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Harley-Davidson Sprint 440: Einstiegsdroge aus Milwaukee

9 Min. Lesezeit

Leicht, tief, leistbar: Mit der Harley-Davidson Sprint 440 holt Milwaukee eine Modellbezeichnung aus den 60er Jahren zurück und baut wieder ein Einzylinder-Einsteigermotorrad. Ab 6.699 Euro in Österreich, gefahren rund um Barcelona.

Wenn man zu Präsentationen von Motorradherstellern wie Harley-Davidson eingeladen wird, ohne zu wissen, was einen erwartet, dann fühlt man – also frau in diesem Fall – sich rasch in Prüfungssituationen zurückversetzt, wo man trotz guter Vorbereitung das Gefühl hat, der Prüfer spricht eine fremde Sprache. Harley-Davidson stellt im Regelfall Maschinen her, die in Gewichtsklassen um die 300 Kilo aufwärts. rangieren. Und genau darin steckt dann auch das Problem, im Rangieren. Cool zu fahren, wenn in Bewegung. Aber mit 64 kg Eigengewicht eine Street Glide und dergleichen auf Parkplätzen zu rangieren oder in Schrittgeschwindigkeit zu fahren, ist etwas, das ich vor Publikum dann doch lieber auslasse.

Oder eben nicht. So ging es nach Barcelona und gleich hinter dem Foyer, in einer versteckten Ecke, stand sie: Die neue Harley-Davidson Sprint 440. Der Stein, der mir bei ihrem Anblick vom Herzen fiel, war in etwa so schwer, wie die erst kürzlich in der Redaktion geparkte CVO Road Glide mit vollgefüllten Koffern. Keine schwere Maschine, deutlich handlicher, zarter, aber trotzdem vom Stil her schon als Harley erkennbar. Der nervösen Aufregung folgte nun Interesse.

Harley-Davidson Sprint 440 in Dreiviertelansicht vorne rechts an einer Hafenpromenade im Abendlicht
Erster Eindruck: handlicher und zarter als die großen Harleys, aber im Stil klar erkennbar. Foto: Harley-Davidson

Keine schwere Maschine, deutlich handlicher, zarter, aber trotzdem vom Stil her schon als Harley erkennbar.

Wie bei einem künstlerischen Exponat betrachtet man das Objekt von allen Seiten, begleitet von der Frage: Welche Idee steckt dahinter? Bis auf einmal jemand neben dir mit den unverfänglichen Worten „Do you like it?“ auftaucht. Aber ja, natürlich like ich das Bike, noch im Adrenalinrausch keine Tonne durch die Bergstraßen bewegen zu müssen, doch auch danach stehe ich definitiv zu meinem „Yes!“.

Ein Name aus den 60er Jahren

Zugegeben, Hardcore-Harley Fans, werden beim Anblick der Sprint schmunzeln und überlegen, in welcher Seitentasche sie Platz hat. Aber genau das war ein wenig der Hintergedanke bei der Entwicklung dieses Bikes. Schon in den 60er Jahren hat Harley in Europa in Zusammenarbeit mit Aermacchi eine Harley Sprint gebaut. Auch sie war – wie die heutige – ein Einzylinder, leicht, mit niedriger Sitzposition und als Einsteigermotorrad in die Markenwelt der großen schweren Harley-Davidsons gedacht.

Mit diesem Vermächtnis designte Bjorn Shuster, Designverantwortlicher für das aktuelle Modell, eine Maschine, die den Spirit der Marke aufgreift, ihn jedoch „alltagstauglicher“ und einer breiteren Käufergruppe zugänglich macht. Wenn man bedenkt, dass die klassischen Harley-Davidson Modelle in der Preisklasse eines Mittelklassewagens starten und es nach oben keine Grenze gibt, so liegt man bei der Sprint 440 bei einem Einstiegspreis von 6.699,- Euro, also in einem Preissegment, wo so manches E-Bike (gemeint ist hier ein Fahrrad) mehr kostet. In Deutschland liegt der Preis übrigens noch um einen Tausender niedriger.

Zwei Harley-Davidson-Motorräder in Dreiviertelansicht vorne links vor Wolkenkratzern
Zwei Sprint vor der Hochhauskulisse: gedacht als Einstieg in die Markenwelt von Harley-Davidson. Foto: Harley-Davidson

Und tatsächlich: um dieses Geld erhält man also nicht nur eine echte Harley-Davidson, sondern einen schönen Cruiser, der sogar gestandenen Harley-Fahrern bei ersten Testfahrten anerkennende Worte abringt.

Tropfentank und Speichen

Der für Cruiser klassische, tropfenförmige Tank kommt bei der Sprint in drei Lackierungen: Dark Billiard Gray (standard), Vivid Black (+250,- Euro) und Teal Thunder (+250,- Euro). Bei den verwendeten Materialien geht man in Milwaukee den Weg zwischen möglichst hochwertig und trotzdem preislich nicht zu hoch. Eine einteilige Stufensitzbank für zwei Personen mit „bobbed“ Heckfender, ein Lenkkopfwinkel von 27,6 Grad mit 19 Zoll Vorderrad und 17 Zoll Hinterrad sowie der Radstand von 1.450 mm machen zusammen mit den schwarzen Speichenfelgen die typische Cruiser-Seitenansicht komplett.

Seitenansicht eines schwarzen Harley-Davidson-Motorrads mit türkis-blauem Tank vor Wasser
Die Seitenansicht zeigt den tropfenförmigen Tank und die typische Cruiser-Linie. Foto: Harley-Davidson
Detail des blau-türkis lackierten Tanks mit Harley-Davidson-Schriftzug
Der Tank ist das Schmuckstück: hier in türkis-blauer Lackierung mit markantem Schriftzug. Foto: Harley-Davidson

Tief sitzen, klar ablesen

Schön aussehen ist das eine, aber fährt sich die Sprint auch wie eine echte Harley? Erst einmal auf ihr Platz genommen merkt man, die niedrige Sitzposition ist kein leeres Versprechen, bei einer Höhe von 679 mm können sich selbst kleinere Personen nicht über mangelnde Standfestigkeit beschweren, zumal die Bauweise der Sprint gerade in diesem Bereich schmal ist. Für all jene, denen die Serienbank nicht niedrig oder hoch genug ist, gibt es noch drei verschiedene Sättel, die man dazuordern kann. Generell sitzt man angenehm aufrecht und komfortabel auch auf längeren Strecken. Wer Harley-typisch die Fußrasten weiter vorne sucht, der wird hier enttäuscht. Gerade um Einsteigern ein besseres Gefühl zu geben, hat man auf dieses Feature verzichtet.

Schwarzes Harley-Davidson-Motorrad in Seitenansicht in Fahrt auf einer Straße vor einem Hang
679 mm Sitzhöhe und eine aufrechte Haltung: die Sprint mit Corina drauf in Fahrt. Foto: Harley-Davidson

Der Blick auf den Lenker und das Rundinstrument lässt mich ebenfalls jubeln. Kein unnötiger Schnickschnack, der mittlerweile das Bikesegment wie die Automobilindustrie überschwemmt. Man will schließlich fahren und nicht stundenlang kalibrieren. Der Fokus liegt auf der Straße und nicht auf Riesendisplays, die dir entweder sagen, was du eh schon weißt, oder erst gar nicht wissen willst. Hier prangt ein klassisches Rundinstrument mit Drehzahl, Geschwindigkeit und Kilometern. Am Lenker genau das gleiche. Back to the roots reicht allemal für den Alltag. Wer gar nicht ohne Navi und Firlefanz auskommt, der hat einen USB-C-Anschluss, um Handy und Co zu koppeln.

Rundes digitales Kombiinstrument der Harley-Davidson mit Lenker
Ein Rundinstrument, mehr braucht es nicht: Drehzahl, Geschwindigkeit, Kilometer. Foto: Harley-Davidson

Man will schließlich fahren und nicht stundenlang kalibrieren.

Einzylinder mit großer Klappe

Ein Dreh am Zündschlüssel, ein Druck auf den Starter, und der Einzylinder räuspert sich nicht etwa, sondern verkündet seine Anwesenheit mit Nachdruck. Spätestens dann weiß jeder, wer hier die Finger im Spiel hatte. Der Endschalldämpfer verpasst dem Motor einen Auftritt, der selbst gestandenen Big-Twin-Aggregaten Konkurrenz macht. Wer morgens Wert auf ungestörten Schlaf legt, sollte allerdings nicht neben einer startenden Sprint wohnen.

Heck eines schwarzen Motorrads mit Stoßdämpfer, Hinterrad, Bremse und Auspuff
Der Endschalldämpfer sorgt für einen Auftritt, der zu einer Harley passt. Foto: Harley-Davidson

Kalt gestartet benimmt sich die Sprint bei niedrigen Drehzahlen noch wie ein ungeduldiger Mustang am Zügel. Doch kaum auf Betriebstemperatur, legt sie diese Marotten ab und präsentiert sich überraschend gutmütig. Diese Gutmütigkeit behält sie sich die gesamte Testfahrt durch die Bergstraßen rund um Barcelona, aber auch bei den Fahrten im Großstadt-Verkehr.

Schwarzes Motorrad in Schräglage auf einer kurvigen Landstraße
Auf den Bergstraßen rund um Barcelona zeigt sich die Sprint gutmütig und wendig. Foto: Harley-Davidson 

Sehr rasch findet man Vertrauen zur Maschine. Aufgrund ihres niedrigen Schwerpunkts, einem Eigengewicht von 189 kg und einer wirklich gut ausbalancierten Lastverteilung zeigt sie sich erstaunlich wendig, sodass auch das Kurvenwedeln wirklich Spaß macht. In Sachen Fahrwerk verfügt unsere Harley über eine 43-mm-Upside-down-Gabel mit einem Federweg von 130 mm. Hinten findet man auf beiden Seiten Federbeine mit einstellbarer Federvorspannung und einem Federweg von 76 mm.

440 Kubik, sechs Gänge

Der Einzylinder mit 440 Kubik aus dem Hause Hero MotoCorp liefert im unteren und mittleren Drehzahlbereich den nötigen Vortrieb. Für Freunde der konkreten Fakten bedeutet dies 38 Nm Drehmoment bei 4.000 U/min und 27,6 PS bei 6.000 U/min. Es darf also fröhlich durch das 6-Gang Getriebe geschaltet werden, um die Sprint auch sprinten zu lassen. Bergauf merkt man zwar doch immer wieder, dass ihr die Kraft eins großen Triebwerkes fehlt, doch wie schon mehrfach erwähnt, ist sie zum Cruisen gedacht und nicht, um sich auf Bergetappen mit den Großen zu matchen.

Motor und Rahmen der Harley-Davidson Sprint 440 in Seitenansicht
440 Kubik, ein Zylinder: Das Herz der Sprint stammt von Hero MotoCorp. Foto: Harley-Davidson

Zum Cruisen sind die 129 km/h Werksangabe als Topspeed durchaus ausreichend, denn ab 110 km/h ohne Windschild wird es auf der Autobahn ohnehin zu zugig, um hier noch von „Joyride“ zu sprechen. So wichtig wie der Antrieb ist auch das Verzögern und sogar in diesem Punkt hat man in Milwaukee seine Hausaufgaben ordentlich gemacht. Sowohl vorne als auch hinten besitzt die Harley gelochte Scheibenbremsen von 320 mm bzw. 240 mm Durchmesser mit serienmäßigen ABS. Von einer Traktionskontrolle hat man jedoch abgesehen, was wir jetzt eh nicht als unbedingt notwendiges Feature erachtet hätten.

Wer bei der Sprint den klassischen Zahnriemen erwartet, sucht vergeblich. Die Kraftübertragung erfolgt über eine Kette, die sich insbesondere auf Schotterstraßen und anderen unbefestigten Untergründen als robuster erweist. Gleichzeitig ermöglicht sie eine unkomplizierte Anpassung der Übersetzung über unterschiedlich große Ritzel und Kettenräder.

Hinterradbereich eines schwarzen Motorrads mit Kette, Federbein und Gussfelge
Kette statt Zahnriemen: robuster auf Schotter, einfacher bei der Übersetzung. Foto: Harley-Davidson

Die Sprint 440 im Fazit

Mein Fazit zur neuen Harley-Davidson Sprint 440: Sowohl optisch als auch auf den ersten gefahrenen Kilometern zeigt sich das jüngste Mitglied der Familie als ein durchwegs ebenbürtiges. Aufgrund ihres Einstiegspreises und ihrer absoluten Alltagstauglichkeit wird sie für all jene interessant, die die Marke lieben, aber (noch) vor den großen Maschinen preislich und gewichtsmäßig zurückschrecken. Wer also nicht so viel Platz in der Garage hat, schnell mal kurz in die Stadt oder mit dem Bike auf einen Kaffee fahren will, viel Harley für den Alltag um wenig Geld sucht, oder auch so wie die Verfasserin dieser Zeilen einfach nicht für die großen, schweren Gefährte gebaut ist, sollte einen genaueren Blick auf sie werfen. Die Tatsache, dass man die Sprint „customizen“ kann, macht sie letztendlich zu einem vollwertigen Mitglied im Harleyverbund.

Schwarzes Harley-Davidson-Motorrad in Dreiviertelansicht an einer Uferpromenade vor einem Yachthafen
Viel Harley für den Alltag: Die Sprint will Einsteiger und Stadtfahrer abholen. Foto: Harley-Davidson

Daten & Preis

Modell Harley-Davidson Sprint 440
Preis Österreich ab 6.699 Euro (Dark Billiard Gray; Vivid Black und Teal Thunder je +250 Euro)
Motor Einzylinder, 440 cm³ (Hero MotoCorp)
Leistung 27,6 PS bei 6.000 U/min*
Drehmoment 38 Nm bei 4.000 U/min*
Getriebe / Antrieb 6-Gang, Kette
Höchstgeschwindigkeit 129 km/h*
Gewicht 189 kg*
Sitzhöhe 679 mm (drei Zubehörsättel)
Radstand / Lenkkopfwinkel 1.450 mm / 27,6 Grad
Räder 19 Zoll vorne, 17 Zoll hinten, Speichenfelgen
Fahrwerk 43-mm-Upside-down-Gabel, 130 mm Federweg; zwei Federbeine, Vorspannung einstellbar, 76 mm
Bremsen Scheiben 320 mm vorne, 240 mm hinten, ABS serienmäßig; keine Traktionskontrolle
* Herstellerangaben
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