Messerundgang!

Motorblock auf dem Genfer Autosalon

Die Stimmung ist gut auf dem Genfer Automobilsalon. Entsprechend wenig Grund haben die Hersteller allerdings auch, sich auf echte Risiken einzulassen und wirklich etwas Neues zu probieren. Von der Neuerfindung des Autos, von der digitalen Revolution und dem radikalen Umbau der Mobilität ist zwar bei den Pressekonferenzen viel zu hören, aber auf den Ständen nur wenig zu sehen. Die PS-Branche setzt auf die bewährte Mischung aus Faszination und Funktionalität: Praktisches für den Alltag, Brüllendes für den Bubentraum.

Südländisches Temperament

Wer befürchtet, dass der Alfa Romeo Giulia das Schicksal der stets erwähnten, aber nie anwesenden Mrs. Columbo droht, wird in Genf beruhigt. Endlich gibt es sie auch im normalen Livree, also nicht nur als 510 PS Sternschnuppe zu sehen. Glatter und weniger mit den Sportattributen protzend, kommt das gelungene Design sogar besser zur Geltung. Also: Keine Hauben- und Kotflügel-Gitter, Schweller statt Schwellkörper, anabolikafreie Schürze.

Und weil wir grad bei den feurigen Südländern sind: Wer am Pirelli-Stand an Reifen denkt, hat ein Herz aus Gummi. Und der fesche Graugelbe ist ein Nimrod, das ist hebräisch für Jäger und der Name eines ungarischen (!) Autoveredlers, der mit seinen stilistischen Eingriffen merkbar eigenen Regeln verfolgt. Einige Sammler werden das zu schätzen wissen.

Fernost würzt das europäische Menü

Hyundai wagt sich mit dem Ioniq erstmals im großen Stil ins Grüne und nimmt das Vorbild Toyota Prius gleich mit einem Hybriden, einem Plug-In und einem reinen Elektrofahrzeug ins Visier.

Kia zeigt mit dem ebenfalls als Hybrid konzipierten Niro, dass man ein kleines SUV auch mit gutem Gewissen fahren kann. Dazu ein fast schon Audi-liker Kombi des Kia Optima, der schmucke kleine Toyota-Geländewagen C-HR oder ein ziemlich überdrehter Vorbote des nächsten Honda Civic – spicy Zutaten aus Fernost für das europäische Menü, das in Genf serviert wird.

Portfolio-Pflege statt Revolution

Viel Portfoliopflege, die herzlich wenig anfangen kann mit der rosigen Vision vom voll vernetzten, smarten und sauberen Mobilitäts-Device, das autonom durch leere und grüne Straßen surrt.

Mercedes zeigt das C-Klasse-Cabrio, BMW einen Siebener mit V12-Motor und einen mit Plug-In-Hybrid, Volvo den riesengroßen Kombi V90. Levante heißt das erste SUV von Maserati. Alles neue Autos und trotzdem irgendwie alles schon einmal da gewesen.

Von Ford zum Beispiel gibt es ein Facelift für den Kuga und von Opel ein Update für den Mokka. Und bei Fiat begegnet man alten Bekannten im neuen Frack, dem schicken 124 Spider und dem Tipo als Fließheck oder Kombi.

Renault zeigt den eleganten Mégane Grandtour. Der neue Scénic sieht so klasse aus, dass man sich fast noch einmal Kinder wünscht. Bei Peugeot steht der aufgefrischte 2008, bei Citroen der Spacetourer.

Vision und Wirklichkeit beim VW-Konzern

Kein anderer Hersteller redet diesmal so laut vom Wandel, von Digitalisierung und vom autonomen Fahren. Gleichzeitig sind die vorgestellten Neuheiten eher konventionell – allerdings auch sehr gelungen: Ein kleiner Geländewagen wie der Q2 passt prima zu Audi, auf ein Polo-SUV wie den T-Cross haben die VW-Händler spätestens seit dem Opel Mokka gewartet. Der serienreife Geländewagen Seat Ateca ist genau so ein Sebstläufer wie die Skoda Vision S, aus der im Herbst der Kodiak wird, und selbst der Bugatti Chiron als 1 500 PS starker und 420 km/h schneller Überflieger ist ein faszinierendes Auto.

Neuer Mehari

Citroens Neuauflage des Mehari im Courreges-Outfit – weißer als weiß, innen und außen. Einen Tip, in welchem Outfit man sich darin sehen lassen kann, hat der französische Designer nicht dazugereicht, wer allerdings eine Polizeiuniform wählt, wird durch dieses Auto kaum glaubwürdiger. In verträglicherem Livree kommt der Mehari tatsächlich noch heuer – für Halbmutige wird es genügend Stoff- und Innendesigns geben, ohne gleich ins Weiße greifen zu müssen.

Kein Beinbruch

Fractal nennt Peugeot seine zweitürige Coupé-Studie, was ein bisschen nach Knochenbruch klingt und auch ein wenig danach aussieht. Ob das Revival der weithin als „Selbstmördertüren“ bekannten, hinten angeschlagenen Einstiegsvariante dafür verantwortlich ist, wird nicht verraten. Im Innenraum gibt’s noch eine lange nicht gesehene Lösung: Die Verwendung von Rosé-Gold, zuletzt gesehen in „Casino“ mit Robert DeNiro und Sharon Stone. Oberecht in den 80ern, wer sich noch an sie erinnern kann.

Thomas Geiger, Karl Jereb, Bernhard Katzinger, Stefan Pabeschitz