Das Problem mit der Erwartungshaltung

Honda Civic Sport Plus – Aggressive Schmusekatze

Nordschleifenrekord für den Honda Civic Type R und dann dieser dynamische Look beim Civic Sport Plus – ein wenig enttäuschend war dann die erste Ausfahrt schon, betrachtet man das Auto aber ganz nüchtern und unvoreingenommen, ist es mehr als nur solide.

Für mich ist das Optische an einem Auto ja unheimlich wichtig. Ist das Fahrzeug in meinen Augen schirch, da kann es sich noch so großartig fahren oder einen edlen Innenraum haben, hat es verloren. Das geht selbstverständlich auch in die andere Richtung, quasi die positive. Gefällt mir ein Wagen, ist die Erwartungshaltung oft utopisch hoch. Genau so erging es mir mit unserem neuen Testfahrzeug, dem Honda Civic 1.5 VTEC Turbo in der Modelvariante Sport Plus.

Da stand ich also in der Prärie – mitten im 23. Bezirk. Vor mir ein unglaublich attraktiver Popsch, den ich schamlos angaffte. Der Honda Civic sieht schon verdammt schnittig aus. Aggressiv, bereit für die Rennstrecke, willig, um von mir durch Kurven gefetzt zu werden. Die Front gibt sich zwar ein wenig moderater, aber auch diese signalisiert, ebenso wie die rot-schwarze Farbkombination, Kampfbereitschaft. Doch so sportlich sich der Civic in der Variante Sport Plus auch gibt – vor allem die Auspuffanlage sieht ziemlich böse aus – so unspektakulär fährt er sich auf der Straße.

Die Beschleunigung haut einen nicht vom Hocker und untersteuern tut der Wagen genauso schnell wie jeder X-Beliebige Fronttriebler. Klar, 182 PS sind nicht die Welt, aber ein bisschen dürfen die Pferdchen schon anschieben. Mein voreiliges Fazit: Wenn ich so sportlich fahren will, wie es der Honda Civic zulässt, kann ich gleich meinen zehn Jahre alten Focus nehmen. Da haben wir wieder die Problematik mit der Erwartungshaltung.

Versuchen wir uns also ganz unvoreingenommen dem Honda Civic 1.5 VTEC Turbo zu widmen. Wir erwarten keine Bestzeiten auf der Rennstrecke, keinen Sportwagen, der M3 und co. beim Hazerl in die Schranken weist. Wir erwarten einfach ein grundsolides Auto, dass sich auch super als Familienkutsche eignet. Und was kriegen wir? Ein grundsolides Auto, dass sich auch super als Familienkutsche eignet und dem Fahrer durchaus ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann!

Die 182 PS sind eigentlich nicht so fad, wie es sich eben gelesen hat. Man darf halt nur nicht davon ausgehen, dass man in einem reinrassigen Sportwagen sitzt. So gesehen liegt der Fehler eigentlich bei mir, habe ich mich von der aggressiven Optik des Civic umwerben lassen und die Latte einfach zu hoch gesetzt. Meine falsche Erwartungshaltung bringt aber auch durchwegs positives mit sich.

Überrascht war ich beispielsweise bei der Kofferraum-Inspizierung. 478 Liter fasst dieser, für den obligatorischen Italien-Urlaub mit dem Nachwuchs also mehr als ausreichend. Großzügiges Platzangebot findet man aber nicht nur dort, auch im Fond lässt es sich als ausgewachsener Mensch bequem sitzen. Bequemlichkeiten sind zwar auch Vorne zur Genüge vorhanden, sportliche Züge im Interieur des Honda Civic Sport Plus sind aber unverkennbar.

Vor allem die digitalen Armaturen, die mit analogen Zierelementen verfeinert wurden und ein tolles Gesamtbild abgeben, zeigen wieder den aggressiven Hang des Japaners auf. Dürfen sie auch, denn wenn die Erwartungshaltung stimmt, sticht der Civic durch seine Spritzigkeit hervor.

Ein großes Lob ist auch gegenüber der Infotainment-Gestaltung auszusprechen. Der einfach zu bedienende 7-Zoll große Touchscreen arbeitet unglaublich flüssig, das System ist auch beim multitasken in keinster Weise überfordert und brilliert mit einer scharfen Grafik. Dafür verantwortlich ist ein Quad Core Prozessor, dank dem wir uns auch damit abfinden können, dass wichtige Knöpfe, wie ein zur Navigation weiterleitender, nicht zu finden sind. Dafür sieht die Mittelkonsole aufgeräumter aus. Ein Umstand, der sich beim Lenkrad nicht wiederspiegelt. Hier wimmelt es nur so von Schaltern, ein wenig Zeit mit dem Honda Civic verbracht, erweisen sich diese aber als äußerst praktisch.

Tatsächliches Fazit? Nach einer, eigentlich unbegründeten, anfänglichen Enttäuschung, war es an der Zeit, einen Restart vorzunehmen. Der Honda Civic ist kein Sportwagen. Hält man sich das vor Augen, wird man von der Agilität dieses Fahrzeuges angenehm berieselt. Mit 8,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h macht unser Testauto Spaß, mit einem Verbrauch von unter 6 Litern pro 100 Kilometer ist unser Erderwärmungs-Gewissen rein und mit einem Preis von 30.990 Euro (wer keine 182 PS braucht ist schon ab 20.990 Euro dabei) wird sich auch das Sparbuch zufriedengeben.