Wer hat´s erfunden? In dem Fall waren es die Schwaben, die einer viertürigen Limo erstmals die grazile Dachlinie eines Coupés verpasst haben. Mit deutlich mehr Erfolg, als man anfangs vermutet hätte.

Text: Philipp Stalzer

Wie man Reichtum definieren kann? Vielleicht ist man dann reich, wenn man sich von niemandem mehr etwas anschaffen lassen muss? Oder auch wenn man es sich leisten kann, nicht immer nur praktische, sondern auch einfach schöne Dinge zu besitzen? Vielleicht ein kostbares Kunstwerk, oder aber auch ein Auto, bei dessen Entwurf nicht Liter und Zentimeter die maßgeblichen Größen waren, sondern eine dem Auge schmeichelnde Silhouette. Den CLS als gänzlich unpraktisch zu diffamieren ist natürlich nicht richtig, aber die formschön schon knapp nach der B-Säule abfallende Dachlinie ist jetzt nicht der ultimative Bringer, wenn man oft mit Kind und Kegel unterwegs ist. Er passt zu Menschen, die sich ihre Waschmaschine lieber einfach liefern lassen. Denn selbst wenn sie in die „Shooting Brake“ Fünftürer-Version des CLS passen würde, man möchte in diesen Innenraum nichts so banales einladen. Auch wenn man den Laderaum nicht von vornherein schon mit dem knapp 5400 Euro (!) teuren amerikanischen Kirschbaum-Holzboden schön, aber ziemlich nutzlos gemacht hat – aber dazu ein ander mal.

Rollender Salon

Ganz gleich wie labil das Nervenkostüm eines CLS-Fahrers gestrickt ist, wie leidenschaftlich cholerische Wutausbrüche zelebriert werden – im Innenraum des CLS wird kein solches Ereignis stattfinden. Kaum lässt man sich in die kuschelig-weichen Ledersitze fallen, heißt es „Entspannung an, Welt aus“. Sein kalmierendes, selbstsicheres Wesen weiß der CLS seinen Passagieren in sekundenschnelle zu vermitteln. Trotz den rahmenlosen Seitenscheiben der Türen ermöglicht das generelle Geräuschniveau eine Unterhaltung im Flüsterton, solang die optionale Harman/Kardon Audioanlage nicht für satte, gewünschte Töne sorgt. Seit der unlängst erfolgten Modellpflege ziert nun auch das Armaturenbrett des CLS ein Bildschirm im Tablet-Look. Manche empfinden das modern, andere eher als Fremdkörper. Auf jeden Fall wirkt es, als ob er beschämt vom Fahrer wegschaut, weil er weder Fahrer noch Beifahrer bevorzugen will. Für den technoiden Flair entschuldigt sich aber sogleich die analoge Uhr darunter. Weitere feine Features seit der Überarbeitung: Voll-LED Licht ist serienmäßig, eine 360 Grad-Rundumsichtkamera optional erhältlich. Doch wie fährt sich jetzt der Misch aus State-of-the-Art Technik und skulpturalem, organischem Design?

Ganz gleich wie labil das Nervenkostüm eines CLS-Fahrers gestrickt ist, wie leidenschaftlich cholerische Wutausbrüche zelebriert werden – im Innenraum des CLS wird kein solches Ereignis stattfinden. Kaum lässt man sich in die kuschelig-weichen Ledersitze fallen, heißt es „Entspannung an, Welt aus“.

3-Liter Diesel, das Gardemaß

Am sehr angenehm geringen Geräuschpegel und der vorbildlichen Fahrkultur ist der 6-Zylinder Diesel des Testers maßgeblich beteiligt. Die Laufruhe, die den großen Dieselmotoren anerzogen werden konnte, ist jedes mal aufs Neue ein Genuss zu erleben. Maximal ein sonores Brummen dringt in den Innenraum, die Geräuschkulisse passt schon auf fast verstörende Weise überhaupt nicht zum enormen Vortrieb, den der Drehmomentriese (620 Nm und 258 PS) bei niedrigen Tempi realisieren kann. Natürlich hilft dabei auch das 9-Gang (!) Automatikgetriebe, das die Kraft in feinen Scheiben dosiert an die Hinterachse weiterreicht. Sie ist markentypisch auf die komfortable Seite des Lebens abgestimmt und senkt das Drehzahlniveau auf der Autobahn in verbrauchsgünstige Sphären. Die Konkurrenz aus München hat den Spritdurst aber trotzdem besser im Griff, der Schnittverbrauch von rund 8 Litern geht für das stattliche Auto natürlich trotzdem in Ordnung. Die letzte Komponente für den himmlischen Komfort liefert die Schwebomatic, äh, Airmatic, also die Luftfederung. Vor allem bei höheren Tempi macht sie aus dem CLS einen Paradegleiter, kurze Stöße im Stadtverkehr filtert eine konventionelle Stahlfederung nach wie vor besser. Auch möglich: ein Sportmodus, der dem CLS auf der flott gefahrenen Landstraße Spurtreue und überraschend viel Dynamik verleiht. Kann man machen, muss man aber natürlich nicht

Keiner braucht es, aber jeder will es

Und tatsächlich, in unserer durchgeplanten und optimierten Welt gibt es noch Platz für etwas schönes, das nicht superpraktisch ist. Welch ein Trost, dass nebem dem Urahn CLS nun auch eine Mini-Ausgabe als CLA und sämtliche Mitbewerber wie ein Passat CC, ein 6er GranCoupé oder ein A7 die Fensterlinie niedrig, die Dachlinie flach und Prestige und Profit der Hersteller hoch halten. Im Straßenbild sind sie alle recht häufig anzutreffen, verkaufen sich also trotz Premium- und Coupézusatztarif minus dem Platzangebot der „zivilen“ Versionen gut. Unser CLS schlägt mit einem Basispreis für den 3-Liter Diesel von 68.230 Euro zu Buche, immerhin ist die Automatik serienmäßig. Dass sich beim Gustieren in der Aufpreisliste schnell nochmal eine stolze 5-stellige Summe ergibt, versteht sich bei deutschen Autos ja (leider) schon von selbst. Aber trotzdem und gerade deshalb schwebt es sich in einem CLS voller Eleganz von A nach B – das muss man einfach mögen. Selbst wenn man sich beim Einsteigen den Kopf angehaut hat.

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