Jagd auf die deutsche Mittelklasse

Genesis G70: Feinkost aus Fernost

Erst Masse, jetzt Klasse: Nachdem die Koreaner mit Hyundai und Kia im Konzert der Volumenhersteller längst eine große Geige spielen, drängen sie nun auch in die Oberliga. Vorbilder gibt’s ja zu Genüge und wie Toyota-Ableger Lexus und der noblen Nissan-Schwester Infiniti wollen sie Genesis jetzt ebenfalls als Premiummarke etablieren.

Von Thomas Geiger

Denn daheim in Korea ist das längst geglückt und vor den großen Hotels in Seoul und erst recht natürlich vor den Regierungsgebäuden sieht man mindestens so viele G90 wie Mercedes S-Klassen oder Audi A8. Doch Korea ist klein und der Appetit seiner Autohersteller groß. Deshalb wagen sich Hyundai und Kia mit ihrem luxuriösen Ableger in die Welt und nehmen nach den USA nun sogar Europa in Angriff.

Dabei setzten sie vor allem auf ein Modell, das auf der heimischen Oberklasse zielt: Denn der G70, der parallel zur IAA mit einer riesigen Party vor 15.000 Gästen im Olympiapark in Seoul enthüllt wurde, ist so etwas wie die asiatische Ausgabe des Dreier BMW – und das kann man beinahe wörtlich nehmen. Nicht umsonst zeichnet für die Abstimmung der eleganten Limousine kein geringerer verantwortlich als Albert Biermann, der noch vor wenigen Jahren die Entwicklung der M GmbH geleitet hat und keinen Hehl daraus macht, wer für ihn der Maßstab in der gehobenen Mittelklasse ist: „Wir haben den G70 ganz gezielt auf den Dreier hin entwickelt und uns das Modell aus München zum Vorbild genommen.“

Auf den ersten Blick ist der G70, der die Plattform des Kia Stinger nutzt, dem Dreier durchaus ebenbürtig: Das gilt für sein etwas organischeres aber nicht minder sportliches Design, genau wie für das technische Layout. Schließlich fährt auch der G70 wahlweise mit Heck- oder Allradantrieb und einer Achtstufen-Automatik. Und dass der Sechszylinder im V statt in Reihe konstruiert ist, tut der Sache wahrscheinlich keinen Abbruch. Immerhin leistet der 3,3 Liter große Motor 370 PS, kommt auf 520 Nm und fährt den deutschen Platzhirschen mit einem Spitzentempo von 270 km/h sogar davon. Daneben gibt es für Knauser einen Vierzylinder-Benziner mit 255 PS und mit Blick auf die Vorlieben der Europäer auch einen Common-Rail-Diesel, der aus 2,0 Litern Hubraum immerhin 202 PS schöpft.

Erst beim Blick ins Interieur trennen sich die Wege. Denn ausgerechnet im Mutterland des Smartphones und in der Heimat von Samsung & Co. setzen sie noch auf vergleichsweise kleine Bildschirme und analoge Instrumente, die nicht so recht zum Geist der Zeit passen wollen. Aber immerhin gibt es eine Ausstattung, die vom feinsten ist.  Denn der G70 bietet nicht nur ein Heer elektrischer Helfer für den maximalen Komfort auf allen Plätzen, sondern auch jede Menge Assistenzsysteme bis hin zum teilautonomen Autobahnpiloten und ein Infotainment, das ähnlich wie Apples Siri auf eine serverbasierte Sprachsteuerung und eine Plattform mit künstlicher Intelligenz setzt.

Der G70 zielt als Konkurrent für A4, Dreier und C-Klasse mitten ins Herz des europäischen Marktes und auch wenn der G80 vielleicht nicht auf Höhe von E-Klasse & Co sein mag, kann sich dieser mit jedem Lexus und Infiniti messen. Und der G90? Der ist zumindest nicht minder repräsentativ als eine S-Klasse oder ein Siebener, selbst wenn es ihm bei den Assistenten auf dem Weg zum autonomen Fahren und bei der Zahl der Zylinder noch am letzten bisschen Oberklasse fehlt. Doch weiß Genesis-Präsident Manfred Fitzgerald sehr wohl, dass er es außerhalb Koreas nur mit Limousinen schwer haben wird. Deshalb müssen die Europäer auch noch bis 2019 oder gar 2020 warten. Dann sind nämlich nicht nur die Pkw-Baureihen erneuert, sagt der Markenchef, „sondern dann werden wir auch unsere ersten SUV haben und endlich breit genug aufgestellt sein für das Abenteuer Europa.“