Die Nummer eins?

Der neue Volvo XC60 rollt an

Normalerweise gibt es im Automobilgeschäft ein klares Süd-Nord-Gefälle: Je teurer die Autos sind, desto weiter im Süden sind die Hersteller zu Hause. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel: Im Boomsegment der kompakten Geländewagen hat der Norden die Nase vorn. Denn kein deutsches Erzeugnis führt die Statistik an, sondern der Volvo XC60. Kein Wunder also, dass die Schweden in die Vollen gehen, wenn sie den Bestseller jetzt erneuern und am 22. Juli zu Preisen ab 48.050 Euro die zweite Generation in den Handel bringen.

Von Thomas Geiger

Weil das Beste für den Bestseller gerade gut genug ist, bedienen sie sich für die Neuauflage bei niemand geringerem als ihrem Flaggschiff XC90. Auch der XC60 steht deshalb auf der so genannten SPA-Plattform, die außen knackige Proportionen und innen so viel Platz bietet, dass es bei 4,69 Metern Länge auch in der zweiten Reihe für reichlich Beinfreiheit und dahinter für stolze 505 Liter Kofferraum reicht, die sich auf 1 432 Liter erweitern lassen. Er übernimmt die nur dezent mit ein paar Sicken verfeinerte Designlinie und Details wie das von Thors Hammer inspirierte Tagfahrlicht. Und er bietet ein genauso cooles, cleanes und ungeheuer gemütliches Interieur wie sein großer Bruder.

Das von einer hellen, großen Schwinge aus Holz und Aluminium getragene Cockpit wird deshalb auch im XC60 dominiert von animierten Instrumenten und einem großen, senkrecht stehenden Touchscreen. Die wenigen Schalter, die diesen Bildschirm überdauern, werden dafür umso liebevoller inszeniert – wie zum Beispiel die metallene Walze für die Wahl der Fahrmodi oder der wie ein Ring gefasste Würfel, mit dem man den Motor anlässt. Selbst der Schlüssel ist ein kleines Kunstwerk für sich.

Die Motoren kennt man ebenfalls aus den 90er-Modellen – zumal Volvo erst einmal weit oben einsteigt und nur die starken Triebwerke samt Allrad und Automatik anbietet. Firmenchef Hakan Samuelsson malt die Zukunft des Diesels schwärzer als die meisten Konkurrenten oder spricht seine Skepsis zumindest deutlicher aus. Und nicht umsonst gibt es den XC60 vom Start weg auch als T8 mit Plug-In-Hybrid, einer Systemleistung von 407 PS, einer elektrischen Reichweite von 45 Kilometern und einem theoretischen Normverbrauch von 2,1 Litern.

Doch ist Volvo nach wie vor der Premium-Hersteller mit dem höchsten Diesel-Anteil, braucht die Selbstzünder zwingend zum Erreichen der CO2-Vorgaben und wird deshalb auch den XC60 vor allem wieder als Ölbrenner verkaufen. Und das ist auch gut so. Zumindest wenn man den D4 links liegen lässt und gleich in den D5 einsteigt. Der holt aus den 2,0 Litern Hubraum nämlich nicht nur 235 statt 190 PS und hat mit 480 das um 80 Nm höhere Drehmoment. Sondern er nutzt obendrein eine Art Druckluftspeicher in den niederen Gängen als Schrittmacher für den Turbo und kommt so spürbar schneller aus dem Quark: Für den Sprint von 0 auf 100 km/h braucht er deshalb 7,2 Sekunden und wenn man sich am kernigen Klang nicht stört, kann man mit immerhin 220 Sachen über die linke Spur brennen.

Wer die Lust am Diesel aus gegebenem Anlass verloren hat, der kann zwischen zwei Benzinern mit ebenfalls 2,0 Litern Hubraum wählen: Dem 254 PS starken T5 oder dem T6, der es auf 320 PS bringt. Damit schafft man den Spurt von 0 auf 100 dann zwar im besten Fall in 5,9 Sekunden und kommt bei Vollgas auf bis zu 230 km/h. Aber dafür gönnen sich die Triebwerke mit 7,2 oder 7,7 Litern schon auf dem Prüfstand ein Drittel mehr als die Diesel, die mit 5,1 oder 5,5 Litern in der Liste stehen.

Zwar sieht der XC60 bei aller Ähnlichkeit ein bisschen schnittiger aus als sein großer Bruder, man wähnt sich im statt auf dem Sitz, greift etwas engagierter zum Lenkrad und statt von „relaxed confidence“ als Leitline für das Fahrgefühl sprechen die Schweden jetzt von „inspired confidence“ . Doch so richtig dynamisch fühlt sich der XC60 selbst im schärfsten Fahrmodus nicht an. Zu weich ist die Luftfeder, zu stark wankt und rollt der Aufbau beim Lastwechsel, und zu soft ist die Lenkung, als dass man damit durch die Kurven räubern möchte. Zart statt hart, so mag es das Nordlicht und überlässt die Adrenalindusche lieber den deutschen Südländern. Genau wie den Vortritt bei Vollgas, wo selbst der schnellste Volvo nicht die bei BMW & Co., zumindest für die stärkeren Modelle, gesetzten 250 km/h erreicht.

Statt sich ins Lenkrad zu verbeißen, die Kurven zu kratzen und mit der Lichthupe zum Terroristen zu werden, lässt man es deshalb viel lieber ganz locker und entspannt angehen, kuschelt sich in die vielleicht bequemsten Sitze im Segment, lässt sich in ein, dank des aktiven Lenkeingriffs bei drohenden Kollisionen, noch enger geknüpftes Sicherheitsnetz fallen und kommt in dieser Wohlfühloase auf Rädern irgendwann zu einer erhellenden Erkenntnis: Wer länger fährt, kann auch länger genießen.

Schöner und schlauer, cooler und besser connected, geräumiger und gemütlicher – natürlich macht der Volvo XC60 beim Generationswechsel einen gewaltigen Sprung. Doch leider gilt das zumindest bis zur Verfügbarkeit der Basismotorisierungen auch für den Preis. Deshalb ist es ein schöner Trost, dass alte XC60 noch längst nicht zum alten Eisen gehört. Nachdem der Wagen im letzten Jahr sein bestes Jahr hatte und noch einmal auf knapp 15.000 Zulassungen kam, hat Volvo die Produktion über den Anlauf des Nachfolgers hinaus bis in den August verlängert.