• Prostloses Abenteuer

    Motorblock bezwingt den Skoda Eurotrek 2016

Wir suchen das Abenteuer! Und werden fündig in Rumänien, einer der
letzten wilden Gegenden Europas. Die Geschichte erzählt von Tieren, Schnaps, Nahtoderfahrungen und Gastfreundschaft. In diesem Sinne: Noroc!

Text: Rainer Behounek Fotos: Eryk Kepski

Wenn Sie etwas aus der Geschichte mitnehmen, dann das: Sagen Sie in Rumänien niemals „Prost“ beim Prosten. Was gut gemeint ist, geht nach hinten los, Prost bedeutet auf Rumänisch dumm. Glauben Sie mir, dumm möchten Sie nicht sagen, in einer Runde rumänischer Bauern, die herzlich ihre Gläser zusammenstoßen, mit Ober-armen so dick wie mein Kopf. Noroc (Alles Gute!) ist das Wort, das Sie suchen. Apropos suchen: Ich breche auf, packe meine Siebensachen und stürze mich in ein unbekanntes Land, fast dreimal so groß wie unseres, voller Mythen und Legenden: Rumänien.

Škoda liefert die losen Eckpunkte der Geschichte, mit dem Škoda Octavia Scout von Sibiu ans Schwarze Meer. Keine abgesperrte Offroad-Strecke, kein Guide, der am Beifahrersitz den fahrerischen Ehrgeiz zügelt.

In Sibiu beginnt der Spaß, einziger in Stein gemeißelter Fixpunkt ist der Flughafen in Constanza. Das zentrale Rumänien, Transsilvanien, ist reich an Kultur und Landschaft, die stark ans Hobbitland erinnert (fragen Sie mich nicht, wie es heißt). Ebenfalls einem Buch entsprungen ist der berühmteste Vampir der Welt, Dracula, dessen Schloss genau dort, in Bran, steht.

Fakt ist, Vlad Tepes, wie er wirklich hieß, war nie in Bran, was ihn nicht minder schlimm macht. Aber das dortige Schloss schaut einfach mega aus, dachte sich das Tourismusbüro, und seitdem verschlägt es unzählige Dracula-Touris nach Zentral-Rumänien. Ich fahre vorbei an schwerer Architektur und unpersönlichen Holzwänden am Straßenrand, hinter denen sich oft wunderschöne Innenhöfe mit netten Häuschen verbergen. In eines verschlägt es mich. Viele Rumänen haben zwei Hunde, einen Haus- und einen angeketteten Aufpasserhund. „Warum lassen Sie ihn nicht frei laufen?“, frage ich den Einheimischen. „Weil er verrückt ist“, raunzt er. „Vielleicht ist er deshalb verrückt, weil er mit einer zwei Meter kurzen Kette an einen Baum gekettet ist.“

Er sieht mich an und gibt mir Schnaps. Auch eine Art von Rhetorik. Tuica, Zuika ausgesprochen, ist Rumäniens Pflaumenschnaps. Er wird meistens schwarz gebrannt, was man daran erkennt, dass er aus PET-Flaschen ausgeschenkt wird und einem nach drei Stamperln das Hirn wegsprengt. Ich will keinen, sage es ihm aber nicht, sondern setze mich dazu. Er, Relu, erzählt mir von den Wäldern in der Gegend. Dass man sie noch frei befahren kann und deshalb so viele Offroad-Begeisterte hier sind. Er kann etwas Deutsch, ich etwas Rumänisch und beide können wir Schnaps.

Seine Frau bringt Speck, selbst gemacht, und ich mache einen Satz aus dem Klappsessel. „Multumesc!“ (Danke!), schreie ich, und weiß, dass ich gefühlte sechs Stunden hinter dem Zeitplan liege. Über die rumänischen Landstraßen muss man etwas wissen: Sie sind gut ausgebaut, ab Sibiu zumindest. Müssen sie auch sein, denn die Autobahn durchzieht bei Weitem nicht alle Gebiete, bis ans Schwarze Meer sind es kaum ein paar Kilometer.

Im Ländle trifft sich alles, was Räder hat. Die Adern sind durchzogen von Autos, Lkws, Pferdekutschen, Fahrrädern, und wenn man Glück hat, sieht man sogar eine Fläche Holz mit einem Lenkrad. Es ist Vorsicht geboten, alle überholen alle, ständig und überall. Da mache ich nicht mit, denke ich mir, als ich eine Lücke sehe und anreiße wie ein Blöder. Ein Glück, dass Škoda mir den Top-Diesel unter den Arsch geklemmt hat. Mit 184 PS, Allradantrieb und DSG schieße ich gleich an mehreren Lkws vorbei – und meine Nackenhaare stellen sich auf, denn ich sehe den Gegenverkehr, der ebenfalls gerade überholt wird. Draufbleiben oder Zurückstecken, die Entscheidung fällt in Sekundenbruchteilen. Die Augen werden größer, die Lücke vor mir immer kleiner. Vier Lichter hupen mich an, der Lkw neben mir bremst sich ein und ich reiße das Lenkrad rüber. Geschafft. Später treffe ich den Trucker an einer Tankstelle und er nickt mir respektvoll zu. Ich nicke auf obercool zurück und freue mich, dass er aus der Entfernung meine nasse Hose nicht sehen kann.

Ich lasse das Auto dort stehen und vertrete mir in dieser trostlosen Gegend die Beine. Die Dörfer sind malerisch, die Verbindungsstraßen zwischen ihnen ist es nicht. Die Leute raten einem davon ab, dort einfach so spazieren zu gehen. Nicht wegen der Bären, Wölfe oder der Hornotter, einer der giftigsten Schlangen Europas, sondern wegen der Straßenhunde. Sechs Millionen sollen es in ganz Rumänien sein. Während ich überlege, was „Platz“ auf Rumänisch heißt, sehe ich vor mir einen weißen Hund, der ein herannahendes Auto anbellt. Gerne hätte ich jetzt den Octavia Scout um mich herum, hätte die Fenster geschlossen und wäre lachend an dem Viech vorbeigefahren. Ich mache kehrt, will zum Auto gehen, da sehe ich den Hund auf mich zukommen.

Ein Glück, dass der keine ausgewogene Ernährung zu sich nimmt, kann ich nur sagen! Ich laufe, er läuft, ich laufe schneller. An der Tankstelle kommt der Wart heraus, er weiß, dass ich kein Rumäne bin. Er packt mich am Arm und wir beide bleiben draußen stehen, der Hund läuft noch immer bellend auf uns zu. Ich schreie ihn an und will mich losreißen. „Stai un pic“, meint er völlig ruhig, ich solle warten. Wenige Meter vor uns beruhigt sich der Hund, er hört auf zu bellen und kommt langsam auf uns zu. Der Tankwart streichelt ihn mit dem Fuß, niemand greift die Hunde mit der Hand an. Er lacht und meint, die tun nichts, die bellen nur.

Noch Kilometer später habe ich dieses Hochgefühl in der Brust, das man für gewöhnlich kriegt, wenn es in der Achterbahn bergab geht. Froh, wieder im Auto zu sitzen, geht es in einen Wald hinein, von dem Relu mir erzählt hat. Der Untergrund ist steinig und grob, kein Problem für den Scout. Innen ist bis auf ein leichtes Poltern überhaupt nichts zu spüren. Vom Regen in die Traufe, denke ich mir, als sich vor mir eine schmale, wackelige Hängebrücke auftut. Der Brückentyp deutet mir, ich solle die Spiegel einklappen. „Da fahre ich nicht drüber!“, will ich sagen, da sind die Vorderräder schon auf den wackeligen Brettern. Kinder sehen mir mit großen Augen zu, wie ich das Knacksen der Brücke mit dem „Fear And Loathing In Las Vegas“-Soundtrack zu übertönen versuche (was nicht klappt). Auf der anderen Seite angekommen wartet, wie am Ende des Regenbogens, ein Topf voll feinstem Essen.

In einer kleinen Waldhütte esse ich Tschorba, die saure rumänische Suppe, Sarmale, köstliche Krautwickel, selbst gemachte Wurst und mehr. Jetzt erst verstehe ich, was es bedeutet, Abenteuer zu erleben. Es geht nicht ums Heliskiing in Kanada oder Hai-Tauchen in Weißgottwo. Es geht um das Prokrastinieren des Wortes „nicht“. Wenn den Sätzen „Das mache ich nicht, das esse ich nicht, da gehe ich nicht rein, das greife ich nicht an, mit dem rede ich nicht“ das „nicht“ fehlt, beginnt man, aus seiner Komfortzone herauszusteigen und betritt Neuland. Das erzeugt diese geile Angst, und die kann überall erlebt werden. In Rumänien oder in Bad Großpertholz.

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