König der Fronttriebler

Mit dem Civic Type R am klatschnassen Lausitzring

Warum?! Wer aus dem Honda Civic Type R aussteigt, trägt unter Garantie einen fetten Grinser im Gesicht. Also warum? Dieses Auto polarisiert, vor allem mit seinem aggressiven Design, und solche Fahrzeuge werden leider immer seltener. Also warum? Der Type R pickt auf der Straße, wie es kaum besser geht und lässt mit seinen Fahrleistungen Bubenträume wahr werden. Also warum…baut Honda nicht viel mehr solche Modelle, ganz offenbar können sie es doch! Ich konnte mich all dessen unter anderem auf dem regennassen Lausitzring überzeugen.

Text: Jakob Stantejsky

Diese ewige und langsam schon leidige Vernunft, die besonders von asiatischen Herstellern in letzter Zeit gepredigt wird, ist ja schön und gut – hat auch zweifelsfrei ihre Berechtigung. Doch manchmal schleicht sich beim Fahrer das Gefühl ein, dass das Hirn in diesen Fahrzeugen mit allzu eiserner Faust das Herz und den Bauch regiert. Die Emotion geht flöten. Dass es auch ganz anders geht, zeigt Honda mit dem neuen Civic Type R. Denn der neue schnellste Fronttriebler der Welt ist in vielerlei Hinsicht gereift.

Besonders gern redet man bei Honda von der Neuerung, die unser Blut eigentlich am wenigsten in Wallung bringt: Ab sofort besitzt der Type R nicht zwei Fahrmodi (Sport und R+), sondern drei: Comfort, Sport und R+. Die letzten beiden bleiben weitgehend unangetastet, doch die Palette wurde in Richtung Alltag erweitert. So gönnt einem der Comfortmodus etwas mehr Gemütlichkeit und macht das Auto vor allem im dichten Stadtverkehr und auf ruppigeren Straßen einfach etwas…netter. Klingt für einen Sportwagen jetzt nicht berauschend, überzeugt mich aber beim ersten Versuch sofort. Denn sobald der Verkehr und die Straße es wieder zulassen, tippe ich einmal kurz den praktisch positionierten Kippschalter an und schon fetze ich wieder im Sportmodus herum.

Apropos perfekt positioniert: Der puristische Schalthebel ist eine wahre Freude, liegt er doch ergonomisch perfekt und lässt einen die knackigen Gänge mit einer Rasanz wechseln, die ihresgleichen sucht. Verglichen mit der Schaltung des normalen Civic kann man hier getrost von einer komplett anderen Welt sprechen. Das Interieur wirkt angenehm und sehr wertig, ich fühle mich pudelwohl in meinem Cockpit. Los geht es mit dem Spaß übrigens ab circa 39.000 Euro in Österreich, dank der heißgeliebten Nova. Jetzt schreiten wir jedoch fort zu den wirklich wichtigen Themen.

Wie schon erwähnt, das Design des Civic Type R ist nicht Jedermanns Sache, jedoch sollte man wissen, dass wirklich jede Sicke, jeder Spoiler und jeder Knubbel höchsten aerodynamischen Ansprüchen geschuldet ist. So ist der Type R auch der einzige Serienkompaktsportler, der tatsächlich Anpressdruck generiert, was natürlich auch die besten Fahrleistungen in dieser Klasse mit möglich macht. So kann man den neuen Civic bis 272 km/h treiben und er bleibt dennoch noch gut kontrollierbar und ruhig. 5,7 Sekunden lang muss man das Gaspedal durchdrücken (nur das Schalten nicht vergessen – apropos: den Civic Type R gibt es ausschließlich als Handschalter; danke Honda!), um 100 km/h zu erreichen. All das ermöglicht ein 320 PS-Vierzylinder, der auch eine markige Soundperformance – ohne Lautsprecher und ähnlichen Schnickschnack – bietet. Zum Thema Geräusch hat sich Honda etwas ganz gefinkeltes einfallen lassen: So erzeugt das mittlere Auspuffrohr rein durch physikalisch bedingten Luftfluss bis zu einem gewissen Tempo noch mehr Sound, doch ab Autobahngeschwindigkeit verringert es effektiv den Lärm, sodass man sich nicht schreiend unterhalten muss. Eine durchwegs sinnvolle und elegante Lösung.

Schwenken wir um auf den besonders interessanten Teil meines Type R-Erlebnisses. Die Begeisterung hält sich verständlicherweise in Grenzen, als es kurz vor Erreichen des Lausitzringes zu schütten beginnt. Doch nach ein paar Runden stelle ich fest: Zwar kann ich auf diesem Untergrund nicht dieselben Geschwindigkeiten gehen, die im Trockenen möglich wären, doch der Civic Type R gibt sich keine Blöße. Ganz im Gegenteil, das Feedback in den Kurven ist so direkt, dass ich quasi in Echtzeit reagieren kann. So lassen sich kleine Heckausbrüche innerhalb eines Sekundenbruchteils korrigieren und der Wagen lechzt sofort wieder nach dem Gaspedal. Das Handling präsentiert sich rundum formidabel und bettet den Fahrer sowohl in einem Gefühl der Sicherheit als auch in einem Heidenspaß. Mit jeder Runde quetsche ich ein paar km/h mehr aus der Ideallinie und bin schlussendlich erstaunt, wieviel im Type R auch bei diesem Sauwetter möglich ist.

Wenn man den neuen Honda Civic Type R kurz und knapp beschreiben möchte, könnte man es ungefähr so machen: Man nehme die Rotzigkeit und die Aggressivität des Vorgängers, füge ein paar geniale Ideen hinzu und verpasse dem Type R so ein neues Flair, das frei zwischen fetzig und überlegen oszilliert. Dass der Type R frech sei, kann man ihm nicht (mehr) attestieren, denn er hat sich spätestens mit diesem Modell zum König der Fronttriebler aufgeschwungen. Alle anderen Bewerber müssen sich mit der Herausfordererposition zufrieden geben. Und ich hoffe inständig, dass sie die Challenge annehmen und uns der Kampf um die Krone noch viel Freude bereiten wird.