Mercedes Hymer Wintercamping

Wikinger & Warmduscher

Kampieren klingt nach (Hoch)Sommer. Viele tun’s aber auch im tiefen Winter. Das muss keine Friererei und Hexerei sein – wenn man unter sich einen Allrad-Mercedes Sprinter, über und um sich einen Aufbau von Hymer hat.

Text: Beatrix Keckeis-Hiller
Fotos: Mercedes, Hymer, Beatrix Keckeis-Hiller

Die Erfahrung hat gelehrt, dass man nicht zum Wikinger geboren ist. Das Abenteuer Camping – im Zelt – ist abgehakt, nach verregneten Urlauben am Lago di Garda, frostigen Frühjahrs-Wochenenden in Rennstrecken-Fahrerlagern, einem Sommer in Island, einer Spätherbst-Nacht auf 1.100 Meter Höhe in den französischen Seealpen und weiteren einschlägigen Abenteuern. Das ist alles noch in frischer Erinnerung, im wahrsten Sinne des Wortes. Und genau da flattert eine Einladung auf den Schreibtisch, zum Mercedes Hymer Wintercamping. In Sölden, Tirol. Auf 1.400 Meter Seehöhe. Mitten im Skigebiet.

Na gut. Einmal probieren wir es noch. Zumal ja gar nicht vom Zelten die Rede ist. Sondern von Reisemobilen. 4×4-Getriebenen. Es ist ja Winter, auch wenn die Konsultation der Schneeberichte ergibt, dass Weißes unterhalb von 2.000 Metern Seehöhe Mangelware ist. Trotzdem formieren sich vor dem inneren Auge Bilder von tief verschneitem Gelände, in dem Hymer-Mobile auf Mercedes Sprinter-Basis in üppigen Schneehaufen stecken.

Ein Bild, das alleine schon der Flug von Wien nach Innsbruck ausradiert. Die Landschaft präsentiert sich durchgehend in Braun-Grün. Der einzig sichtbare Schnee ist künstlich und windet sich in schmalen Pistenbändern talwärts. Das ändert sich auch auf dem Autobahn- und Landstraßen-Weg von Innsbruck nach Sölden nicht. Der Allradantrieb des Mercedes Hymer Grand Canyon 4×4 mit 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht (mehr, größer und damit schwerer ist mit B-Schein nicht drin) ist so gut wie arbeitslos, die Temperaturen rangieren weit über Null, weiß sind bloß die Streusalzrückstände auf dem Asphalt.

Auf dem Campingplatz in Sölden, 200 Meter Luftlinie von der Talstation der Rettenbachferner-Bahn entfernt, liegt ebenfalls kein Stäuberl Schnee. Gerade die vorbeifließende Ötztaler Ache zeigt an den Ufern Erstarrungstendenzen, rauscht aber noch munter. Das Gelände, mit 99 Stellplätzen, ist dicht besetzt, laut Kennzeichen sind Deutschland, Holland, Italien, Frankreich, Spanien stark vertreten. Nur wenige der fahrbaren Domizile sind Wohnwagen, die Reisemobile sind in der Mehrzahl. Gut dreißig davon sind – in Reih und Glied geparkt, an der Steckdose hängend – Mercedes Hymer, vornehmlich des Typs ML-T 580, in großzügigen Sieben-Meter-Dimensionen und unterschiedlichen Top-Ausstattungsvarianten.

Reminiszenen an sporadische Wohnwagen-Nächtigungen stellen sich ein. Und damit die Platzangst-Erinnerung in den vor Urzeiten ausprobierten Miniatur-Varianten. Vorahnungen, dass es ähnlich werden könnte bestätigen sich auf den ersten Blick nicht: Fast 25 Quadratmeter misst das Interieur des mobilen Zimmers für eine Solo-Nacht. Es hat alles Drum und Dran, was man an Einrichtung braucht. Bett sowieso, Küche samt Kaffeemaschine und befülltem Kühlschrank, Bad und Wohnzimmer. Die Frontsessel sind drehbar. Der Tisch eignet sich hervorragend dafür, den Laptop und Papiere darauf zu platzieren, man hatte schon unbequemere Arbeitsplätze. Die Fenster – an der Frontscheibe überbrückt eine Art Wärmevorhang das Einsickern der Kälte – können blickdicht gemacht werden, mittels Jalousien, teils manuell, teils auf Tastendruck zu (be)tätigen. Was aber viel wichtiger ist: Es ist wohlig warm.

Das ausgeklügelte Heizungssystem ist zentral gesteuert. Besonders warm ist es in der Badezelle. Da wirkt sich die Beheizung des Unterbaus am nachhaltigsten aus. Dadurch frieren weder die Tanks für Sprit und Wasser ein, dadurch ist auch der Fußboden beheizt. Sollte es bei all dem gar zu warm werden, kann das durch Frisch- (oder auch Kaltluft-) mittels Klappfenster und Ausstelldach zugluftfrei reguliert werden.

Camping ohne Lagerfeuer geht eigentlich nicht. Nun sind wir nicht in der freien Natur, sondern auf einem recht dicht besetzten Kampier-Terrain. Also tun’s gut behütete und fleißig gefütterte Feuerquellen. Dazu wird Glühwein gereicht. Stichwort Futter: Zu Abend gegessen wird dennoch unter Dach und Fach, in kleinen Grüppchen – im Reisemobil. Die Tische taugen auch fürs Tafeln, wenn nach jedem Gang das Geschirr gleich wieder abserviert wird.

Es waren nicht allein der Glühwein und der digestive örtliche Schnaps, auch der ungewohnten Höhenluft war’s zuzuschreiben, dass die befeuerte abendliche Versammlung sich recht bald auflöste und jeder sich in seinen One-Night-Hymer zurückzog. Die wenig Schlaf-fördernde Befürchtung, dass auf dem doch dicht besetzten Campingplatz einige Gäste ihrer Feierlaune laut und lange frönen könnten erfüllte sich nicht. Die waren offenbar ohnehin alle vom Skifahren müde oder frequentierten das unter anderem mit Wellnessbereich ausgestattete Rezeptionshaus. Zudem: Die Dämmung des Hymermobils verbannt nicht nur die Kälte – mittlerweile doch beträchtlich unter null Grad – nach draußen. Dazu sorgt das Rauschen der Ache für einen Soundteppich à la White Noise.

Alles im Wohnmobil ausprobieren war angesagt, inklusive Dusche, WC und Küche – die Frühstückssemmeln hingen in einem Sackerl an der Tür, das mit dem Caffè klappte nicht so ganz, da sollte eventuell doch ein von George Clooney beworbenes Produkt her -. Nicht nur Wohnen, Dinieren und Feuer stand auf dem Programm, sondern auch fahren, um die Leistungsprobe aufs weniger wegsame Exempel vorzuführen. Naheliegend ist in Sölden die Timmelsjoch-Straße. Die ist zwar anfang Dezember ab der ehemaligen Mautstation und dem nunmehrigen Mountain Crosspoint (inklusive sehenswertem Motorradmuseum!) schon gesperrt, aber für einzelgenehmigte Veranstaltungen bis zur Passhöhe temporär geöffnet – wenn keine Lawinen dräuen.

Die Straße ist zu allen Jahreszeiten ja schon mehr als gut bekannt, von unzähligen ein- und mehrspurigen Ausflügen. Einen Dreieinhalb-Tonner mit hohem Schwerpunkt hatten wir aber noch nie. Beruhigenderweise ist der mit einem Dreiliter-Sechszylinder-Diesel mit 190 PS motorisiert. Womit das Bergan- und -auffahren im Verein mit dem Allradantrieb selbst auf Eisplatten und Schnee – ab 2.200 Metern ist es doch endlich soweit mit dem Weiß – keinerlei Leistungs-Challenge ist. Bergab allerdings schiebt das Gewicht dann doch deutlich drängender mit als von bisherigen Fahrzeugen gewohnt. Das resultiert in einer gewissen Gangart-Gemächlichkeit, die allerdings den Genuss der weiß strahlenden Hochgebirgslandschaft fördert.

Gedanken macht sich das Herstellergespann Mercedes-Hymer nicht alleine um Komfort und Wohnlichkeit, auch um die Sicherheit. Abgesehen von den üblichen Assistenzsystemen ABS und ESP werden die Reisemobile mit Brems- und Seitenwindassistent ausgeliefert. Das kann mit unter anderem Totwinkelanzeiger und Spurhaltehelfer ergänzt werden, bei den Allradlern ebenso mit Bergabfahrunterstützung. Auch werden eigene Trainingskurse für den Umgang mit den mobilen Ferienwohnungen offeriert. Eine Kostprobe lieferte ein kleiner Wedel- und Brems-Parcours an der Mautstelle.

Das Resumée des Camping- & Fahr-Adventures: Man muss keine Wikinger-Gene haben, um es winters im Wohnmobil auszuhalten. Mag sein, dass Puristen naserümpfend „Glamping“ (für Glamour-Camping) dazu sagen. Weil man sich dazu bekennt, gerne warm zu duschen? Why not? Vor allem: Wenn man die gut 100.000-Euro-Investition für so ein komfortables Reisehaus auf vier Rädern tätigt, darf’s auch ganzjährig im Einsatz sein. Selbst wenn man kein Skifahrer oder überhaupt kein Winterfan ist, sondern das Weite im hohen Norden oder in den Steppen des Südens sucht, wo’s nächtens auch sommers ganz schön kalt wird. Für die Abgeschiedenheit kann man sich mittels Generator und Solarmodul von fixen Stromquellen unabhängig machen. Und mit dem Allradantrieb samt erhöhter Bodenfreiheit kommt man fast überall hin.

Anmerkung zum Schluss: Wenn man hinter einem Reisemobil dahinzockelt und sich denkt „kann der denn nicht schneller?“ dürfte es wahrscheinlich eins jenseits der 3,5 Tonnen sein. Er könnte wahrscheinlich flotter. Und wollte bestimmt auch. Doch darf er nicht. Jenseits dieser Gewichtsklasse gelten Lkw-Gesetze: 70 km/h auf der Bundesstraße, 80 km/h auf der Autobahn. Naheliegend ist da die Überlegung, ob man platzmäßig mit dem Grand Canyon auskommen kann. Denn dann dürfen es 100 respektive 130 km/h sein, und damit ist man einfach flotter dort, wo auch immer das ist.