Habenwollen

Mercedes-Benz E 400 Coupé: Miss Germany

Wer gedacht hat, dies hier sei ein Wutartikel über die Preispolitik manch deutscher Hersteller, Dieselskandale oder sonst ein Negativum, der irrt und darf auch gleich wieder gehen. Für alle anderen: Wir sind zwei Wochen ein Mercedes-Benz E-Klasse Coupé gefahren und verstehen den Preis, der für das Ding verlangt wird. Wir können ihn nachvollziehen. Denn das E 400 Coupé ist richtig gut.

Text: Maximilian Barcelli

Und es ist schön, um nicht zu sagen: Wunderschön. Aber gut, es sollte eh eine Selbstverständlichkeit sein, dass ein Coupé fesch anzusehen ist, ist ja der Sinn dieser Karosserievariante. Funktion und Praktikabilität wird der Optik untergeordnet. Man verzichtet auf einen größeren Kofferraum, Kopffreiheit und nicht zuletzt auch auf zwei Türen für eventuelle hintere Passagiere. Wobei sich das Mitreisen auf den billigen Plätzen sowieso als recht, sagen wir einmal, kuschlig erwiesen hat. Doch Mercedes-Benz wäre nicht Mercedes-Benz, würden die Schwaben nicht auch hier auf höchst möglichen Komfort achten. So wird alles Menschenmögliche unternommen, dass sich die armen Hunde hinten ebenfalls wohlfühlen (Arme Hunde vor allem deswegen, weil hinten sitzen bedeutet, nicht zu fahren). Und neben so feinen Kleinigkeiten wie elektrisch vorfahrende Sitze, die das Einsteigen ins Fond um einiges erleichtern, stellt man anerkennend fest, dass das Platzangebot im Vergleich zu anderen Coupés eigentlich schon fast üppig ist.

Doch zurück zu Eleganz, die dieses Fahrzeug umwarbt. Die Linienführung – wie schon eben angeschrieben – brilliert. Auch sonst weiß das E-Klasse Coupé zu gefallen, das Heck sieht mit den schicken Leuchten ungemein sexy aus, die Front ohnehin. Immer wieder ertappen wir uns bei dem Gedanken, ob wir gerade im schönsten Stern sitzen, der am Neuwagenmarkt zu ergattern ist. Gut, es gibt da schon noch ein paar feine Sachen im Hause Mercedes, was aus Affalterbach kommt ist sowieso nicht mehr normal – aber die E-Klasse im Coupé-Kleid, das ist schon richtig hübsch.

Und es macht auch richtig viel Spaß. Nicht zuletzt, weil unter der Haube ein V6-Benziner arbeitet, der in der E-Klasse-Motorenpalette das Maß aller Dinge darstellt. Wenn man halt von den verrückten Sachen absieht, an denen Affalterbach herumbastelt. Mercedes-Benz E 400 4MATIC Coupé heißt die Fuhre übrigens hochoffiziell. Allradantrieb ist also ebenfalls mit an Bord. Der – in Kombination mit den 333 PS, die der V6 erarbeitet – sorgt dafür, dass das stärkste E-Klasse Coupé in 5,3 Sekunden auf Landstraßentempo rauscht. Und dabei tönt der Motor zwar schön und versteckt sich nicht, ist jedoch nie aufdringlich. Und überhaupt gleitet man im E Coupé eher, als dass man übertrieben-dynamisch um die Dopplerhütte fetzt. Will man eine straffere Lenkung, direkteres Verhalten, grundsätzlich mehr Sportlichkeit, dafür weniger Komfort, dann sollte man seine Blicke gen München wenden. Will man ein Auto, welches vor allem zum gemütlichen Gleiten einlädt, in Sachen Komfort anderen Herstellern Meilenweit voraus ist, das auf der anderen Seite schon auch moderat-dynamisch gefahren werden will – hier bitte.

Und dann sind wir noch von etwas anderem tiefst beeindruckt: Dem Innenraum. Denn bei Mercedes ist immer alles ein wenig anders. Touch-Screen? Wer braucht sowas. Wahlhebel für die Automatik? Den bringen wir hinterm Lenkrad an. Elektrische Feststellbremse? Die kommt unters Lenkrad! Die Bedienung ganz allgemein? Gewöhnungsbedürftig. Doch man versetze sich einmal in den Kopf eines hypothetischen Kunden. Der fährt das Fahrzeug nämlich nicht nur zwei Wochen, sondern mehrere Jahre. Er hat also alle Zeit der Welt, um mit dem Auto warm zu werden und es zu verstehen. Radiosender als Favoriten hinzuzufügen und nicht, so wie wir, jedes Mal die gesamte Liste (die Radiosender beinhaltet, die wir unser Lebtag noch nie gesehen haben und es auch nicht wollten) durchforschen zu müssen, um von 88,6 auf Arabella umzuschwenken.

Ja, es ist anders, das Innenraum-Konzept. Anders, aber irgendwie cooler. Spezieller eben. Und bestens verarbeitet. Stundenlang hätten wir am Drehregler rumdrehen können, einfach nur weil es sich so herrlich anfühlt. Über die Qualität der Materialien brauchen wir sowieso nicht sprechen. Kurzum: 1A. Über das Interieur-Design auch nicht. Man sehe sich nur einmal die Luftauslässe an: Edel, smooth, elegant – Bestnoten.

Doch es kostet – und das nicht wenig. Mit dem feinen Motor, der uns in unserem Tester fortbewegte, 81.669,99 Euro. Mindestens, da ist der Mercedes noch nackt. Und die Aufpreis-Politik ist schon auch happig. Mit unter 90.000 Euro für ein anständig ausgestattetes E-Klasse Coupé mit V6-Benzinmotor braucht man nicht zu rechnen, tendenziell geht’s eher Richtung Fünfstelligkeit. Ein Patzen Geld. Ein wirklich fetter Patzen Geld, für den viele Menschen eine halbe Ewigkeit hackeln müssten. Ob das Mercedes-Benz E 400 Coupé das Wert ist? Ist es.