Sonne tanken

Bentley Continental GT Convertible: Auf der Sonnenseite des Lebens

Wer einen Bentley fährt, der hat es auf die Sonnenseite des Lebens geschafft – egal wie gut oder schlecht das Wetter ist. Doch zumindest in den letzten Monaten musste man dabei auf die passende Bräune verzichten. Denn weil sich der Generationswechsel beim Continental GT ein wenig gezogen hat, ließ das Cabrio noch auf sich warten. Aber jetzt machen die Briten Schluss mit der vornehmen Blässe im Oberhaus und bringen im Juni für mehr als 20.000 Euro Aufpreis auch wieder eine offene Version ihres Gran Tourismo in den Handel.

Von Thomas Geiger

Der trägt ein ganz traditionelles Verdeck, das mit einem Stoffdach in etwa so viel gemein hat wie ein Nerzmantel mit einem Trenchcoat. Zum einen, weil es zu den größten und teuersten Dächern gehört, die die Cabrio-Welt zu bieten hat und es deshalb Elektromotoren braucht, mit denen man vermutlich auch einen ganzen Kleinwagen antrieben könnte, wenn man dieses riesige Zelt selbst bei Tempo 50 binnen 19 Sekunden zusammenfalten und hinter der Rückbank ablegen möchte. Und zum anderen ist es so gut isoliert, dass man unter der Haube in seiner eigenen Welt fährt. Kein Mucks, kein Mief und erst recht kein Luftzug dringt dann von draußen nach drinnen. Bentley ist zurecht stolz darauf, dass es im neuen Continental GT Convertible bei geschlossenem Dach genauso leise zugeht, wie im alten Coupé.

Das ist zwar alles schön und gut – oder besser gesagt: richtig schön und richtig gut – aber ein Cabrio fährt man gefälligst unter freiem Himmel. Sobald man also in der überladenen Mittelkonsole den passenden Knopf gefunden hat, lässt man das Verdeck lautlos nach hinten gleiten und brutzelt unter der Sonne vor sich hin. Allerdings fühlt man sich dabei mehr als in jedem anderen Cabrio wie auf dem Präsentierteller: Denn der Continental ist so protzig und prächtig, dass er alle Blicke fängt. Da ist es also recht praktisch, dass das ganze Kunsthandwerk im Innenraum genau wie das in der Mittelkonsole rotierende Display mit Touchscreen und Analoguhren wenigstens ein bisschen die Aufmerksamkeit von in den Insassen ablenkt.

Setzt sich der Koloss dann in Bewegung, ist das Fahrerlebnis noch intensiver als im Coupé, weil man die Geschwindigkeit jetzt mit allen Sinnen spüren kann und tatsächlich sogar ein bisschen was vom flüsterleisen Zwölfzylinder hört. Doch sonst gibt es keinen großartigen Unterschied zur geschlossenen Variante des Continental GT – weder bei der Verwindung, noch bei der Beschleunigung. Nein, nicht einmal bei der Höchstgeschwindigkeit.

Schließlich schüttelt der 6,0 Liter große Zwölfzylinder ganz nonchalant 635 PS und bis zu 900 Newtonmeter aus dem Ärmel – da ist einem jede Anstrengung fremd. Egal, ob das Cabrio nun zwei Zentner mehr wiegt oder nicht. Denn der Doppelturbo leistet Erstaunliches. Wuchtet er doch die Fuhre in imposanten 3,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h und danach ungerührt und weitgehend ungehört weiter bis 333 km/h. Selbst der McLaren Senna ist als waschechter Rennwagen mit Straßenzulassung kaum schneller.

Aber anders als früher ist der Bentley kein Hochgeschwindigkeitszug mehr und nur auf der Geraden schnell. All seinem Gewicht zum Trotz geht er, wie es sich für einen Supersportwagen gehört, auch erstaunlich schnell ums Eck. Wozu haben ihm die Ingenieure schließlich zum voll variablen Allradantrieb und der von wolkenweich zu bretthart schaltbaren Luftfederung auch noch einen Wankausgleich mit 48-Volt-Technologie eingebaut? Extrem schnelle Elektromotoren variieren die Stabilisatoren damit so, dass sich der Wagen kaum mehr in die Kurven neigt und entsprechend schneller um die Kurve kommt.

Und wo einem im Coupé dabei das Gespür für die Welt da draußen schnell abhanden kommt, ist man im Bentley Continental GT Convertible ein wenig näher im Hier und Jetzt. Zwar behindern Luxus, Lack und Leder ein bisserl den Blick auf das wahre Leben und auch das Cabrio ist sehr leise und bettet die Passagiere so weich auf Wolken, dass man mit jedem Kilometer weiter der Realität entrückt. 120, 180 oder 240 – wie schnell man fährt, fühlt man da schon längst nicht mehr, so mühelos ist der Continental unterwegs. Doch auch der neue, noch feinfühligere Nackenföhn und das irgendwie ziemlich popelige Windschott können die Realität nicht ganz wegwehen, so dass einen spätestens der Wind der schnellen Fahrt in die Wirklichkeit zurück bläst.

Leistungsstark und leidenschaftlich, lustvoll und luxuriös, stark, schnell, sportlich, opulent und offenherzig – so wird das Continental GT Convertible zu einer der attraktivsten Sonnenbänke der Saison und hat sogar eine Art eingebauten Lichtschutzfaktor: Wer sich nach einem allzu langen Sonnenbad nach der vornehmen Blässe zurücksehnt, dem empfiehlt sich ein Blick in die Preisliste: Bei einem Grundpreis von 228.480 Euro in Deutschland weicht einem die Farbe nämlich schnell wieder aus dem Gesicht.