Der schönste Skoda?

Mit dem Vision E in die Zukunft

Donnerstagmittag in einem Fotostudio in Ingolstadt – die Nervosität steigt. Kommt sie oder kommt sie nicht? In nicht einmal zwei Wochen soll diese Studie von Skoda, an der vielleicht die Zukunft der ganzen Marke hängt, in Shanghai sein. Und jetzt schafft sie es nicht einmal die zehn Kilometer aus der geheimen Werkstatt, weil irgendwas im Innenraum noch klemmt. Vielleicht auch, weil der Fahrer mit dem hermetisch versiegelten Lastwagen einfach den Weg nicht findet. Dabei dängt die Zeit und zu allem Übel hat sich auch noch der Vorstand zur finalen Designabnahme angesagt.

Von Thomas Geiger

All das ist jetzt elf Tage her und mittlerweile vorbei und vergessen. Schließlich hat es am Ende ja doch noch gereicht und ab jetzt stiehlt der Vision E auf der Motorshow in Shanghai vielen andern Studien die Schau. Denn mit dem elektrischen SUV-Coupé beweist Skoda, dass nicht nur Nobelmarken wie Tesla oder Jaguar, Träumer wie Faraday Future oder Nio und die zwei Klassen höher angesiedelte Schwester Audi begehrenswerte Batteriefahrzeuge bauen können.

Technisch ist der Vision E keine große Überraschung. Denn erstens nutzt er den von der Konzernmutter VW schon drei Jahre vor dem ersten Serienmodell bis zur Sättigungsgrenze durch die Schlagzeilen geprügelten Modularen Elektrizitätsbaukasten. Und zweitens sind 225 kW Leistung aus zwei Motoren, 180 km/h Höchstgeschwindigkeit und mehr als 500 Kilometer Reichweite für eine Studie kein großer Wurf, wenn ein Opel Ampera-E schon heute auf 520 und ein Renault Zoe auf 400 Kilometer kommen.

Doch so unspektakulär der Antrieb, so sensationell ist das Design. Denn wo Ampera-E oder Zoe im hier und heute verhaftet sind, sieht der Vision-E genau wie die viel teureren Studien und Serien-Modelle von Tesla & Co tatsächlich nach Zukunft aus und macht dabei einfach eine gute Figur: Ein bisschen kleiner, aber vor allem schlanker und schnittiger als der Kodiak und nicht minder robust, steht er auf großen Rädern, funkelt mit einem von innen beleuchtetem Ornat aus Bleikristall und reckt eine glatte Nase in den Wind, die ganz neu ist und ihn trotzdem sofort als Skoda ausweist: „Das wird unser typisches Gesicht für Elektrofahrzeuge“, sagt Karl Neuhold, der das Exterieur-Design verantwortet: Ohne Kühlergrill, aber trotzdem sofort als Skoda erkennbar, weil am Ende der profilierten Motorhaube wie eh und je der gefiederte Pfeil thront, und weil die Studie das Vier-Augen-Gesicht des Octavia übernimmt, das mit einem durchgehenden Lichtleiter verbunden wird.

Dazu gibt es einen Innenraum, der ohne Mitteltunnel deutlich mehr Platz bietet, ein Anzeige- und Bedienkonzept, das mit großen Touchscreens, Gesten- und Blicksteuerung ebenfalls den Aufbruch in eine neue Zeit wagt, und Assistenzsysteme, die noch einen weiteren Schritt nach vorne machen. So kann der Vision E nicht nur automatisch auf einer induktiven Ladeplatte parken, sondern nach dem so genannten Level 3 auch selbstständig über die Autobahn rollen. Damit der Fahrer dabei nicht ganz wegdriftet oder sich zu tief in den Möglichkeiten des Infotainments verliert, überwacht Skoda neben seiner Aufmerksamkeit sogar seinen Herzschlag. Und natürlich haben sich die Tschechen auch wieder ein paar Neuigkeiten aus der Rubrik Simply Clever einfallen lassen – zum Beispiel Frontsitze, die man um 20 Grad drehen kann.

Eine wunderbare Karosserie und ein atemberaubendes Ambiente – und dies ist das Versprechen von Karl Neuhold: „Natürlich werden wir nicht alles übernehmen können und haben bei manchen Details etwas überzeichnet“, räumt der Chef fürs Exterieur-Design ein. „Aber die Vision E ist vom Serienmodell nur noch so weit entfernt wie damals die Vision S vom Kodiak.“ Und bei diesen beiden Autos sind die Parallelen so augenfällig, dass man am Ende fast schon überrascht war. Selbst ein wenig von dem Bleikristall-Ornat möchte Neuhold in die Produktion retten, weil er den Kontrast zwischen traditioneller Handwerkskunst aus Böhmen mit dem Hightech von Antrieb und Bedienung reizvoll findet.

Also wirklich alles vorbei und vergessen mit der Zitterpartie auf dem Weg ins Studio und nach Shanghai? Nicht ganz. Denn der holprige Start in die Elektromobilität ist symptomatisch für Skoda. Schließlich gehört die tschechische VW-Tochter zu den letzten Volumenmarken, die auf den Elektro-Express aufspringt. VW baut schon seit Jahren Batterie- und Plug-In-Modelle, Audi hat den A3 am Stecker, die Franzosen fahren mit Strom und die meisten Japaner auch. Und Skoda hatte bislang nicht einmal einen Hybrid im Angebot. Zu teuer war den Tschechen bislang die Technologie, als dass sie sich auf dieses Abenteuer hätten einlassen und sich davon die Preise oder die Rendite verderben lassen wollen. Doch jetzt, wo sich der VW-Konzern gerade neu erfinden will, die Politik die Daumenschrauben der CO2-Vorgaben anzieht und wichtige Absatzmärkte wie China strenge Quotenregelungen anstreben, schwenkt auch Skoda um und Firmenchef Bernhard Meier bläst zur Offensive und verspricht bis zum Jahr 2025 fünf reine Elektrofahrzeuge – darunter auch die Serienfassung des Vision E. Schließlich will er bis dahin jedes vierte Fahrzeug mit Steckdosen-Anschluss ausliefern.

Dazu zählen neben den fünf reinen Stromern für ihn allerdings auch Plug-In-Hybride, mit denen die Offensive 2019 beginnen soll. Anders als bei der Studie auf dem Weg nach Shanghai sollte das dann auch keine Zitterpartie mehr werden. Denn als Basisfahrzeug dient der sattsam bekannte Superb und selbst wenn Skoda auf eine neue Zellgeneration und mehr als 50 Kilometer Reichweite hofft, läuft sich die Batterietechnik unter dem Blech seit Jahren im VW Passat GTE warm.