Gib ihn uns roh

Toyota GT86: Rohkost

Rohdiamanten werden bis zur Perfektion geschliffen. Nur sind Autos eben keine Diamanten und der Toyota GT86 ist auch ohne Feinschliff perfekt. Frei nach Gollum aus der Fantasy-Saga Herr der Ringe: „Gib ihn uns roh“. Also das Auto, nicht den Fisch.

Text: Maximilian Barcelli

Und man gab ihn uns roh. So roh, wie der GT86 nur sein kann. Er ist ja schon von Haus aus ein zäher Hund: 4-Zylinder-Boxer-Motor, nix Turbo, nix Kompressor. Ein freiatmendes 2-Liter-Aggregat, das 200 Pferdchen auf die Hinterräder loslässt. Sortiert wird die ganze Kraft über ein manuelles Sechsgang-Getriebe, eine Automatik könnte man sich zwar auch reinklatschen, wollen wir aber nicht. Weil: Gib ihn uns roh. Heißt auch: Keine (oder wenige) Assistenzsysteme. Kein Toter-Winkel-Warner, kein Spurhalte-Assistent, nur ein stinknormaler Tempomat – also ohne einbremsendes Adaptivzeugs – darf uns bei der Fahrerei unterstützen. Auch jegliche Formen einer Einparkhilfe sucht man vergeblich. Handbremse ziehen, Lenkrad und Sitz verstellen, Heckklappe öffnen – das alles geschieht manuell. Selbst das Scheibenwischwasser neigte sich still und leise dem Ende zu, ohne Lämpchen und Warnungen am Bordcomputer. Schön!

Und schön ist auch dieser unverfälschte Klang, den der Boxermotor von sich gibt. Bis 4.000 Touren zwar noch etwas zurückhaltend, wird dann darüber hinaus ein wahres Feuerwerk gezündet. Enden tut die Musik erst bei 7.000 Umdrehungen und während anfangs noch Bono aus den zwei dicken Endrohren trällert, beendet die raue Stimme von Axl Rose die erste Strophe. Kupplung treten, hochschalten – zweite Strophe.

Sechs Strophen gibt’s insgesamt, wenn Mister Rose dann letztendlich ausgesungen hat, stehen 226 km/h am Tacho. Standen bei uns allerdings nie, den GT86 baten wir nämlich nicht auf der deutschen Autobahn zum Rendezvous. Er soll sich schon wohlfühlen, unser japanischer Gast. Und das tut er sich besonders im kurvigen Terrain. Deshalb: Die obersteirischen Alpen. Und das, meine Freunde, das war wirklich eine feine Fahrerei. Zweiter Gang ausdrehen, dritter rein, weiter aufs Gas und da ist die Serpentine schon. Rein in die Eisen. Runterschalten. Präzise einlenken. Gas geben und die Kurve mit einem kleinen Heckschlenzerchen verlassen. Wäre Sisyphos artig gewesen, würde er seit tausenden von Jahren den Toyota GT86 über eine endlose Bergstraße peitschen anstatt einen Felsen immer und immer wieder einen Hang hinaufzurollen.

Weil sich der Herr König aber nicht benehmen wollte, ereilte ihn eben jenes Schicksal. Und weil wir noch nicht im Himmel (hoffentlich …) sind, neigt sich auch die Bergstraße ihrem Ende zu. Zeit, durchzuatmen und sich dem Interieur zu widmen: Dieses spricht eine ähnliche Sprache wie das gesamte Auto. Es ist echt, rustikal – und ja, es ist eben auch roh. Vom Lenkrad bis zum Schaltknauf, von den Knöpferln, mit denen die Klimaanlage gesteuert wird, bis hin zum kleinen Touchscreen – es passt zusammen und ist stimmig. Einzig der Startknopf dürfte sich in ein echtes Zündschloss verwandeln. Aber sei’s drum. Ein kleiner Anflug von Moderne darf in diesem puristischem Fahrgerät schon Einzug halten.

Ja, es ist wahrlich ironisch. Toyota hievte sich mittels Elektrooffensive in den letzten Jahren zu einem der modernsten Automobilherstellern weltweit. Und dann hauen die einfach so ein rohes, echtes Ding raus (Okay, eigentlich ja Subaru …). Der Toyota GT86 ist eine Fahrmaschine von aller feinsten Güte. Ob etwas besser sein könnte? Ein wenig mehr Kraft im Drehzahlkeller würde dem Japaner schon ganz guttun. Auf der anderen Seite: Einfach auf der Dachterrasse bleiben – es ist ja eh sonnig!