Ladies Race Day Red Bull Ring

Wehe, wenn sie losgelassen

Einmal pro Jahr gehört – fast – der ganze Red Bull-Ring den Mädels. Manche waren schon zum dritten Mal beim Ladies Race Day dabei, manche schnupperten zum ersten Rennstrecken-Feeling. Alle hatten ihre Hetz.

Text: Beatrix Keckeis-Hiller
Fotos: Projekt Spielberg/Sandro Zangrando

„Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ haben Allan und Barbara Pease in einem populärwissenschaftlichen Bestseller des Jahres 2000 versucht, zu erklären. Um beide Klischees ging es beim Ladies Race Day auf dem Red Bull-Ring zwar vordergründig nicht, aber doch auch irgendwie. Die Lösung dieses Dilemmas: Männer – Brüder, Hausfreunde, Ehegesponse etc. – mussten am 13. Oktober draußen bleiben. Und das Thema Einparken stand nicht auf der Tagesordnung. Vielmehr ging es ums Gasgeben. Allein und ausschließlich für Frauen, abseits von guten oder gut gemeinten Ratschlägen und der geregelten Zonen des öffentlichen Straßennetzes.

Im Zentrum stand das Ausloten der Fahrphysik. Mit Geräten, die in der Regel eher selten vor der Haustüre einer durchschnittlichen Familie stehen: KTM X-Bow, Nissan 370Z, Porsche Boxster, Cayman, 911, Macan und Cayenne. Am Rande gab’s auch die als rein weiblich klassifizierten Disziplinen Frisieren und Schminken. Ein wenig Pech hatten zwar jene, die zuerst die Beauty-Challenge absolvierten – Racing-Oufit inklusive Helm kratzten ein wenig am frisch aufgetragenen Lack – doch das tangierte die Damen angesichts des Gebotenen nach kurzem Bedauern nur noch peripher.

Für die offenen Austro-Boliden stand ein selektiver Handling-Kurs parat. Dass man sich mit einem X-Bow eindreht, das kommt eben vor, das ist auf gesperrter Strecke kaum ein Malheur. Wie man mit dem Mattighofner Flachmännern aufdrehen kann, das konnte auf dem 4,318-Kilometer-Kurs vom Beifahrersitz aus, mit einem Profi-Piloten am Steuer erfahren werden.

Mit den Nissans gab’s auf teils trockenem, teils bewässertem Terrain eine Anfänger- und Fortgeschrittenen-Einweisung in die Kunst des Driftens. Einige gingen das forsch, die anderen zaghaft an. Die Ernte der Ersteren war die eine und anderen Pirouette. Der Erfolg Zweiterer stellte sich mit gewonnenem Mut ein.

Mit den bodennahen Zuffenhausenern drehte man auf der Rennstrecke unter dem Motto „Lead and Follow“ etliche Runden. Mit steigendem Selbstvertrauen stieg auch das Speed-Potenzial jeder einzelnen der angetretenen Ladies.

Macan und Cayenne konnten auf dem Offroad-Parcours ein wenig durchs Gelände getrieben werden. Die anfängliche Scheu vor Buckel- und Schrägfahrt wich einem „Wenn-ich-nur-aufhören-könnte“-Syndrom.

Auch anfangs eher schüchtern wirkende Ladies entpuppten sich am Steuer der KTMs, Nissans und Porsches sehr schnell – nach dem Motto „Wehe, wenn sie losgelassen“ – als echt wilde Hennen und durchwegs talentierte Gasgeberinnen, die begeistert Fachliches wie Praktisches inhalierten.

Als Unterstützung hatte die Projekt Spielberg-Organisation fünf versierte Race-Ladies aufgestellt: die Schweizerinnen Cindy Allemann, die vom Kart-Racing bis zu den 24 Stunden von Le Mans in diversesten Klassen reüssiert, und Christina Surer, unter anderem vierfach Le Mans-geeicht, die Schwedin und Rallye Dakar-Siegerin Mikaela Ahlin-Kottulinsky, die Deutsche Doreen Seidel – erfolgreich im Wintersport und in etlichen Straßen-Renncups – sowie die Österreicherin Corinna Kamper, die aus Kart- und Formelsport bekannt ist.

Nachdem zu einem ordentlichen Hühnerstall ein echter Hahn in den Korb gehört, war auch dieses Mal ein attraktiver Profi-Racer dabei: Auf David Coulthard (2014) und Mark Webber (2105) folgte heuer Carlos Sainz jr. Der 22jährige Toro Rosso-Pilot wirkte zu Beginn etwas eingeschüchtert. Das legte sich bald, und er quittierte mit Gelassenheit und spanischer Grandezza die Huldigungen der bunt gemischten Damen-Truppe. Obwohl, eine der Ladies hat sich beschwert: „Der fährt so langsam!“

Das Altersklassen-Spektrum der Race-Ladies reicht von Jung-Twens (Voraussetzung sind B-Schein und vollendetes 21. Lebenjahr) bis zu Damen, die Marianne Faithfuls Song „The Ballad of Lucy Jordan“ zwar seit dem Release im Jahr 1979 mitsingen können, ihn aber nicht auf ihr Lebens-Resumée anwenden wollen. Beruflich sind alle Spielarten von der Hausfrau bis zur Top-Managerin dabei. Manche haben es zum ersten Mal getan, etliche waren schon das dritte Mal dabei und werden es auch ein viertes Mal sein wollen.

Das Kontingent der Ladies Race Day-Plätze – à 379 Euro inklusive Frühstück, Lunch und Dinner – war heuer im Handumdrehen ausverkauft. Es gibt ja auch immer etwas zu gewinnen, und zwar nicht nur Erkenntnisse. Verlost wurde dieses Mal eine hochkarätige Uhr.