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    Motorblock fährt VW e-Golf

Michael Klingenberg lebt in Wien, ohne Garage und eigener Ladestation. Seine Freundin wohnt in Graz – und er fährt VW e-Golf. Warum er in seiner Mobilität trotzdem nicht eingeschränkt ist, erzählt er am besten selber.

Text: Michael Klingenberg

Ich liebe gutes Essen und hasse Bilder davon im Internet. Ich mag Freiheit, aber nicht auf Kosten anderer. Und ich mag Elektroautos. Weil, das ist die Zukunft. Is so. Sie stinken nicht, zumindest nicht vor meiner Haustür. Sie sind leise und sie sind umweltfreundlicher. Jaja, ich weiß, was ihr jetzt denkt, der Strom muss ja auch von wo herkommen. Aber mal ehrlich, wenn so ein Supertanker durch die Weltmeere tuckert und gegen den letzten schwangeren Blauwal fährt und dabei gleich ganz Guatemala verseucht, dann ja, dann ist der Strom zumindest in Europa umweltfreundlicher. Wobei, die Tanker fahren derzeit ja gar nicht, sondern stehen wegen des tiefen Ölpreises wochenlang voll beladen im Meer herumnoch besser.

Ich hab also so ein E-Auto. In der Stadt, mit Wohnung und ohne eigene Garage. Und mit einer Freundin 200 Kilometer weiter weg. Steckdosen hab ich, die sind aber für die Kaffeemaschine und den Wasserkocher da. Für mein Auto muss ich Strom suchen fahren. Ich heiße Michael Klingenberg und bin Stromnomade in Wien. Meine Arbeit liegt in der Innenstadt, ein kleines Büro gleich in Uni-Nähe. Vorteil: Junge Leute. Nachteil: Keine Steckdosen am Straßenrand. So muss ich tanken fahren, wie jeder andere auch, nur dauert es bei mir länger. „Oh Mann, wie mühsam! Da warte ich stundenlang, bis ein paar Tropfen Strom im Akku sind, mit denen ich dann erst recht nur bis zum Nachbarn gegenüber komm. Mit meinem Auto fahr ich zur Tankstelle. Deckel auf, Stutzen rein und zack, in zwei Minuten ist zusammengeräumt.“ Ja und dann? Genau, dann gehts schnell schnell wieder weiter. Denn das ist wichtig, dass es schnell weitergeht. Laden kostet Zeit, hör ich immer, Laden kostet Zeit.

Ich sage Laden bringt Zeit. Zeit für einen selbst. Wie oft haben wir denn heute noch Zeit für uns selbst? Mein Chef hat gestern erst gemeint: „Ein freies Wochenende hätt’ ich auch gern mal wieder.“ Es scheint, also ob Zeit unser kostbarster Rohstoff ist.

… wenn so ein Supertanker durch die Weltmeere tuckert und dabei gegen den letzten schwangeren Blauwal kracht und ganz Guatemala verseucht, dann ja, dann ist der Strom umweltfreundlicher …

Plötzlich ist Zeit da, wo vorher keine war. Deshalb hab ich begonnen, alle möglichen Sachen auszuprobieren, Französisch lernen zum Beispiel. Während mein VW e-Golf ladet, lade ich meinen Kopf mit Vokabeln voll. Et là dessus, je cours un peu. (Was glaube ich „Und danach lauf ich ein wenig“ heißt. Wenn nicht, hoffe ich zumindest, dass ich jetzt nichts Unanständiges geschrieben hab.) Immer fix dabei neben dem Ladekabel sind meine ausgelatschten Laufschuhe. Was ich den ganzen Tag sitze, glaubt mir niemand. Mein Opa ist das ganze Jahr nicht so viel gesessen, wie ich an einem Tag.

Deshalb nutze ich die Ladezeit für einen entspannten Querfeldeinlauf. An manchen Stromtankstellen ist mein e-Golf in 30 Minuten zu 80 Prozent geladen. Das bedeutet für mich mindestens eine halbe Stunde sporteln, meinem Kreuz geht es seitdem wirklich besser. Bücher und der Laptop sind ebenfalls im Auto. Heute arbeiten die Leute ja sowieso schon, wo sie wollen. Ob ich jetzt im Büro sitz oder im Park neben der Ladestation, ist dem, der mich am Computer braucht, auch egal.

Das Ladenetz in Österreich ist riesig, wirklich jetzt. Sehen Sie selbst. Wenn ich also zu meiner Freundin fahren möchte, dann mach ich das auch. Ich sitze jetzt nicht im e-golf und tuckere mit 80 hinter einem Lkw her – ich fahre bis der Tank fast leer ist und lade ihn auf. Meistens biege ich aber in Loipersdorf ab. Die dortige Therme ist richtig fein. Ein paar Längen schwimmen, gut essen, ein kurzes Mützchen und das Auto ist durch die dortige 22 kW-Anlage wieder zu dreiviertel voll.

Mein Fahrverhalten hat sich gegenüber meinem vorigen Diesel trotzdem geändert. Zurückhaltender, vorausschauender. Ich bremse früher und länger. Natürlich nur, wenn es geht. Ich fahre jetzt nicht wie meine Oma aber ich versuche, schonend mit meinen Ressourcen umzugehen. Immer spannend, wenn ich Leut’ sehe, die von Ampel zu Ampel sprinten, als gäb’s irgendwo gratis T-Shirts. Die ganzen Hetzereien mache ich nicht mit, wenn jemand drängeln will, soll er. Und wenn wer auf der zweiten Spur vorbei rast, damit er zwei Meter mehr in seinem Leben gewinnt, dann stört mich das nicht. Obwohl ich im Ampelstart die besseren Karten hätte, von Null auf 80 vergehen bei dem e-Golf nämlich in 6,9 Sekunden. Was bringt’s? Bloß mehr Stress.

Die Nachteile

Danke, Michael. Wien-Graz, tz! Wir empfehlen eine Jahresmitgliedschaft im Thermenresort. Auf der einen Seite hat er Recht, wir haben uns so an die Vorzüge eines fossilen Brennstoff gewöhnt, dass uns die Langzeitfolgen für Mensch und Natur egal sind. Auf der anderen Seite, was passiert mit dem Elektroauto, wenn Michael es nicht mehr möchte? Würden Sie ein E-Auto kaufen, das vier oder fünf Jahre alt ist? Und wenn es verschrottet wird, wie viel E-Auto kann man wiederverwenden? Wir haben in Österreich Glück: Weder Atom-, noch veraltete Kohlekraftwerke. Was aber, wenn plötzlich mehr Menschen Elektroauto fahren wollen… also viel mehr? Dann muss der Bedarf gedeckt werden. Elektroautos wären vom Grundgedanken her sinnvoll, nur stimmt auch im Jahr 2015 noch bei weitem die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht. Zur Erinnerung, das erste Elektroauto wurde im Jahr 1888 gebaut. Vergleicht man die bisherigen Fortschritte auf dem Gebiet mit den Errungenschaften in der gerade mal vier Jahrzehnte langen Computerrevolution, dann stimmt da was nicht.

Der VW e-Golf im Infoblock

Motor: Permanentmagneterregte Synchronmaschine (PSM)
115 PS bei 3.000 bis 12.000 U/min
270 Nm bei 0 bis 3.000 U/min
Batterie: Lithium-Ionen, 318 Kilogramm schwer
Ladedauer: AC 3,6 kW: acht Stunden, DC 80 Prozent: 30 Minuten
Leergewicht: 1.585 Kilogramm
zulässiges Gesamtgewicht: 1.960 Kilogramm
Höchstgeschwindigkeit: 140 km/h
0-80/0-100 in Sekunden: 6,9/10,4
Stromverbrauch: 12,7 kWh/100 km
Reichweite: 130 – 190 Kilometer
Kofferraumvolumen: 341 bis 1.231 Liter
Preis: ab 36.200 Euro

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