• Dem Ellenbogen sein Zuhause

    Motorblock fährt Mazda MX-5

Der neue Mazda MX-5 zählt zu den spannendsten Neuerscheinungen des Jahres: Endlich bekommt das Wesentliche wieder einen Platz im Auto. Ob die Entwickler den Purismus zu ernst genommen haben?

Text: Rainer Behounek

Nicht alle Hersteller haben einen Diamanten im Portfoliorucksack. VW hat den Golf, einen unkomplizierten Allrounder, Fiat hat den 500, eine in mittlerweile alle Richtungen aufgeblasene Knutschkugel. Auf die Schmuckstücke muss man aufpassen, die gehören gepflegt und der Glanz stets aufpoliert. Den Inbegriff von losgelöstem Fahrspaß, das fahrbare Stück Auszeit hat Mazda tief eingebettet in der Modellpalette im Programm.

Zwei Buchstaben und eine Zahl verbunden mit einem kleinen Strich. Kein schwungvoller Name wie Kramuri oder Fligar oder irgend etwas mit den übersportlichen Buchstaben S und R sondern mehr ein Code, eine schnell in den Kopf gehende Abfolge von Zeichen und Ziffern, die vom Fleck weg emotional aufgeladen wurden. Beim MX-5 fragt niemand nach der Bedeutung, da interessiert jeden nur, wann es wieder Sommer wird.

Von der ersten Generation weg stand die Fahrfreude und nur die Fahrfreude im Vordergrund. Kaum Kofferraum, wenig Ablageflächen, nur zwei Sitze, Stoffdach, einfache Bedienung, unkomplizierte, leistbare Freude am Fahren – der US-amerikanische Motorjournalist wusste was er tat, als er die erste grobe Skizze des Roadsters auf die Tafel kritzelte. Ein Jahrzehnt später öffnete der Mazda MX-5 zum ersten Mal seine Klappscheinwerfer. Wie sehr die Menschheit auf einen Roadster wie diesen gewartet hatte, zeigen die Verkaufszahlen: Bis zum Mai 2000 rollten von den ersten beiden Generationen 532.000 Stück vom Laufband, was dem MX-5 den Guinness Buch Titel „meisterverkaufter zweisitziger Sportwagen aller Zeiten“ einbrachte.

… Zwei Buchstaben und eine Zahl verbunden mit einem kleinen Strich. Kein schwungvoller Name wie Kramuri oder Fligar oder irgend etwas mit den übersportlichen Buchstaben S und R …

Vor einer komplett neuen Generation Fahrzeug zu stehen hat etwas Magisches. Was haben sich die Entwickler ausgedacht, in welche Richtung sind sie gegangen? Anders gefragt: Würden Sie den Job annehmen, den meistverkauften Roadster neu zu zeichnen? Ich glaube, ich würde mich mal zwei Wochen im Zimmer einsperren und weinen. Der Druck, neue Wege zu beschreiten und dabei die Wurzeln nicht zu vergessen, muss gigantisch sein. Doch wie sagt man so schön, nur unter größtem Druck entstehen die schönsten Edelsteine.

Groß ist die vierte Generation des MX-5 nicht, er ist sogar um acht Zentimeter kürzer geworden. Großartig wurde das Design. Alle Linien sind durchdacht und nicht einfach hinein gebastelt, weil die neue Faltmaschine jetzt auch Linien kann. Endlich nutzt jemand die Vorteile von LED-Lichtern komplett aus. Da sie kaum Platz einnehmen, konnten nicht nur die Lichter an sich verkleinert werden, sie ermöglichen dem kurzen Überhang verhältnismäßig steil abzufallen, und so auf kleinem Raum viel Spannung zu erzeugen.

Die Heckleuchten befinden sich nicht am Rand, sondern etwas hineingerückt im Heck, weshalb er von hinten größer wirkt, als er tatsächlich ist. War die dritte Generation aufgrund der Komfortfeatures etwas schwerer, gibt es heute unzählige Möglichkeiten, Komfortfeatures mit niedrigem Gewicht zu verbinden. Trotz Klima, Navi, optionalem Bose-Sound mit Lautsprechern in den Kopfstützen und mehr wiegt der neue MX-5 um 100 Kilogramm weniger und kommt in der Basis-Version auf 975 Kilogramm. Damit haben die Skyactiv-Motoren mit 131 bzw. 160 PS leichtes Spiel, der kleine 1,5-Liter-Benziner dreht bis 7.000 und verfügt über 150 Nm, die 2,0-Liter Variante über 200 Nm. Beide Versionen durchbrechen bei Bedarf die 200er Marke, die 131 PS erreichen die 100 km/h in 8,3 Sekunden, mit den 160 PS vergeht der Spurt in 7,3 Sekunden. Soviel Technik muss sein, zurück zum Fahrgefühl.

Mit dem Sechsgang-Schaltgetriebe zu schalten, ist eine helle Freude. Kurze Schaltwege werden untermalt von einem mechanischen Klonk-Geräusch und man ertappt sich dabei, stets eine Spur zu viel zu schalten, weil das Gefühl so geil ist.

Um offen fahren zu können, bedarf es einen Zeigefinger und einen Daumen, so leicht geht das Verdeck auf. Der Fahrtwind strömt dann seitlich über eine eigens geformte Schulterlinie in den Innenraum. Die ist bewusst niedrig gehalten, was einer erfrischenden Gegenbewegung zu den kokon-artigen Karossiereformen gleich kommt – endlich fühlt sich der ausgestreckte Ellenbogen wieder wohl!

Im Innenraum ist nicht alles rosig, das gleich vorweg. Die A-Säule ist sehr nahe am Fahrer, wodurch enge Kurven nur bedingt einsehbar sind und das Multimedia-Display ist vom Beifahrersitz aus viel stimmiger platziert – Punkte, die mit einem horizontal verstellbaren Lenkrad gelöst werden könnten, weil dann der Fahrer um ein paar Zentimeter nach hinten rücken kann. Der Fußraum des Beifahrers wird teilweise von der darunter liegenden Auspuffkonstruktion ausgefüllt. Mit Ablageflächen hat es der neue MX-5 auch nicht so: Handschuhfach und Seitentüraussparungen für Flaschen oder dergleichen sucht man vergeblich. Apropos vergeblich suchen: Der Kofferraum fasst 130 Liter.

In Wahrheit spiegeln diese kleinen Mankos das Naturell und den Einsatzzweck des japanischen Roadsters wieder: Reduziert aufs Wesentliche geht es um den Fahrer und darum, den Alltag hinter sich zu lassen. Ablageflächen würden nur mit Gegenständen aus dem Alltag vollgemüllt werden, das Display interessiert jetzt auch nicht unbedingt jeden und die Fußraumlösung beim Beifahrer zeigt, dass die wichtigste Person immer noch der Fahrer ist. (Ein längsverstellbares Lenkrad wäre aber wirklich dufte, auch wenn man dadurch drei Kilogramm eingespart hat)

Die Preise: Der Mazda MX-5 beginnt bei 130 PS und der Basis-Ausstattung Emotion ab 25.990 Euro. Wer auf die 160 PS spitzt, greift automatisch auch zur Topausstattung Revolution und legt 32.590 Euro ab.

Fazit: Sie haben eine Axt im Haus für „die braucht man einfach, wenn…“-Tätigkeiten, ein Duct-Tape liegt in der Schublade, „weil es ja sein kann, dass…“ und Wanderschuhe stehen im Schrank, „weil die einfach zuhause stehen müssen“. Ein Badmintonschläger oder Fußball liegt im Regal und das Fahrrad, dass kein Licht hat, weil die Wege, die man damit fährt kein Licht brauchen, steht auch in der Garage. Der MX-5 für „ich muss mal meinen Kopf frei kriegen…“-Fahrten gehört gleich daneben hin.

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