Der Ausflug der Motorrad-Schmiede KTM ins Auto-Business macht sich trotz anfangs wirtschaftlich schwierigster Rahmenbedingungen bezahlt. Der Radikal-Roadster X-Bow ist auf dem Sprung nach Amerika.

Tausend X-Bows pro Jahr wollte KTM-CEO Stefan Pierer absetzen. Doch acht Jahre hat es gedauert, bis der erste Tausender voll war. Das nach wie vor einzige Auto aus Österreich hatte 2008 einen spektakulären Start hingelegt. Designed by Kiska, quasi das Auto gewordene Radikal-Motorrad in standesgemäß orange-schwarzem Outfit, erdacht und gemacht in Kooperation mit Audi (Motor) und Dallara (Chassis), umspannt der X-Bow zwei Welten: im übertragenen Sinn die archaische einer Armbrust – das ist die Bedeutung des Namens X-Bow (sprich: Crossbow) – und die ultramoderne des Auto-Leichtbaus und der –Aerodynamik.

Puristisch & spartanisch

Wobei unter Archaismus das Weglassen sämtlicher Fahrdynamik-Hilfen, auch von ABS, zu verstehen ist. Und ein Bekenntnis zum Spartanischen: Servolenkung, Heizung, Klimaanlage? Fehlanzeigen. Scheibenwischer oder elektrische Fensterheber? Braucht’s nicht, weil weder Frontscheibe noch Seitentüren vorhanden. Der Carbon-Monocoque-Roadster sollte nur einer Maxime entsprechen: dem reinen, ultimativen und gefühlsechten Fahrspaß. Das versprach – und versprechen – nicht bloß Optik sowie Handhabung (nur sehr schlanke Menschen können sich ohne Lenkrad-Demontage in die Pilotenkanzel fädeln) des Hecktrieblers, ebenso die nackten Eckdaten. Der Erstling brachte es auf 240 PS (320 Nm Drehmoment-Maximum) aus einem Zweiliter-Reihenvierzylinder-Turbobenziner bei 790 Kilo Gewicht. Das war gut für manuell über sechs Gänge geschaltete null auf hundert in 3,9 Sekunden und eine Top-Speed von 220 km/h.

Das war ebenso gut für alleine schon optisch Aufsehen erregende Auftritte. Und ist es unvermindert. Passanten reißt’s die Köpfe herum, und selbst Weidekühe vergessen aufs Kauen, wenn man mit einem KTM X-Bow erscheint. Vielleicht könnte man einwenden, dass die Welt nicht auf so ein Auto gewartet hatte. Zumindest nicht die der Durchschnitts-Konsumenten. Doch all jene, die Autofahren sportlich sehen, die Fahrtwind- und Wetter nicht meiden und gerne auf Rennstrecken ihre Runden drehen, denen kam so eine Fahrmaschine gerade recht.

Acht Jahre Handarbeit

Die acht Jahre seither kurz zusammengefasst: Die Pleite der Lehmann Brothers und die nachfolgenden Wirtschaftsturbulenzen durch das Platzen einer Reihe von Finanz-Seifenblasen setzte dem enthusiasmierenden X-Bow-Start fast ein Ende. Das Vorhaben Sportwagen wurde radikal reduziert, die Produktion heruntergefahren, eine Zeitlang nur auf Bestellung produziert. In Handarbeit. In der eigens gegründeten Manufaktur in Graz. Und dennoch hat sich das Projekt als Urmeter der puristischen Fahrfreude über die Jahre hinweg manifestiert.

Pierer dazu: „Mit dem X-Bow hat sich die Wahrnehmung von KTM in der Fahrzeugindustrie verändert. Nicht viele haben es uns zugetraut, dass es nicht bei einer Eintagsfliege geblieben ist.“ Mittlerweile – nachdem in den Anfangszeiten 50 Millionen Euro abgeschrieben werden mussten – sei eine Erfolgsgeschichte daraus geworden, so der KTM-CEO. Denn der X-Bow sei nicht in nackten Stückzahlen zu messen, vielmehr in Tuning, Anbauteilen, Service und Individualisierungs-Komponenten. Längst gibt es den GT (mit Frontscheibe sowie Seitentüren), längst startet man je nach Modell – R, RR – bei 300 oder 360 PS. Kaum einer gleicht dem anderen, ohne Individualisierung in Technik und Lackierung kommt so gut wie keiner auf Straße und Racing-Kurs. Im Kunden-Rennsport sind die Mattighofener zunehmend und stark präsent. Der Austro-Bolide fällt nicht nur im Markenpokal X-Bow-Battle in Europa, sondern auch mit dem homologierten Renner GT4 jenseits von Atlantik und Indischem Ozean auf.

Über den großen Teich

Grund genug ist das für Pierer, in die Zukunft zu schauen. Er spricht zwar – noch – nicht von den nächsten tausend X-Bows, lässt aber eine Neuigkeit vom Stapel: Er geht nach Amerika. In einer speziell abgestimmten Konfiguration soll er ab 2017 in den USA und in Kanada erwerbbar sein. Zwar nicht mit Straßenzulassung, dafür aber als „Track Day Car“ mit der Lizenz, sich auf einer der zahllosen Rennstrecken zu matchen. Derweilen steht das tausendste Exemplar parat. Es ist ein R, und es der erste, an dem sich ein Facelift auswirkt, mit Retuschen an den Karosserieteilen: Die Motorabdeckung wurde an jene des GT angepasst, sichtbar an den kiemenartigen Lüftungsschlitzen. Der Front wurde ein bulligerer Auftritt verpasst. Damit signalisiert der KTM X-Bow, dass nicht nur weiterhin, sondern erst recht mit ihm als Exempel für einen Leichtbau-Sportler zu rechnen ist.

Text: Beatrix Keckeis-Hiller

Fotos: KTM, redbullcontentpool