit dem Mustang gerade eine andere US-Ikone nach Europa holt, bleibt der König der Cowboys erst einmal den Amerikanern vorbehalten -– und natürlich den freien Importeuren, die ihre Bestellscheine alle schon ausgefüllt haben. Irgendwie müssen sie ja die Einbußen aus dem Mustang-Geschäft kompensieren müssen.

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