Skoda Octavia RS 230. Wenn eingeschworene Golf GTI-ler erwachsen werden, geht ihnen meist der fahrbare Untersatz aus. Damit ist jetzt Schluss.

Text: Franz J. Sauer

Achtung – dieser Text richtet sich an die menschlichen Baujahre bis spätestens 1980. Alle danach können mit dem Kult um die ersten drei Golf GTIs nichts anfangen. Sie machten in einer Epoche den Führerschein, in der nämlicher Gassl-Heizer längst einen TDI-Motor hatte. Oder, wenn doch schnell und stark gewünscht, als R32 auftrat, also das richtige Geld  (damals sogar noch im echten Geld …) kostete.

Unsereins allerdings kriegt noch ein sehnsüchtiges Glänzen in den Äugerln, wenn er einen Einser-GTI, einen Zweier-16V oder gar einen VR6 memoriert. Das waren noch Zeiten! Ein Auto als Style-Accessoire, wie die Swatch am Handgelenk und die Timberlands an den Burlingtons. Ein Statement der Individualität, das den Wunsch nach viel Spaß um wenig Geld signalisierte und damit irgendwie eine ganze Generation zu beschreiben vermochte. Sogar ins Kino fand die Legende Einzug, wenn auch aufgehängt am „Gegenprodukt“ von Opel, dem heutzutage nicht minder legendären Manta.

Wir halten also fest: GTI war Kult. Irgendwann wurde man dann erwachsen. Und gab die per GTI erlangte Coolness-Aura an der Garderobe des Audi Händlers ab, wenn man seinen ersten A4 Avant mit 1,9 TDI-Motor bestellte. 5,5 Liter Verbrauch, boah, ey!

Ein paar der coolen Jungs bogen damals zunächst mal richtunge Amilande ab. Hannes Jagerhofer, als Clubbing-King der personifizierte Gottseibeiuns aller Coolness-Suchenden, hatte seinen Golf VR6 gegen einen Jeep Grand Cherokee V8 getauscht und diesen damit in gewissen Kreisen salonfähig gemacht. Was ihm einige nachtaten – um sich wenig später im Besitz einer Tankstelle wiederzufinden, zumindest was den neuerdings für Tankrechnungen veranschlagten Geldbetrag anging. Spätestens dann wurde der dicke Indianer mit viel Verlust verkauft und die Variante Audi TDI vakant.

Mit etwas Verspätung liefert der Konzern nun unter dem Signet von Skoda den idealen Nachfolger für den plötzlich platzbedürftigen, aber im Geiste noch immer nicht erwachsen gewordenen GTI-isten.

Mit etwas Verspätung liefert der Konzern nun unter dem Signet von Skoda den idealen Nachfolger für den plötzlich platzbedürftigen, aber im Geiste noch immer nicht erwachsen gewordenen GTI-isten. Das Teil heißt Octavia RS 230, hat einen Benziner mit richtig Morch unter der Haube, kommt in unserem Fall in einem Blitz-Kirsch-Rot (offiziell: Corrida-rot) des Weges, das auch strikten Rotauto-Verweigerern wie mir den Blutdruck steigert und die scharfen Hackmesser-Bicolor-Felgen der RS-Serie kennen wir stylemäßig  ja schon vom „Normalo“-RS, den wir die Freude hatten, ein ganzes Jahr lang zu testen. Bloß hatten sie dort nur 18 statt 19 Zoll Durchmesser.

Vollausstattung

Soviel zum äußeren, auch innen drinnen geht es g’schmackig weiter. Leder-Sportsessel im schnittigen Schwarz mit roten Streifen, gesteppt-genähtes Lederlenkrad, wie es sich gehört unten abgeflacht, Klavierlack-Einfassungen des Armaturenbrettes, darin die gewohnt lässige Infotainment-Landschaft der Marke, mit allem Schnick Schnack und Drum und Dran, leider nicht in der herrlichen Virtual Cockpit-Optik von Audi oder VW – sowas bleibt eben diesen Marken vorbehalten. Vollausstattung heißt hier Vollausstattung, Tempomat mit Abstandsmesser und Lane Assist, Apple-CarPlay, Super-Navi und Mehrzonen-Klimaanlage sind nur ein kleiner Auszug der üppigen Verwöhnatmosphäre in technischer Hinsicht. Und das Panorama-Schiebe-Ausstelldach hat ungefähr die Fläche jener Studenten-Mansarde in U4-Nähe (die Disco, nicht die U-Bahn), die ich bewohnte, als ich Golf GTI fuhr.

Weiters haben wir es hier mit einem echt räudigen Hochdrehzahl-Motor zu tun. Zweiliter-Benziner, eh klar, fett befeuert mit 230 PS Endleistung, turboaufgeladen und wahnsinnig stark oben raus. Der Sound passt auch dazu, das erste Mal seit gefühlten 25 Jahren hatte ich das Bedürfnis, den REMUS-Katalog postalisch zu ordern (so machte man das damals). Beim Anstoffen spürt man den Frontantrieb, aber mit Allrad gibts das Teil eh auch, lässt die Skoda-Homepage wissen. Allerdings „nur“ in der 184PS-Diesel Version … hm. Dann doch lieber Front und 230.

Seine Assets spielt der Octavia RS nämlich eh seit jeher im kurvigen Geläuf aus. Dort fährt er sich dann wirklich wie der alte GTI selig. Am ehesten noch wie der letzte 16V mit den 150 PS im Dreier-Golf (der VR6 druckte zu sehr untenraus an). An die Sache mit dem Untersteuern gewöhnt man sich bald, dann kuppelt man richtig ein – ach ja, Ihr GTI-isten: ordert den RS 230 unbedingt mit Schaltgetriebe! Klar kann das DSG auch sehr viel. Aber der Flashback an damals wird kein so großer sein.

Vernunftauto

Auf den Punkt gebracht: es gibt derzeit und bis auf weiteres keinen vernünftigen Grund, nicht Skoda zu fahren. Das betrifft übrigens nicht nur den Octavia, sondern auch all die anderen fabulösen Produkte des Hauses von Yeti bis Superb. Der RS 230 aber bringt ein weiteres Mal eben jene eierlegende Wollmilchsau-Attitüde auf den Punkt, die nicht nur konzernintern die Chefs der anderen Marken in helle Aufruhr versetzt. Es ist an diesem Auto alles drauf und dran, auch die Optik bleibt superscharf, sowohl für den GTI-Youngster als auch für den ausgeflippten Vertreter, das alles noch dazu zum Super-Angebots-Rabatt-Preis, der alles andere in die Nähe reichende zu lächerlicher Makulatur stempelt. Ein Audi A3 um 61.000 Euro? Klar ein klasses Auto. Aber nicht um knapp 20.000 Euro mehr als dieses knallrote Höllengerät. Das nicht nur ungefähr den doppelten Sportsgeist auf die 19Zöller bringt, sondern auch ungefähr drei Mal so viel Ladung unter.

Ach ja, die Preise: ab rekordverdächtigen 37.250 Euro wechselt der Basis-RS 230 den Besitzer, unser ziemlich vollgeladener Testwagen pendelte sich bei noch immer nicht erschreckenden 43.429,84 Euro für ein bestausgestattetes, spaßbringendes RS-Modell mit noch dazu voller Familientauglichkeit und berauschender Optik ein. Wir sind restlos begeistert und fühlen uns endlich wieder jung – wenn auch nur für kurz.

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