1.121 Kilometer mit dem Polestar 3 nach Istrien und retour. Ein Auto, das fast alles kann. Und ein paar Dinge, die kein Mensch in der Abnahme gesehen haben will.
Auf den Punkt
Der Polestar 3 Long Range Dual Motor mit Performance-Paket (517 PS, 111-kWh-Akku, 400 Volt) bringt vier Personen samt Gepäck locker von Wien nach Poreč und wieder zurück, 1.121 Kilometer, mit zwei kurzen Ladestopps je Richtung und einem Reiseschnitt um 25 kWh auf 100 Kilometer. Fahren, Platz und Komfort sind erstklassig. Es nerven eine spiegelnde Chromleiste am Lenkrad, eine B-Säulen-Verkleidung, die sich beim Einsteigen löst, und ein Panoramaglasdach ohne Sonnenschutz. Unterm Strich trotzdem ein klarer Kauf. Preis in Österreich rund 96.500 Euro wie getestet.
Es gibt diese Reisen, nach denen man am Ziel nicht über die Reichweite redet, sondern über eine Chromleiste. Vier Leute im Auto, Gepäck bis unters Dach, Wien raus Richtung Süden, und das große Elektro-SUV zieht über die Autobahn, als hätte es nie etwas anderes getan. Bis die Vormittagssonne so flach steht, dass mir eine kleine, glänzende Zierleiste am Lenkrad ein Blitzlichtgewitter ins Gesicht wirft. Willkommen im Jahr 2026: Die E-Langstrecke ist gelöst, dafür wird ein Stück Chrom zum Thema.
Womit das Wichtigste eigentlich schon gesagt wäre. Der Polestar 3 ist ein hervorragendes Auto, das an ein paar Stellen an Kleinigkeiten scheitert, die niemandem hätten passieren dürfen. Und weil das so ist, reden wir hier ausnahmsweise ausführlicher über die Schwächen als über die Stärken. Die Stärken erledigt der Wagen nämlich von selbst.
Willkommen im Jahr 2026: Die E-Langstrecke ist gelöst, dafür wird ein Stück Chrom zum Thema.
Unser Testwagen war noch der Polestar 3 vor der jüngsten Modellpflege: 400-Volt-Technik, 111-kWh-Akku, Long Range Dual Motor mit Performance-Paket. Macht 380 kW, also 517 PS, und 910 Newtonmeter. Werte, die das 2,6-Tonnen-Trumm in 4,7 Sekunden auf Tempo 100 schieben und die Frage, ob genug Leistung da ist, ein für alle Mal beantworten. Ja. Immer.
Wie weit kommt man wirklich mit dem Polestar 3?
Die ehrliche Antwort: weit genug, dass die Reichweite aufgehört hat, ein Argument zu sein. Wien, Ljubljana, Koper, Poreč, dann dieselbe Strecke retour. In Summe 1.121 Kilometer. Wir haben pro Richtung zweimal geladen, und das ehrlicherweise weniger, weil das Auto musste, als weil die Kinder mussten. In Poreč sind wir mit 50 Prozent Restladung angekommen, zurück in Wien mit 60. Von Reichweitenangst keine Spur.

Der Reiseverbrauch lag bei 24,8 bis 26,3 kWh auf 100 Kilometer, wohlgemerkt zügig gefahren und nicht auf Sparsamkeit getrimmt. Für ein 4,90-Meter-SUV mit der Aerodynamik eines gut sitzenden Anzugs geht das in Ordnung. Wer den rechten Fuß ein bisserl zügelt, kommt spürbar darunter.
Und das Laden? Trotz der alten 400-Volt-Architektur überraschend flott. Von 50 auf 80 Prozent waren es rund 20 Minuten, ein voller Hub von 20 auf 100 Prozent knapp 42. In der Praxis heißt das: aussteigen, Kinder auslüften, Kaffee, weiter. Der neue 800-Volt-Polestar lädt inzwischen noch schneller, aber schon dieser hier war nie der Grund, warum eine Pause länger dauerte.
Optik top, Fahrwerk streng
Optisch ist der Polestar 3 ein Statement. Diese lange, flache Silhouette, die knappen Überhänge, das clevere Spiel mit den Aero-Elementen: Der Wagen sieht aus wie hingestellt, nicht wie zusammengesetzt. Und er fährt sich auch so. Präzise Lenkung, sattes Einlenken, ein Antritt, der jederzeit für ein Grinsen gut ist. Die Marken-DNA, die wir schon beim Polestar 2 gelobt haben, ist auch hier spürbar: eher straff als weich, eher Fahrmaschine als Sänfte.

Nur: Bei diesem Testwagen war „eher straff“ streckenweise „einfach hart“. Auf den 22-Zoll-Performance-Schmiederädern und dem entsprechend strafferen Setup poltern kurze, scharfe Fahrbahnkanten deutlicher durch, als mir lieb ist, und zwar auch dann, wenn das Luftfahrwerk in der Comfort-Stellung steht. Wer viel Langstrecke fährt und die Optik der großen Räder nicht zwingend braucht, sollte die kleinere Dimension probefahren. Das Auto kann komfortabel. Es muss nur dürfen.
Platz für vier plus Urlaubsgepäck?
Ja, und zwar ohne Tetris. Vier Personen, in unserem Fall zwei Erwachsene und zwei Kinder, sitzen im Polestar 3 großzügig, der Radstand von 2,99 Metern zahlt hinten spürbar auf die Beinfreiheit ein. Das Reisegepäck für Istrien verschwand im Kofferraum, der Frunk vorne nimmt die Ladekabel, damit sie nicht im Dreck liegen. Die Sitze bleiben über Stunden bequem, das MicroTech-Interieur in Charcoal wirkt wertig und ist erfreulich unempfindlich. Nach 560 Kilometern am Stück steigt man ohne Kreuzweh aus. Das muss ein Reise-SUV können, und das kann er.

Die Leiste, die blendet

Jetzt zu der Sache mit dem Chrom. Unter dem Fahrer-Airbag, rechts am Lenkrad, sitzt eine glänzende Zierleiste. Steht die Sonne tief, also vormittags und um die Mittagszeit in Fahrtrichtung Westen, spiegelt sie sich in genau dieser Leiste und wirft dem Fahrer das Licht direkt ins Auge. In Tunnelein- und -ausfahrten wird daraus ein regelrechtes Blitzlicht. Das ist nicht kokett, das ist ein Sicherheitsthema, und ich verstehe schlicht nicht, wie das durch keine einzige Abnahme gefallen ist.
Zur Einordnung: Blendende Chromleisten im Cockpit sind kein Polestar-Alleinstellungsmerkmal, in diversen Foren klagen Fahrer anderer Marken über exakt dasselbe Phänomen. Für den Polestar 3 haben wir dazu allerdings nichts Publiziertes gefunden, insofern ist das hier vermutlich der erste Test, der es benennt. Man wird sich mit einem matten Folienstreifen behelfen können. Nötig sein sollte das bei einem Auto dieser Klasse nicht.
Die B-Säule, die sich verabschiedet
Der zweite Patzer ist noch profaner und ärgert genauso. Die Verkleidung der B-Säule auf der Fahrerseite löst sich, wenn man beim Einsteigen daran streift, und daran streift man beim Einsteigen nun einmal zwangsläufig. Einmal touchiert, hängt das Teil oben aus seiner Halterung (siehe Foto). Wieder eindrücken geht, ist aber kein Zustand. Ein Clip, der bei normalem Gebrauch nicht hält, gehört in einem Premium-Innenraum schlicht nicht her. Ob wir da ein Montags-Exemplar erwischt haben oder ein grundsätzliches Thema, lässt sich aus einem einzelnen Auto nicht seriös ableiten. Auffällig ist es allemal.

Das schöne Dach, das heizt
Und dann ist da das Panoramaglasdach. Serienausführung, also ohne die aufpreispflichtige elektrochrome Abdunkelung. Schön anzusehen, keine Frage, es macht den Innenraum hell und luftig. Bei praller Sonne und hohen Außentemperaturen heizt es den Innenraum aber spürbar auf, und weil es kein Rollo und keinen Sonnenschutz gibt, kann man dagegen wenig machen, außer die Klimaanlage höher zu drehen. Das kostet Energie, die man auf der Langstrecke lieber in Kilometer stecken würde. Wer im Polestar-Kosmos unterwegs war, kennt die Klage: In den Foren ist das aufheizende Glasdach ein Dauerthema quer durch die Baureihen. Ein nachrüstbarer Sonnenschutz oder gleich die elektrochrome Option lösen das Problem, kosten aber extra.

Was kostet der Polestar 3 in Österreich?
Der Dual Motor startete zum Marktstart bei 89.900 Euro inklusive Plus- und Pilot-Paket, das Performance-Paket schlägt mit 6.600 Euro zu Buche. Macht für unseren Testwagen rund 96.500 Euro. Das ist kein Pappenstiel, aber es ist auf Augenhöhe mit der Premium-Konkurrenz, gegen die der Polestar antritt: Volvo EX90 als Plattformbruder, BMW iX, Audi Q6 e-tron, Mercedes EQE SUV. Der frisch überarbeitete 800-Volt-Nachfolger beginnt in Österreich übrigens bei 79.900 Euro (Rear Motor), der Dual Motor bei 86.900, die Performance-Version bei 103.400. Für sein Geld bekommt man beim Polestar 3 etwas, das im SUV-Einerlei selten geworden ist: Charakter.
Ein gutes Auto mit leichten Schwächen ist immer noch ein gutes Auto.
Motorblock-Fazit
Der Polestar 3 ist ein hervorragendes Elektro-SUV, das die eigentlich schwierigen Dinge mühelos erledigt: Er fährt fantastisch, er reist entspannt, er lädt flott, er sieht sensationell aus, und er hat Platz und Komfort für die ganze Familie samt Gepäck. Umso unbegreiflicher, dass er an drei Kleinigkeiten stolpert, die man in der Serienreife hätte abstellen müssen: die blendende Chromleiste, die lose B-Säulen-Verkleidung, das aufheizende Dach ohne Sonnenschutz. Nichts davon ist ein Ausschlussgrund. Alles davon nervt im Alltag.
Kaufen würde ich ihn trotzdem, und zwar ohne langes Überlegen. Ein gutes Auto mit leichten Schwächen ist immer noch ein gutes Auto. Aber, liebe Schweden: Bitte einmal jemanden bei tiefer Sonne ans Lenkrad setzen. Es dauert keine fünf Minuten. 4 von 5 Sternen.
Polestar 3 Long Range Dual Motor – Testdaten
| Modell | Polestar 3 Long Range Dual Motor mit Performance-Paket (vor Modellpflege, 400 Volt) |
| Leistung | 380 kW / 517 PS, 910 Nm |
| 0–100 km/h | 4,7 Sekunden |
| Akku | 111 kWh |
| Testverbrauch | 24,8–26,3 kWh/100 km (1.121 km Wien–Poreč–Wien) |
| Laden | 50→80 % in rund 20 min, 20→100 % in knapp 42 min |
| Preis Testwagen (AT) | rund 96.500 Euro |
| Nachfolger (800 V) | ab 79.900 Euro (Rear Motor), Dual Motor ab 86.900, Performance 103.400 |
Galerie
TEXT: Gregor Josel · Wien, 22. Juli 2026 · Fotos: Gregor Josel/Motorblock, Polestar












