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Mercedes EQ C: Silent Running

Silent Running

Der Mercedes EQ C

Es hat zwar ein bisschen länger gedauert. Doch so ganz langsam steht auch Mercedes unter Strom. Denn in und um Sindelfingen läuft sich endlich der EQ C warm: Schon vor knapp zwei Jahren als Studie ins Rampenlicht gerückt, soll er mit dem Format des GLC und dem ersten designierten Elektroantrieb aus Stuttgart zu einem Schätzpreis jenseits der 70.000 Euro gegen Tesla Model X, Audi E-Tron und Jaguar I-Pace ins Rennen ziehen. Weil das aber immer noch ein gutes Jahr dauert und Mercedes damit gewaltig hintendran ist, wollen die Schwaben zumindest kommunikativ zur Konkurrenz aufschließen und haben deshalb jetzt schon einmal zur Mitfahrt gebeten.

Von Thomas Geiger
Dabei erlebt man den EQ C als einen Mercedes, der von der Stammkundschaft vergleichsweise wenig Transferleistung erfordert. Von außen, weil der Wagen zumindest unter der groben Tarnung verdächtig nach einem GLC aussieht, der ein paar Zentimeter in die Länge geht, ein schrägeres Heck bekommt und sich ein bisschen flacher in den Wind duckt. Selbst wenn sich hinter der psychedelischen Folie ein Kühlergrill im Smartphone-Design verbirgt, muss man nicht Captain Future sein, um den EQ C als Mercedes zu erkennen. Und von innen, weil das elektrische SUV auch da ganz nah im Hier und Heute bleibt: Ja, unter den Tarnmatten schimmert ein bisschen Rosé-Gold durch, das Designchef Gordon Wagener zum Symbolfarbe der Elektromodelle erkoren hat, die Materialien wirken etwas technischer, die Lüfter sind moderner und der freistehende Bildschirm hinter dem Lenkrad ist ein bisschen größer und schlanker. Aber wer sich den GLC als etwas vornehmere Ausgabe der A-Klasse vorstellt, der liegt damit nicht ganz daneben.
Vor allem aber ist das Fahren ist typisch Mercedes – extrem komfortabel und gediegen. Flüsterleise und wolkenweich fühlt sich der EQ C dabei sogar eher nach S-Klasse an als nach einem SUV. Denn der über zehn Zentner schwere Akku drückt den Schwerpunkt schön tief nach unten und weil der Motor per se geräuschlos ist, haben die Ingenieure besonders gründlich auf Vibrationen und Störgeräusche geachtet. So hört man weder das typische Straßenbahngeräusch beim Beschleunigen, noch das Gefiepe draußen aus dem Lautsprecher, das der Gesetzgeber vielerorts vorschreibt.
Sobald Baureihenchef Michael Kelz aufs Gas tritt, ist es mit der Gemütlichkeit allerdings vorbei: Dann fühlt sich EQ eher nach AMG an und das SUV zieht davon wie ein Sportwagen. Wozu hat der Wagen schließlich zwei E-Motoren, die zusammen 300 kW leisten und ihre 700 Nm schon mit dem ersten Wimpernschlag auf den Asphalt bringen? An der Ampel tut sich da selbst ein C 63 schwer mit dem Anschluss, mit rund fünf Sekunden von 0 auf 100 macht man gegenüber dem Verbrenner so manchen Stich und Überholen wird zum Kinderspiel. Kein Wunder, dass Kelz mit seinen Prototypen am liebsten im Schwarzwald oder den Alpen unterwegs ist. Und zwar nicht, weil er dort bei den Bergabfahrten so gut rekuperieren könnte. Das macht der EQ C in unterschiedlichen, individuell einstellbaren Stufen zwar so gut, dass man die Bremse kaum mehr braucht. Aber bei einem Akku von mehr als 70 kWh, intelligentem Reichweitenmanagement und vernetzter Navigation muss man nicht so genau auf den Verbrauch schauen, sondern darf auch mal zum Vergnügen durch die Berge bügeln.
Beim Antrieb betreten die Schwaben mit dem EQ C zwar Neuland. Doch dass der elektrische Erstling aus Stuttgart sonst vergleichsweise konventionell gestrickt ist, deshalb ein relativ bodenständiges Design hat, vom GLC vorne sogar noch die wuchtige Mittelkonsole sowie hinten den Tunnel im Fußraum übernimmt und damit viele Platzvorteile eines designierten Elektroautos verschenkt, hat vor allem zwei Gründe. Zum einen will Kelz in der Produktion maximal flexibel bleiben, um auf die schwer abzuschätzende Marktentwicklung zu reagieren und die Kosten niedrig zu halten, Deshalb ist der EQ C so konstruiert, dass er in den Fabriken in Bremen und Peking über das gleiche Band laufen kann wie die C-Klasse oder der GLC und nur für die Batteriemontage eine eigene Station braucht. Und zum anderen weiß Kelz offenbar, dass die Mercedes-Kunden nicht zu den risikobereitesten und avantgardistischsten zählen. „Und die wollen wir schließlich mit auf die Reise in die Zukunft nehmen“, sagt der Baureihenleiter.
Darauf müssen die Interessenten allerdings noch ein wenig warten. Denn selbst wenn Kelz noch so sehr unter Strom steht und von seinen Testfahrten schwärmt, dauert es noch immer ein knappes Jahr, bis der EQ C auf die Straße kommt. Außerdem wird seine Reichweite gemessen an Audi und Jaguar womöglich nicht für Rekorde reichen und den Preis kann man bislang nur schätzen. Ob Mercedes vorneweg fährt oder doch nur mitschwimmt auf der elektrischen Welle, lässt sich deshalb noch nicht sagen. Doch zumindest eine Botschaft birgt der elektrische Benz: Elon Musk muss sich in seinem sonnigen Kalifornien bald warm anziehen. Denn der Stromer unter den SUV mit Stern ist der fahrende Beweis dafür, dass für Tesla die Zeiten in der Komfortzone so langsam zu Ende gehen.

Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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