4 Gezogene Zähne

Jaguar F-Type: Unberechenbare Raubkatze

Wären Sportwagen Messer, dann wäre der 911er ein Skalpell. Der Jaguar F-Type hingegen wäre ein richtig schmutziges Fleischerbeil, das seine Arbeit zwar auch verrichtet, nur halt sehr grob. Und daweil sieht die Raubkatze doch so elegant aus …

Text: Maximilian Barcelli

Nach den ersten Testkilometern war klar: Mit Downsizing hat das alles nicht wirklich was zu tun. Zwar spendiert Jaguar seinem Sportler ein 4-Zylinder-Aggregat, mit dem wir eben unterwegs waren, und erweitert somit die Motorenpalette nach untenhin, nur wird ein Verbrauch von über 12 Litern die Welt vorm Dahinschmelzen auch nicht retten. Wobei, so Fair muss man schon sein: Wir haben den Jaguar auch richtig gejagt. Sind von Ampel zu Ampel gesprintet und preschten das Teil auf der Landstraße von Kurve zu Kurve – kurzum: Wir bewegten den F-Type so, wie so ein Auto bewegt werden will. Oder besser noch: Bewegt werden muss!

Der offizielle Durchschnittsverbrauch von 7,2 Liter Benzin auf 100 Kilometer? Man kommt schon in die Nähe, wenn man will. Nur will man halt nicht. Viel zu freudig drückt der Jag seine 300 PS und 400 Newtonmeter über die Hinterachse auf den Asphalt, als das wir an gesittetes Cruisen denken können. Also nein: Dass die Briten ihrer schärfsten Katze die Zähne ziehen und einen Vierzylinder andrehen, dürfte wohl weniger an deren innigen Wunsch der Weltenrettung liegen. Viel plausibler hingegen: Das Jaguar F-Type Cabriolet 2.0 Liter i4 Turbo soll englischen Fahrspaß auch in untere Gehaltsklassen bringen. Wobei „untere Gehaltsklassen“ noch immer ein Top-Einkommen bedeuten muss, mit einem Einstiegspreis von 74.000 Euro für das Cabrio und 66.050 Euro für die geschlossene Version ist der Jaguar F-Type nämlich nicht gerade ein Schnäppchen. Angesichts der Tatsache, dass man für so einen F-Type auch mal gut 180 Riesen lockermachen kann, wiederum schon.

Optisch ist der Jaguar F-Type ja irgendwie die Miranda Kerr unter den Sportwagen. Zarte Linien, ein hübsches Lächeln, traumhafte Augen – das erwartet einen beim Betrachten von Front und Seite. Und das Heck? Das ist mehr so: Kim Kardashian. Verdammt sexy – die feinen Heckleuchten und die mittig platzierte Auspuffblende wissen zu gefallen. Trotz eines bulligen Auftritts sind die Proportionen sehr stimmig, alles in allem ist der Jaguar F-Type ein richtig schönes Vehikel. Dafür sorgen unteranderem auch die versenkten Türgriffe!

Wir mögen das nämlich, dieses „Begrüßen“. Also wenn dir das Auto vermittelt, dass es bereit fürs Abenteuer ist. Jaguar Land Rover hat das ja perfektioniert. Ein gutes Beispiel ist da der Range Rover Velar: Du gehst aufs Auto zu – es fährt die Türgriffe für dich heraus. Du steigst ein – der Wahlhebel für die Automatik in Form eines Drehreglers zaubert sich aus der Mittelkonsole hervor und das Touch-Display richtet sich auf, um dein Reiseziel in Empfang zu nehmen. Oder den Radiosender wieder auf Kurs zu bringen, das Charts-Gejaule vom Kollegen Stantejsky kann sich ja kein Mensch anhören. Viel passender im Velar hingegen: Ö1. Kultur und Klassik, dieses Zeugs halt. Und was hört man während der Fahrt im Jaguar F-Type? Am besten gar nichts, denn der 4-Zylinder hört sich für einen 4-Zylinder ziemlich gut an. Pubertär halt und laut, weniger kultiviert. Aber wenn man’s mag. Außerdem sollte man sich durch die Radio Arabella Orakelstunden oder ähnlichem eh nicht ablenken lassen – der F-Type braucht Aufmerksamkeit.

Denn das Ding kann ganzschön unberechenbar und böse sein – auch wenn „nur“ 300 Pferde den F-Type nachvorne (oder quer) preschen. Es ist ein wenig wie Roulette spielen: Mal bricht das Heck wie verrückt aus, dann zieht die Raubkatze wieder ihre Krallen ein und du kannst es noch so versuchen, richtig Quer geht das Teil nicht. Okay gut, für einen kleinen Drift ist der Jaguar immer zu haben, nur ist es manchmal einfach so, dass du das Gaspedal nur Schief anschauen musst und schon fliegt dir das Heck um die Ohren und manchmal trittst du wie ein Wahnsinniger rein, und der Popsch der Raubkatze quittiert deine ungehobelte Art nur mit einem kleinen Tänzchen – sogar, wenn du die Elektronik ihres Amtes enthoben hast. Apropos Elektronik: Die ist dein Feind. Nicht wirklich im negativen Sinne, weil schlecht ist sie nicht, nur lässt sie verdammt viel zu und gibt sich erst zufrieden, wenn dein Höschen schön nass ist. Das war dann auf Regen-Fahrbahn überhaupt recht witzig: Einen kurzen Moment waren wir froh, dass uns nicht der V6 mit 380 PS und Heckantrieb als fahrbarer Untersatz diente. Der SVR, in dem ein Achtender seine Kraft entfaltet, ist sowieso nur mit Allrad zu bekommen. Aus gutem Grund. Dass es einen Schnee und Regen-Fahrmodus gibt, hat ebenfalls seine Gründe – das darf man uns ruhig glauben.

Irgendwie klingt das jetzt alles so, als wäre der F-Type unfahrbar. Ist er aber nicht. Im Gegenteil: Er macht richtig Spaß, pickt in den Kurven, kann aber auch brav quer gehen. Nur ist er halt nichts für Warmduscher, das muss einfach gesagt sein. Aber gut, die gehören auch nicht zur Zielgruppe, die der Jaguar F-Type ansprechen soll.