Generation Z, Deep Learning – der Mercedes Vision Tokyo 2015 wird mit abgefahrenen Begriffen erklärt. Dabei genügt doch nur einer: Abgespaced.

Text: Thomas Geiger

Neun Millionen Einwohner auf einer Fläche kleiner als Paris, die Stadtautobahn gerne mit acht Spuren und vier Etagen und die Straßen tief in den Häuserschluchten mit all ihrer Reklame auch nachts so hell erleuchtet, dass man fast schon zur Sonnenbrille greifen möchte: Nirgendwo auf der Welt ist der Stadtverkehr so faszinierend wie in Tokio – und nirgendwo kann man selbst morgens um drei länger im Stau stehen. Weil Autofahren so buchstäblich zum Abenteuer wird und es  zudem selbst zu Hause oft keine Privatsphäre gibt, sehen Japaner ihre Autos längst als zweites Wohnzimmer und richten sie entsprechend wohnlich ein.

Diesen Trend greift jetzt auch Mercedes auf und enthüllt auf der Motorshow in Tokio eine Studie, die eine mehr eine Lounge auf Rädern ist als ein Auto – selbst wenn die Entwickler unter der Karosse Platz für einen Elektroantrieb und eine Brennstoffzelle gelassen haben.

Zwar kennt man wohnliche Mercedes-Visionen schon zur Genüge. Doch die „Vision Tokyo 2015“ ist anders, als alles, was die Schwaben bislang gezeigt haben. Denn weil die Welt in Japan gerne ein bisschen überzeichnet wird, weil Mercedes sein Spießer-Image gar vollends abstreifen und auch von den jungen als „cool“ gesehen werden will, wanzen sich die Schwaben mit dem Showcar an die Generation Z heran und machen ihrer Luxus-Lounge zur Chill-Out-Zone für die Internet-Gemeinde.

So offenbart der Blick durch die breite Flügeltür entlang der linken Flanke nicht nur ein weit geschwungenes Ledersofa für fünf Personen, das die übliche Sitzordnung in dem 4,80 Meter langen und 2,10 Meter breiten Space Shuttle auflöst. Sondern man sieht auch zahlreiche Bildschirme, die wie schon im F015 vom Anfang des Jahres beinahe nahtlos in den Konsolen integriert sind. Auf ihnen läuft aber nicht irgendein Infotainment-Programm. Sondern weil das Showcar seine Insassen kennt, als wären sie Freunde, und weil es mit „Deep Learning“ seine Wünsche antizipiert, trifft es auch ohne Kommandos den persönlichen Geschmack.

Was bei der Zeitreise in diesem monolithischen Mercedes, der eher an einen Wal auf Rädern erinnert als an einen Silberfisch, völlig verschwimmt, das ist die Grenze zwischen innen und außen: Denn vorne haben die Designer eine Glaskanzel eingebaut wie bei einem Speedboot und alle anderen Scheiben sind so bedruckt, dass die Übergänge nahtlos werden.

Selbst beim Infotainment verwischen die Grenzen zwischen Interieur und Exterieur: Nicht umsonst sind die stolze 26 Zoll großen Räder blau beleuchtet, das Heck bekommt mit einer roten Lichtinstallation eine gespenstische Tiefenwirkung und der mit LED-Elementen gespickte Kühlergrill flimmert im Takt der Musik, als stünde der Mercedes in der Disco. So hip waren die Schwaben noch nie.

Gespenstisch glatt, schillernd bunt, immer online und natürlich autonom – auf den ersten Blick ist der Vision Tokyo dem Google-Auto näher als etwa einer S-Klasse. Schließlich sieht man im Cockpit weder einen Fahrersitzt, noch ein Lenkrad. Doch ganz so weit geht die Revolution bei Mercedes dann doch nicht. Zwar findet die Studie genau wie der F 015 vom Anfang des Jahres allein ans Ziel. Aber es braucht nur einen Knopfdruck, dann übergibt die Maschine das Kommando wieder an den Menschen – aus dem Lounge-Sofa klappt wie der Jumpseat im Flugzeug-Cockpit ein Fahrersitz, und aus der Konsole unter der riesigen Panoramascheibe wächst ein Lenkrad. Und plötzlich ist selbst der Chill-Out-Benz für die Generation Z wieder ein Mercedes (fast) wie jeder andere.

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