Chaos bringt Ordnung?

Sind Ampeln unnötig?

Wir alle kennen das: Man steht an der roten Ampel und weit und breit ist keiner sonst zu sehen – also eigentlich könnte man jetzt ja auch völlig gefahrlos die Kreuzung überqueren. Im Endeffekt lässt es dann aber doch zumindest im Auto (fast) jeder bleiben, denn die Ampel ist für uns Mitteleuopäer unumstößliches Gesetz. Doch was, wenn wir einem falschen Gott huldigen und die dreifaltige Leuchte längst überholt ist? Denn dass Ampeln unnötig sind, könnte man durchaus denken, wenn man sich den Meskel-Platz in Addis Abeba, Äthiopien, so anschaut.

Text: Jakob Stantejsky / Foto: Endoethiopia viajes y aventuras

Klar, so rasch wie der Zeitraffer das im Video erscheinen lässt, sind die dort sicher nicht unterwegs, sonst gäbe es wohl andauernd Blechsalat. Aber, und das ist das Entscheidende, es funktioniert doch! Gar nicht mal schlecht außerdem, so bekommt man den Eindruck. Das Problem, das ich bei einer Einführung dieses „Systems“ in unseren Breitengraden jedoch sehen würde, hängt mit der Aufmerksamkeit zusammen. Denn hierzulande sind erstens mittlerweile fast alle modernen Autos mit jeder Menge Infotainment und sonstiger Ablenkung vollgestopft und zusätzlich hängt noch jeder dritte nicht nur hinterm Steuer, sondern auch an seinem Smartphone. Da ist es sicher besser, wenn der Verkehr schön übersichtlich geordnet wird. Probleme, die in Äthiopien (noch) nicht so allgegenwärtig sind. Ach ja, einen anderen Grund gibt es doch noch, wieso wir vielleicht beim altbekannten Leuchtfeuer bleiben sollten: Acht Prozent aller Unfälle in Addis Abeba passieren auf ebendiesem Meskel-Platz. Also auch wenn die knapp zwei Minuten beschleunigtes Asphaltballett sehr eindrucksvoll wirken, hinter den Kulissen schaut das Ganze doch wieder sehr anders aus. Aber Leute, die auf Stress und Adrenalin stehen – die finden hier vielleicht ihr wahres Zuhause.