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Das wäre der Auto Salon Genf gewesen

Das Image beschädigt, die Bilanzen verhagelt und die Kosten für die den Sprung in eine neue, elektrische Ära fast erdrückend hoch – die Autoindustrie hat schon bessere Zeiten erlebt. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, wirbelt jetzt auch noch der Corona-Virus die PS-Welt durcheinander, legt erst die Werke in China lahm, zerfetzt die globalisierten Lieferketten und fegt dann den Genfer Salon aus dem Messekalender. Doch wenn die Autohersteller in den letzten Jahrzehnten, die ja auch nicht immer rosig waren, eines gelernt haben, dann dies: The Show must go on! Deshalb machen sie mal wieder gute Miene zum bösen Spiel, verlegen ihren Messeauftritt ins Internet und feiern einen Premierenreigen ohne Publikum – schließlich müssen ja ein paar neue Modelle bei den Händlern stehen, wenn bald das Frühlingsgeschäft losgeht.

Von Thomas Geiger

Dabei hätten die verhinderten Messe-Premieren aus Genf durchaus Anlass für ein bisschen Optimismus gegeben. Denn unter den für den aktuellen Verkauf bestimmten Neuheiten finden sich zahlreiche neue Plug-In-Modelle etwa für Mercedes GLA oder BMW Dreier und Elektroumrüstungen wie beim Renault Twingo, der jetzt auf den Spuren des Smart stromert und immerhin 250 Kilometer weit kommt. Außerdem läuft sich bei VW im Windschatten des ID.3 der ID.4 warm, der noch für Jahresende mit bis zu 500 Kilometern Reichweite als erstes elektrisches SUV aus Wolfsburg in Serie gehen soll. Und unter den Studien sind neben fernen Visionen wie dem in der Länge verwandelbaren Renault Morphoz oder dem Joystick-Coupé Prophecy auch ausgesprochen greifbare Neuheiten wie der BMW i4 oder der Dacia Spring Electric: Beide sollen binnen Jahresfrist in Serie gehen und für frischen Schwung auf der Electric Avenue sorgen. Der eine als bayerische Alternative zu den Limousinen von Tesla, Audi oder Porsche mit über 500 PS, mehr als 200 km/h Spitze und rund 600 Kilometern Reichweite, und der andere als Discount-Stromer, der trotz 200 Kilometern Reichweite netto nicht viel mehr als 10.000 Euro kosten soll.

Bis diese Impulsgeber in den Handel kommen, wird es aber nicht langweilig. Sondern vor allem in der volumenstarken Kompaktklasse ist reichlich Bewegung drin. Nachdem VW im Herbst den neuen Golf gebracht hat, ziehen jetzt die Konzerntöchter mit dem neuen Audi A3, dem Seat Leon und dem Skoda Octavia nach und Hyundai schickt einen frisch gelifteten i30 auf den Weg. Dazu gibt es bei den Koreanern auch noch einen komplett neuen i20 und aus Japan macht sich die nächste Generation des Toyota Yaris auf den Weg.

Bei den SUV sollen ein kleiner T-Roc-Gegner von Toyota, die Neuauflage des Sorento und das schmucke Coupé Formentor als erstes eigenständiges Modell der Seat-Tochter Cupra für Bewegung sorgen und für alle Dienstwagenfahrer gibt es im Sommer eine gründlich aufgefrischte Mercedes E-Klasse.

Zwar geht es in diesem Frühjahr eher um Masse als Klasse. Doch Lust und Leidenschaft bleiben deshalb nicht auf der Strecke – nicht bei Kompakten wie Leon, Octvia oder Golf, die alle auch als Sport-Modelle mit leistungsstarkem und sparsamem Plug-In-Hybrid auf der Bühne stehen, nicht beim Mercedes-AMG GLA 45 mit bis zu 421 PS oder beim VW Touareg R, der mit Plug-In-Power auf 462 PS kommt. Und erst recht nicht beim Porsche 911, den die Schwaben jetzt wieder mit einem Turbo S krönen und dafür 650 PS ausloben.

Aber der Genfer Salon steht nicht nur für bodenständige Neuheiten, ein paar neue Seriensportler und für Studien mit Bodenhaftung. Sondern er war immer auch eine Bühne für Exoten und Einzelstücke, die oft direkt vom Stand weg verkauft wurden. Reiche Raser und Car-Connaisseure müssen deshalb jetzt auf Reisen gehen und durch halb Europa fahren, wenn sie Neuheiten wie den neuen Longtail der McLaren Super-Series sehen wollen, der es auf aberwitzige 765 PS bringt, oder den auf zwölf Exemplare limitierten Bentley Bacalar, mit dem das Continental Cabrio zum handgefertigten Roadster wird. Bei der Gelegenheit lohnt dann auch gleich noch ein Blick auf den neuen Morgan Plus4, auf den Hispano Suiza Carmen Boulogne oder den Pininfarina Battista Anniversario, mit dem die Italiener das Debüt ihres elektrischen Supersportlers weiter anheizen. Und wer es etwas vorlauter mag, der schaut in Bottrop bei Brabus nach einem 800 PS starken Pick-Up der Mercedes G-Klasse oder in der Schweiz bei Mansory nach dem Komplett-Umbau des Bentley Continental GT Cabrio.

Zwar ist die Absage des Salons für viele Autohersteller ein teures Vergnügen, doch mehr als ein Dutzend Marken lässt die Messe-Pleite kalt. denn Firmen wie Opel, Nissan, Jaguar oder Land Rover hatten schon von sich aus vor Monaten ihre Teilnahme storniert. Und alle, die dieses Jahr kommen wollten, werden sich die Ausfallkosten spätestens im nächsten Jahr zurückholen – und sich gar nicht mehr zum Salon anmelden. Denn so laut, wie sie die PS-Party jetzt auch ohne Publikum feiern, ist kaum davon auszugehen, dass sie dafür überhaupt noch eine Bühne wie den Genfer Salon brauchen.

Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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