Ich habe bei einem Preisausschreiben gewonnen. Das erste Mal im Leben! Die Teilnahme an der Tesla Supercharger Rally. Es geht dabei darum, mit einem Elektroauto genau das zu tun, wovon Stefan überzeugt ist, daß Elektroautos dafür am wenigsten geeignet sind. Lange Strecken zu fahren. Im Fall der Supercharger Rally von Wien nach Amsterdam. Und zurück.

Text: Peter Wolf

„Und? Wie weit kummst mit dem?“…

…fragt mein Nachbar Stefan, immer sehr interessiert, was sich am Parkplatz vor meinem Haus tut. Sonst fragt er Meistens: „Und? Was braucht der?“ Die Antwort gefällt Stefan dann nicht mehr so gut. Stefan hat einen anderen Geschmack als ich, was Autos betrifft. Er spart gerne Sprit, koste es was es wolle. Am liebsten mit möglichst teuren, deutschen Premiumfahrzeugen in allen möglichen Farben, also Silber oder Schwarz.

Heute steht vor meinem Haus ein roter Tesla, und das sollte dem Sparmeister Stefan doch eigentlich gefallen. Wenn man eine lockere Hand im Ankreuzen von Optionen führt, geht der Kaufpreis gerne nördlich des sechsstelligen Bereiches, aber dafür hat man keine Spritrechnungen mehr. Steuerbegünstigungen, keine Ölwechsel, keine Wartungsarbeiten, kaum Verschleißteile- und wenn man einen Supercharger in der Nähe hat, nicht mal Stromrechnungen.

Was ist denn nun der vielzitierte Supercharger genau?

Ein Supercharger ist eine von Tesla betriebene, für den Nutzer kostenfreie Schnelladestation für Tesla Fahrzeuge, welche die Akkus mit mehr als 200A in 2 Stunden komplett auflädt. An einer gebräuchlichen 220V Steckdose braucht man ein Mehrfaches dieser Zeit. Schneller geht es an den in der Industrie gebräuchlichen Drehstromanschlüssen mit 380V. Wer einen solchen Anschluß in der Garage hat, ist für die Fahrten des täglichen Gebrauchs gut gerüstet. Geladen wird über Nacht und am nächsten Tag stehen wieder maximale 400 km am Konto.

Wenn es aber um viel Reichweite in kürzester Zeit geht, braucht man den Supercharger. Dort kann man im Regelfall in etwa einer halben Stunde genügend Strom in die leeren Akkus laden, um bis zum nächsten Supercharger zu kommen.

Tesla ist im Moment dabei, die Welt mit einem Netz solcher Ladestationen zu überziehen. Die Dichte ist von Land zu Land unterschiedlich und korreliert mit den verkauften Fahrzeugen in ebendiesem. Ziel ist aber auch, ein möglichst großes Gebiet abzudecken. Es gibt schon einige, auch in Österreich, und sie werden stetig und schnell mehr. Laut Tesla wächst das Netz gegenwärtig jedes Monat um 30%. Halbe Sachen sollte man von Tesla nicht erwarten!

Wie gut die Versorgung mit Superchargern in Europa jetzt schon ist, sollte mit der Tesla Supercharger Rally, eine Sternfahrt aus ganz Europa nach Amsterdam, festgestellt werden.

Wie gut die Versorgung mit Superchargern in Europa jetzt schon ist, sollte mit der Tesla Supercharger Rally, eine Sternfahrt aus ganz Europa nach Amsterdam, festgestellt werden.

Langsam groovt man sich ins Thema „Stromfahren“ ein und stellt fest: mehr als zu rekuperieren, indem man vom Gas geht, bringt es , auf längeren Bergabstücken die Automatik auf „N“ zu stellen, und zu Rollen.

Tesla Model S: Supercharger Rally nach Amsterdam beginnt

Freitag früh geht es aus Wien Liesing los nach Haid, zum ersten Supercharger. Das Navi im Tesla ist so programmiert, daß es die Strecke zum Ziel Reichweiten- und Zeitoptimiert. Wenn man also den Empfehlungen des Bordcomputers folgt, fährt man ein bis zwei Stunden zum nächsten Supercharger, lädt dort zwischen 10 Minuten und einer Stunde auf und wird dann wieder zum nächsten Supercharger geleitet u.s.w, bis man am Ziel ist. Dadurch ergibt sich ein sehr entspanntes Reisen. Ich lerne die Pausen zu schätzen und meistens dauern sie länger, als zum Laden eigentlich notwendig wäre. Als vernünftiges Reisetempo ergibt sich ca. 130km/h als guter Kompromiss aus Reichweite und Reisezeit, wer schneller fährt, muss anschließend mehr laden. Raserei wird zu einem Nullsummenspiel.

Zum Glück ist vom Stromverbrauch kein Unterschied feststellbar, ob man mit Klimaanlage fährt, oder ohne. Eine Erleichterung bei bis zu 38° Außentemperatur. Anders soll das im Winter sein. Die Heizung knabbert spürbar an der Reichweite, wissen die Tesla-Owner zu berichten.

Langsam groovt man sich ins Thema „Stromfahren“ ein und stellt fest: mehr als zu rekuperieren, indem man vom Gas geht, bringt es , auf längeren Bergabstücken die Automatik auf „N“ zu stellen, und zu Rollen. Das verleitet den Bordcomputer zu allzu optimistischen Aussagen.

Schmaler Grat zwischen Economy und Spaß

Das klingt jetzt nach economy-run, fühlt sich aber in Wirklichkeit nicht so an. Wenn man ständig den Reichweitenzähler vor sich hat, wird das Strecken der Reichweite zur Spielerei. Die atemberaubenden Kraftreserven des Fahrzeugs teste ich, wenn überhaupt, lieber erst kurz vor dem nächsten Stopp. Länger halte ich den Holla-die-Waldfee-Modus nervlich eh nicht durch, so unglaubliche Kräfte werden da frei. Ein paar BMW und Audi Fahrer könnten Ihnen diesbezüglich etwas erzählen, von Demut und Verzweiflung. Zu diesem Thema möchte wir noch kurz mit dem Video von Kollegen Behaunski unterbrechen:

Ich bin zu keinem Zeitpunkt vom Liegenbleiben bedroht und finde immer sofort einen Platz zum Laden, sogar in der Gruppe der sechs österreichischen Fahrzeuge, die im Pulk gen Amsterdam reist. Zwei mal erleben wir, daß Tesla Fahrer, die nicht zu unserer Gruppe gehören, unsere Autos an den Superchargern fotografieren, weil sie eine so gut besuchte Station noch nicht erlebt haben. Zusätzliche Wartezeiten für einen etwaigen Kampf um die Ladestationen sind am ganzen Weg nicht vorgekommen.

Wir erreichen Amsterdam nach 15 Stunden lockerer Fahrt, mit erfrischenden Pausen dazwischen und nicht in vielleicht 12, wie es mit einem Erdölauto möglich gewesen wäre, locker und guter Dinge.

Independence Day in Amsterdam

Am Ziel dann eine Party, die sich gewaschen hat. So, wie ich mir das vorstelle, wenn eine amerikanische Firma wie Tesla, die gerade einen richtig guten Lauf hat, ein BBQ am 4. Juli schmeißt. Teilnehmer aus mindestens 15 europäischen Staaten. Viele Norweger mit Sonnenbrand. Auch Einer aus Deutschland war dabei, vielleicht hat in der Organisation jemand den Deutschen Freunden aus Versehen ein falsches Datum für das Fest gesagt? Ein Fest mit Leuten, die von ihrer Fahrzeugwahl sicher mehr überzeugt waren, als der durchschnittliche Autokäufer. Eine sehr familiäre Atmosphäre, trotz der vielen Teilnehmer.

Vielen Dank, an Tesla, dafür.

Der Weg zurück

Die Heimreise läuft dann schon mit Routine ab, schneller, aber wieder sehr entspannt, wie es dem Wesen dieses Fahrzeuges entspricht. Diesmal nicht im Pulk und meistens allein am Supercharger.

Am Ende der Reise habe ich dann auch noch eine Antwort für Stefan: „Wohin und so weit Du willst. So, wie das eben ist, mit einem gelungenen Auto“.

Ich bin zu keinem Zeitpunkt vom Liegenbleiben bedroht und finde immer sofort einen Platz zum Laden, sogar in der Gruppe der sechs österreichischen Fahrzeuge, die im Pulk gen Amsterdam reist.

4 Antworten
  1. Klaus E
    Klaus E says:

    Tja, da könnte man doch glatt auf den Gadanken kommen, dass unsere milliardenschweren „Premium“-Hersteller lange und tief gepennt haben. Ein allzu voller Bauch macht einfach träge. Aber solange die immer noch ihre Premium-Waffenschieber, Premium-Drogendealer und Premium-Despoten in aller Welt als Kunden haben, wird sich da wohl nicht allzu schnell etwas ändern.

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  2. Marcus
    Marcus says:

    D.h. im Endeffekt steuert man jeden einzelnen Lader auf der Strecke an, mit maximal zwei Stunden Fahrtzeit zwischen zwei Ladevorgängen. Aus zwei Stunden Fahrtzeit werden also 2:45 bis 3 Stunden. Ich bin der Meinung, dass der Tesla mit weniger Akku-Gewicht, dafür einem kleinen, feinen Range-Extender, gerade für die Langstrecke das bessere Gesamtpaket geworden wäre. Aber dann könnten sie ihre „nur (hoher) Stromverbrauch ist super“ Werbelinie nicht so stur vertreten.

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  3. Hanno.Goffin
    Hanno.Goffin says:

    Ja-und wie wird das funktionieren mit den Superchargern bei dem „bescheidenen Nahziel“ mit nur 1 Mio E-Fahrzeuge in D? Wenn 3 Autos vor einem an der Benzin-Tanksäule stehen, ist es schon schwer erträglich 15 Minuten warten zu müssen. Aber wenn dann nur 3 Teslas mit nur halbstündiger Ladezeit vor einem am Supercharger stehen, heisst das schon Pause von 2 Stunden insgesamt oder auch mal mehr? Was wird der Finanzminister sagen, wenn ihm dann die Einnahmen aus der Mineralölsteuer fehlen? Strom und E-Auto Steuer wird dann kommen! Dazu das Märchen des emissionsfreien Fahren – immerhin kommt der meiste Strom immer noch aus Braunkohle und Atomkraftwerken, der heute diese Autos antreibt! Umweltschädlicher kann es zur Zeit nicht sein! Und wenn man dann den Wirkungsgrad von der Primärenergie, Kohle, Öl, Uran bis zum angetriebenen Rad des Teslas u.a. rechnet, dann ist es auch mit der Energieffizenz vorbei! Das man dieses Verständnis von der Politik nicht erwarten kann, ist ja nicht anders zu erwarten. Der aufgeklärte Staatsbürger sollte es aber schon verstehen.

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