Maserati Levante

Monsignore Gummistiefel

Jenes der SUV ist ein Wachstums-Segment, da kann man halt nix machen. Folgerichtig müssen sich auch Marken wie Maserati dem Herstellen solcher Ungetüme widmen. Aber man wächst mit der Aufgabe, wie der Levante mit Grandezza zeigt.

Text: Franz J. Sauer / Fotos: Eryk Kepski

Zunächst Erstaunen nach dem Einsteigen, fast schon Enttäuschung. Man hatte sich jenen verspielten, unpraktischen Barock erwartet, in dem Maseratis, von 3200 GT bis Quattroporte, noch bis tief in die 00er-Jahre auftraten. Viele Taster für alles und jedes, und wenn man ein bisserl fester drauftappt, macht es plopp und sie fallen ins Innere der Armaturentafel, auf dass man diese völlig zerlegen muss, um sie jemals wieder zu finden, und dann knarzt das Ganze auf immer und ewig noch viel mehr als eh schon zuvor.

Hier knarzt nix. Was soll auch? Die beiden Digitaldisplays vielleicht? Kabel und Touchscreens knarzen nicht, sie verschwinden allerdings auch nicht, falls man einmal zu fest andrückt. Klar gibts auch hier noch einige Taster, allerdings im frischen Knick-Knack-Stil, Mikroschalter heißt das, glaub ich. Sitzheizung, wo ist die Sitzheizung!! Ach so, schon wieder am Display versteckt, in einem Untermenü. Und was soll hier eigentlich das ganze Blau im Display? Kann man das eh irgendwo verstellen? Sieht nach Jeep aus, das hier …

Halt, stopp, retour. Wir beruhigen uns wieder. Schaffen den Nullmeter, versuchen jegliche Art von Markenbefangenheit draußen zu lassen. Klar war der alte Keil-Quattroporte ein schönes Auto, einzigartig, innen wie außen. Aber ehrlich – die riesigen Taster und Dreher waren von der Funktion her ein Drama. Und jetzt erinnere Dich gefälligst daran, wie maßlos du dich damals über den 70er-Jahre-Opel-Automatikwählhebel da drinnen aufgeregt hast, mit dem Schnapperl unten am Hebel, widerlich anzugreifen, nicht mal in Leder gefasst – in einem M.a.s.e.r.a.t.i.!

Wenig später hast du das 400-PS-Monster auf die Dopplerhütte ausgeführt. Und fasziniert festgestellt, wie stringent sich die Automatik runterschnallen lässt auf die Bedürfnisse eines Sportfahrers. Schaltwippen waren damals nämlich im Land der Maseratis nicht mal erfunden. Also.

Fangen wir also nochmals von vorne an. Es empfangen einen Fauteuils feudalster Polsterung und auch noch schön anzusehen. Unser Test-Levante präsentiert sich schwarz mit braunen Nähten, rotes Leder wäre vielleicht mehr Stile Italiano gewesen. Das Lenkrad ist schön und griffig. Die Uhren für Tacho und Drehzahl sind noch Uhren, echte Uhren, und zwar schöne. An die beiden Displays und deren Jeep-Layout gewöhnt man sich spätestens wenn man merkt, wie intuitiv sie funktionieren. Und der zweifache Drehregler hinterm schönen, aber unpraktischen Automatikwählhebel ist wirklich das Schönste, was wir derzeit an den fast flächendeckend um sich greifenden Rundbedienelementen an der Mittelkonsole kennengelernt haben.

Der Startknopf ist ganz porschelike links unterm Lenkrad, ein schnippischer Gruß vielleicht an den Hauptkonkurrenten Porsche Cayenne. Der Diesel ist ein Diesel, laut hörbar und guttural brummelnd, hat ein bisserl was von Schiffsdiesel, and so does the Drehmoment: 600 NM. Spüren tut man nix im Inneren, hier ist alles perfekt abgekapselt. Acht Gänge sortieren die Macht von 275 Pferden, die sich wirklich erstaunlich leicht tun mit 2,2 Tonnen Lebendgewicht. Verblüffender Vortrieb aus dem Stand ist ebenso gegeben wie die schnelle Meile zwischen 80 und 120, wenn man quick überholen soll oder sowas. Die Lenkung arbeitet hydraulisch, das Feedback von den 21 Zöllern ist satt wie nur, niemals, auch wenns frühfrühlinghaft nässt und nebelt, hat man das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Im Gegenteil: das Attribut „schwerer Wagen“ hat hier etwas Beruhigendes, Angenehmes. Es passt zum Auftritt des Autos, wenn man sich von links vorne nähert. Ein Feeling, das auch von der Schwere des Türgeräusches fein weitergeführt wird. Schön so, besser als anderswo.

Der Maserati Levante ist kein fein gekleideter Jeep Grand Cherokee, obwohl das nicht mal eine Beleidigung wäre. Aber es trifft weder technisch noch optisch zu. Die Basis des Levante ist bei Ghibli und Quattroporte zu suchen, man hat Limousinen-Fahrwerke mit Allrad versehen und per Luftfederung höhergelegt. So fühlt sich auch die Herangehensweise des größten Maserati an Kurven an; satt, überlegen, selten überfordert.

Dahincruisen ist ja mit jedem SUV schön, vielleicht sind es ja auch die doch fetten (und wunderschönen) 21-Zöller, die dem Luftpolster seine Schwammigkeit nehmen. Auch hintenrum ist mit dem Levante ein feiner Designwurf gelungen, er bleibt unverkennbar, und das heißt heutzutage was. Ein bissl wirkt es, als sei das ganze Auto vom markant montierten Dreizack über der hinteren Seitenwand aus aufgebaut worden. Die Spannung hält, die Proportionen passen, der Fahrspaß genügt. Wie muss sich erst der V6-Benziner mit den 430 PS anfühlen.

Nach einem Wochenende ist die Enttäuschung gewichen. Monsignore Gummistiefel hat mich gewonnen. Und auf einige Zeit für jegliche Art von Markensnobismus immun gemacht.

:Infoporn
Hubraum: 2.987 ccm
Leistung: 275 PS
Verbrauch: 7,2 l/100 km
Drehmoment: 600 Nm
Beschleunigung 0-100: 6,9s
Spitze: 230 km/h
Gewicht: 2.205 kg
Preis: ab 85.442 Euro