Mercedes G 500 4×4²

Gipfelstürmer

Da G-eht noch was! Selbst nach 36 Jahren Bauzeit fällt Mercedes beim G-Modell immer noch etwas Neues ein. Und diesmal ist es wieder besonders spektakulär. Denn für den Genfer Salon haben die Schwaben den Dauerbrenner jetzt zum ultimativen Gipfelstürmer aufgerüstet. G 500 4×4² heißt das Monstrum, dass bei 2,25 Metern Höhe und 2,10 Metern Breite einen GLA gar vollends zum Spielzeugauto stempelt und selbst einen Hummer klein und zierlich wirken lässt.

Von Thomas Geiger

Dabei wertet Baureihenchef Gunnar Güthenke den Neuzugang sogar als Abrüstung. Denn geboren ist der G zum Quadrat im Gespräch mit all jenen schwerreichen Spielkindern, denen der urgewaltige 6×6 dann doch eine Nummer zu groß und im Alltag zwischen Großstadt-Dschungel und Geröllhalde ein bisschen zu unhandlich war. Es hat schließlich nicht jeder Millionär gleich eine Wüste hinter der Haustür. Also haben die Entwickler in Graz die Pritsche und mit ihr die dritte Achse wieder abgeschnitten und den Wagen von 5,88 auf 4,62 Meter gestutzt, sonst aber nicht viel verändert: Auch der 4×4² fährt auf den einzigartigen Portalachsen und sieht deshalb so aus, als würde er Kleinwagen zum Frühstück fressen. Zwar ist das Einsteigen bei knapp einem Meter Schwellenhöhe eine arge Kletterei, und allzu enge Hosen sollte man dabei besser nicht anhaben. Doch danach fühlt man sich wie der König der Berge, genießt auf dem mit Karbon und Leder ausgeschlagenen Hochsitz eine Aussicht wie vom Gipfel des Matterhorns und kann über all die Möchtegern-Abenteurer in ihren weichgespülten M-Klassen, X5 und Q7 nur lachen. Denn der 4×4² sieht nicht nur aus wie ein Geländegigant, er fährt im Gelände auch gigantisch. Mit 45 statt 21 Zentimetern Bodenfreiheit und 30 Zentimeter mehr Spurweite gibt es für dieses Auto kaum mehr ein Hindernis. Sobald man die speziellen Geländeräder aufgesteckt hat, bei denen die Reifen für das Fahren mit niedrigem Druck durch einem speziellen Ring im Felgenbett gesichert sind, sobald die Untersetzung aktiviert ist und die drei Sperren geschlossen sind, stürmt der G durch die Sierra Nevada wie Hannibals Elefanten über die Alpen: Kein noch so großer Stein kann den schwäbischen Steirer stoppen, keine Stufe ist ihm zu hoch und kein Busch zu breit, als dass er nicht einfach so darüber hinweg bolzen würde. Und wenn sich mal ein Wasserlauf in den Weg legt, pflügt die G-Klasse einfach durch wie ein Nilpferd – bei einem Meter Wattiefe müssen die Wellen schon verdammt hoch schlagen, damit man nasse Füße bekommt.

Waidmannsdank

Die Musik zu diesem Gipfelsturm spielt ein neuer V8-Motor, der durch vier mächtige Sidepipes orgelt und so viel Schalldruck aufbaut, dass man an schneebedeckten Hängen besser nur ganz sachte Gas gibt, wenn sich danach keine Lawinen lösen sollen. Zwar fehlt dem vier Liter großen Triebwerk das Sportabzeichen aus Affalterbach, doch ihre Finger hatten die Scharfmacher von AMG trotzdem im Spiel. Denn im Grunde stammt der BiTurbo aus dem neuen GT und findet über den G jetzt so langsam seinen Weg in die Serie. Und wer einmal gespürt hat, wie 422 PS und 610 Nm die Kilos dieses Pfundskerls dahin schmelzen lassen, der weint dem G 63 keine Träne nach. Außerdem dürfte es für die Entwickler ein leichtes sein, im Zweifel doch noch auf das AMG-Triebwerk umzuschwenken, wenn die Kunden wirklich das dickste Ding wollen. Nur den Zwölfzylinder dürfte es wie beim 6×6 ausschließlich bei Brabus in Bottrop geben. Was der neue V8 alles kann, das merkt man in dieser G-Klasse übrigens weniger im Gelände als auf der Straße. Denn auch dort macht der Koloss plötzlich eine ganz neue Figur. Zwar pfeift der Wind noch nervig laut durch den Karbonabweiser auf dem Dach, und bei Vollgas stürzt die Tanknadel fast so schnell ins Bodenlose wie eine gestrauchelte Seilschaft an der Eigernordwand.

Sport!

Doch dafür marschiert der G 4×4² schneller und souveräner voran als jede andere G-Klasse in den letzten 36 Jahren: Mit dem zweiten Radsatz auf 325er Walzen und 22-Zoll-Felgen gestellt, dank neuartiger Verstellfedern aus dem Rallye-Sport auf Knopfdruck spürbar versteift und vor allem mit 30 Zentimetern mehr Spurweite eiert sie nicht mehr durch die Serpentinen oder wankt im Wind, sondern rasiert fast sportlich durch die Radien und walzt unbeirrt mit weit mehr als 200 Sachen über die Autobahn wie eine Lawine, die sich von nichts und niemanden stoppen lässt. Zwar spricht Güthenke noch beharrlich vom Showcar und lässt sich zum Schätzpreis von knapp 300 000 Euro noch nicht einmal einen Kommentar entlocken. Doch zweifelt in Stuttgart und in Graz niemand daran, dass dieser G genau wie der noch viel unvernünftigere und trotzdem rund 150 Mal gebaute 6×6 bald auch in Kundenhand die Gipfel stürmen wird. Nicht umsonst macht sich Güthenke bereits Gedanken über das nächste Schaustück, mit dem er die unendliche G-schichte weiter fortschreiben kann. Was betont luxuriöses im Stil eines Maybach, was extrem Schnelles nach Art einer Black Series – an Ideen, was nach dem G 4×4² noch kommen könnte, herrscht bei seiner Truppe kein Mangel. Doch liege das Erfolgsrezept des Dauerbrenners nicht zuletzt auch darin, dass die Entwickler das Ohr immer ganz dicht am Kunden haben, sagt Güthenke: „Für verrückte Vorschläge sind wir deshalb immer offen.“