Viel für wenig Geld

Der Lada Vesta SW Cross

Ich kann mich noch an die selige Schulzeit erinnern, wenn im nachdenklichen Diskurs mit den Klassenkameraden die Sprache auf das Thema Autos kam. Bei der Erwähnung von Lada mussten wir damals herzlich schmunzeln, waren die russischen Fahrzeuge doch eher als Klapperkisten verschrien. Ein Haufen 15-Jähriger konversiert da doch lieber über Ferraris und AMGs. Einige Jahre später steht eine 1.200 Kilometer-Tour zur Schwiegerfamilie in spe an und die wird in einem Lada Vesta SW Cross begangen. Zeit, zu überprüfen, ob die jugendliche Meinung von damals gerechtfertigt oder ein Spaziergang auf dem Holzweg war.

Text: Jakob Stantejsky

Wenn wir damals von Lada gesprochen haben, wanderten die Gedanken dabei zu visuell eher unleidenschaftlichen Quadratklötzen à la Niwa. Der Vesta SW Cross überrascht daher beim ersten Kontakt schon mit seinem gefälligen und modernen Äußeren. Klar, andere Vehikel machen mehr her und protzen auf allen Seiten mit Sicken, Kanten und kunstvollen Linien – doch der Vesta ist auch fesch. Unaufgeregt mag der coupéhafte Kompaktkombi mit Offroadbeplankung zwar wirken, aber gelungen ist das Design allemal, wie auch der Schwiegerpapa in spe mehrfach mit Anerkennung unterstreicht. Die Formensprache ist simpel, aber zeitlos und sympathisch. Besonders die doppelte Auspuffblende stellt eine unerwartete Wendung dar, vor allem weil sie tatsächlich zwie Endrohre beherbergt und kein plumper Fake wie bei so manchem deutschen Premiumwagen ist.

Innendrinnen folgt dann leider eine Achterbahn der Gefühle. Denn in unserem Testwagen, der quasi direkt vom Fließband kommt, erfüllt ein unangenehmer Plastikgeruch die Luft. Mittlerweile hat sich der aber schon fast gänzlich aufgelöst, dieses olfaktorische Problemchen betrifft also lediglich die ersten paar hundert Kilometer. Von diesem Erlebnis geht es wieder bergauf, nachdem ich erkenne, was dieses Auto alles bietet. Sitzheizung, Touchscreeninfotainment mit Bluetooth und Navi, Tempomat und elektrische Rückspiegel zählen definitiv nicht zu den Zutaten, die ich geistig dem russischen Hersteller zugeordnet hätte. Ja, unser Vesta ist auch ein vollausgestattetes Topmodell, doch mit 19.000 und ein paar zerquetschten Euros bewegt er sich preislich immer noch in Sphären, die man bei anderen Marken locker per Aufpreisliste auf das Basismodell klatschen kann.

Wieder ins Tal saust die Achterbahn bei Beäugung und -fühlung des Interieurs. Denn das natürlich muss der Sparpreis auch irgendwoher kommen, daher dominiert hier Hartplastik und teilweise etwas ruckelige Verarbeitung. Doch Details wie die silberne Zierleiste versprühen durchaus Charme und die Cockpitlandschaft zeigt sich als Ensemble sehr ansprechend – so rasen die Gefühle wieder in luftigere Höhen.

Doch funktionieren all die Spielereien auch so gut, wie man es von weiter verbreiteten Herstellern gewöhnt ist? Nun ja, die Sitzheizung sowie die Klimaautomatik arbeiten rasch und effektiv, auch wenn die Lüftungsdüsen bei Autobahngeschwindigkeit immer wieder zu pfeifenden Geräuschen neigen, die nach zwei, drei Stunden schon auch mal am Nervenkostüm zerren können. Das Infotainment zeichnet sich einerseits durch Einfachheit aus, die eine schnelle und intuitive Bedienung ermöglicht, jedoch muss der flinke Finger relativ tippfreudig sein, wenn von einem Untermenü zurück bis ins Hauptmenü und dann wieder ins andere Untermenü gewechselt werden will. Das Navi leistet sich hin und wieder eine etwas ausgedehntere Hochfahrzeit, zeigt sich dann jedoch simpel im Handling und recht übersichtlich. Vereinzelt präsentierte es mir recht eigenartige Routen, meistens jedoch geleitete es mich geschmeidig ans Ziel.

Kommen wir zum Tempomaten, der an und für sich sehr zuverlässig arbeitet, aber mit einem Problem unter der eigenen Haube zu kämpfen hat: Die elektrische Automatik, die ein eigentlich manuelles Fünfganggetriebe ohne Zutun des Fahrers verwaltet, kommt teilweise mit dem Motor nicht auf gleich. Der klingt zwar mit 1,6 Litern Hubraum, 106 PS und vier Zylindern recht gediegen, überzeugt jedoch bei höheren Geschwindigkeiten eher nicht. Denn wo er sich an der Ampel flott und zügig zeigt, ist es doch frustrierend, wenn man bei 120 im fünften Gang bei circa 3.500 Umdrehungen voll aufs Gas latscht und original nix passiert, solang nur der Hauch einer Steigung zu spüren ist. So zeigt sich das Erlebnis im manuellen Modus – automatisch unterwegs brennt dann ein richtiges Feuerwerk an Gangwechseln ab. Runter in den Vierten, bei 135 wieder rauf in den Fünften, drei Sekunden später wieder ab zurück und gleich darauf wieder in die Anfangsposition. Wenn ein einzelner Schaltvorgang dann auch noch eine gute halbe Sekunde dauert, bedeutet das eine ordentliche Portion Gerucke und kann beim Überholen zu unangenehmen Verzögerungen führen. Wenn die Steigung sich ändert, blüht einem dasselbe Vergnügen auch bei konstanter Tempomatgeschwindigkeit. Effizienzklasse D, 148 Gramm CO2 pro Kilometer und ein Normverbrauch von 6,5 Litern sind für einen Motor dieser Kraftklasse auch alles andere als ein Ruhmesblatt.

Doch bei all dem Herumgemäkle bleibt ein ganzer Haufen Positives unter dem Strich stehen: Der Lada Vesta SW Cross düst unab- und zuverlässig vor sich hin und frisst die Kilometer überland mit großem Appetit. In der Stadt zeigt er sich recht agil und macht gern beim einen oder anderen Ampelsprint mit. Das Platzangebot ist super, alle gängigen Extras und ein Bisschen mehr sind an Bord und alle Insassen sitzen sehr bequem und entspannt – auch auf langen Strecken zwickt und zwackt es nirgends. Das alles gibt es für einen echten Spottpreis, der dafür sorgt, dass der Vesta quasi konkurrenzlos dasteht. Eh logisch, ohne Einbußen an anderer Stelle wäre der nicht möglich, aber wer einfach nur ein Auto um des Autos Willen braucht, sollte sich den Russen mal näher anschauen. Drei Jahre Garantie sind außerdem mit dabei – mehr als so mancher Premiumhersteller bieten kann oder will.