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Der Bentley Flying Spur verdrängt den Mulsanne als Flaggschiff

Dass die Produktion des Bentley Mulsanne im Frühjahr 2020 ausläuft, hat seine guten Seiten. Das Sondermodell 6.75 Edition, zum Beispiel.

Text: Maximilian Barcelli

Hubraumstarke Achtzylinder sind in den letzten Jahrzehnten rar geworden – zumindest abseits der USA. Eine letzte Bastion stellt der V8 des Bentley Mulsanne dar: seine 6 ¾ Liter Brennraum sind so ikonisch, wie Brennräume eben ikonisch sein können. Wobei der erste Bentley mit diesem Motor, der S2 von 1959, noch über etwas weniger Hubraum verfügte.

Seit diesem Fahrzeug jedenfalls wird der Achtzylinder von den Briten produziert. Natürlich wurde das Triebwerk aber stetig weiterentwickelt und modernisiert – ansonsten würden den Mulsanne der Neuzeit auch nur weniger als 200 PS antreiben. So aber: Satte 513 beziehungsweise als Mulsanne Speed 537 PS. Letzterer dient als Basis für die Bentley Mulsanne 6.75 Edition.

Was noch viel imposanter ist: das Drehmoment von 1.100 Newtonmetern. Das doppelt zwangsbeatmete Triebwerk wuchtet die fast drei Tonnen schwere Luxuslimousine in 4,9 Sekunden von 0 auf Tempo 100. Doch was macht das Sondermodell jetzt eigentlich aus? Kurz gesagt: eh die Klassiker.

Lang gesagt: Aus den Registerzügen, mit denen die Belüftung gesteuert wird, sind Bedienelemente im Öltankdeckel-Design geworden. Außerdem ist auf den Ziffernblätter der drei Uhren an der Mittelkonsole – wobei die mittlere eine echte Uhr ist, während die anderen Tank- und Kühlflüssigkeitsstand anzeigen – eine vereinfachte Schnittzeichnung des Motors zu sehen. Natürlich wartet das Sondermodell auch mit allerlei „6.75 Edition“-Schriftzügen auf – etwa an den Sitzen, im Motorraum, mit LED-Begrüßungsleuchten und mit Plaketten unter den Einstiegsleisten und neben den vorderen Radkästen.

Apropos Motorraum: der Ansaugkrümmer ist nicht traditionell silber, sondern schwarz und anstelle der Unterschrift des für den Motor zuständigen Spezialisten ist die von Bentley-CEO Adrian Hallmark zu sehen. 30 Stück der Bentley Mulsanne 6.75 Edition werden produziert, Preise verrät die Nobelmarke keine. Zukünftig fungiert dann der Bentley Flying Spur als Flaggschiff, der in absehbarer Zukunft auch hybridisiert wird – genauso wie alle anderen Modelle des Herstellers.

Das britische Oberhaus

Bentley fragt in die illustre Runde, die anlässlich der Präsentation des neuen Flying Spur ins mondäne Monaco reiste, ob selbiger denn vielleicht das beste Auto der Welt sein könnte. Die Antwort: Wen interessiert das eigentlich?

Text: Gregor Josel

Man könnte hier nun beginnen, um den heißen Brei herumzu­reden, einen Versuch starten, sich auf die endlose Fadesse ­eines klassischen Fahrberichts herabzulassen und technische Daten zu vergleichen und darüber zu urteilen, ob beispielsweise die Leistung des neuen Bentley Flying Spur von 635 PS ausreicht oder gar über die Stränge schlägt oder ob sich die Beschleunigung in 3,8 Sekunden von null auf 100 km/h anders anfühlt in dieser prallen Luxuslimousine als in einem Sportwagen und ob es nun standesgemäß wäre, dass der Kühlergrill der neuen Bentley-­Limousine aus Kunststoff ­besteht oder ob er nun besser schaltet als der Vorgänger. Und natürlich dürfte man auch das übliche CO2- und Umwelt-Gestammel, auf das diverse Fach­gazetten ja derzeit besonders stolz sind, nicht auslassen, um erhobenen Fingers dann zu resümieren, dass Bentley wohl die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat, nachdem man sich dort im fernen Crewe, der Heimat von Bentley, im zukünftigen Ex-Europaland Großbritannien noch immer nicht zum allum­fassenden Wandel in Richtung Elektromobilität bekennt. Und um auch der letzten Bastion der Pseudoauskenner noch eine solide Basis zu bieten, dürfen natürlich auch das Thema Brexit und die potenziellen Auswirkungen auf die Marke Bentley und deren Produkte nicht fehlen. Am besten noch gespickt mit einem Experten-Interview, und schon ist er fertig, der gute Autotest. Der Ihnen, lieber Leser, die Entscheidung dann natürlich quasi abnimmt, ob Sie als Nächstes nach dem aktuellen Passat Variant mit Sechs-Gang-Schaltung nun doch ob dieser und jener Erkenntnis und den verschriftlichten Fahr­eindrücken der im Fürstentum Monaco versammelten Auto-­Journaille, also anhand all dieser Fachurteile als Nächstes doch lieber zum Flying Spur greifen als zum neuen Facelift des Volkskombis aus Wolfsburg.

Alles ziemlicher Mumpitz, wenn Sie mich fragen. All das kann man sich natürlich schenken, denn das Wunderbare am Reichsein ist, dass man in den meisten Fällen einfach gar nichts anderes kennt. Die Liga derer, die sich einen Bentley Flying Spur nach einem erfolgreichen KMU-­Leben zum Pensionsantritt gönnen, ist doch kleiner bestückt als jene, die in Überfluss und ohne Kenntnis des Kontostands von Kindesalter an auf den Ernst des Lebens vorbereitet wurde. Der wiederum dann darin besteht, zu entscheiden, ob man nach erlangtem Führerschein vielleicht ab und an auch gerne mal in der vorderen Reihe am Steuer sitzt, anstatt sich den Rücken im Fond mas­sieren zu lassen. Somit ist die Frage, ob der neue Bentley Flying Spur das beste Auto der Welt sei, grundlegend falsch, denn es ist schlicht und ergreifend egal. Bent­ley fährt man, weil man kann, und nicht, weil es die ­bessere oder gar vernünftigere Wahl ist.

Aber keine Frage, dieses Auto ist ein Kunstwerk auf Rädern. Eine Luxussuite mit vier Türen, in der es auf ausnahmslos jedem Sitzplatz Spaß macht, von A nach B zu kommen. Leistung? Ja, eh. Verbrauch? Ja, er verbraucht auch was. Wie schnell? Ziemlich, denn auch hier gilt: 333 km/h Spitze sind zwar sicher fein, brauchen tut man sie nicht ganz unbedingt um jeden Preis. Viel beeindruckender ist die Tat­sache, wie weit die Außenwelt plötzlich entfernt erscheint, sobald man die massiven Türen des neuen Flying Spur schließt. Abtauchen in eine andere Welt, ein klassisches Meisterwerk über die unfassbare Audioanlage genießen, in voller Lautstärke. Oder aber man gibt sich dem letztlich einzig wahren Luxus hin: der Stille, denn auf Knopfdruck dreht sich das gesamte Infotainmentsystem des Flying Spur in der Mittelkonsole um und zeigt wahlweise drei Rundinstrumente oder edles Tropenholz; Dann sperrt man Info und Tainment einfach mal für eine Zeit lang aus und genießt die unendliche Ruhe in diesem Auto.

Allradlenkung, W12-Zylinder-­Motor mit 635 PS und 900 Nm Drehmoment, Zylinderabschaltung, Acht-Gang-DSG, LED-­Matrix-Scheinwerfer, Head-up-Display, jaja, ist alles vorhanden, State of the Art und so. Muss halt heute dabei sein, macht auch Sinn, ist aber letztlich nicht der Grund, warum man Bentley fährt. Und der Grund, warum man nicht Bentley fährt, hat nur in unserer Einkommensklasse damit zu tun, dass der Einstiegs­preis für das britische Oberhaus bei rund 281.000 Euro liegt. Der Rest ist Frage des Geschmacks, und genau dafür hat Bentley seine Limousine für Selbstfahrer in eindrucks­voller Art und Weise neu gestaltet und an die Designsprache des Continental GT angepasst. Das ist jener Bentley, den man dann eh schon längst daheim hat.

Bentley Flying Spur Motor: 6,0 Liter W12, Twin Turbo Leistung: 635 PS Verbrauch: mal mehr, mal weniger Drehmoment: 900 Nm/1.350 U/min Beschleunigung: 0–100: 3,8 s Spitze: 333 km/h Gewicht: 2.437 kg Preis: ab 281.635,– Euro

Bentley Flying Spur: Luxus mit Nachdruck

Vorne links oder hinten rechts – normalerweise ist das in einer Luxuslimousine keine Frage. Denn egal wie stark der Motor auch sein mag, gebührt der Platz hinter dem Steuer einem Fahrer und der Besitzer lümmelt lieber im Fond. Doch wenn Bentley jetzt nach biblischen 14 Jahren auf Basis von Audi A8 und Porsche Panamera endlich den neuen Flying Spur vom Stapel lässt, ist die Versuchung für einen Positionswechsel größer denn je.

Von Thomas Geiger

Denn so verführerisch die Rückbank bei 3,20 Metern Radstand und entsprechend viel Kniefreiheit auch sein mag und so gut man sich mit dem exklusiven Infotainment samt selbst entwickelter Tablet-Computer und einer Fernbedienung wie ein Smartphone auch beschäftigen kann, lockt der Flying Spur mit Reizen, die eine S-Klasse allenfalls mit AMG-Doping parieren kann. Und der eigentliche Konkurrent Rolls-Royce ist da ohnehin längst abgemeldet.

Schließlich steckt unter der langen Haube wieder der sechs Liter große W12-Motor, der genau wie im Bentayga Speed auf 635 PS und 900 Nm kommt. Damit lässt er sich selbst von 2,5 Tonnen nicht beeindrucken, wuchtet den Luxusliner in 3,8 Sekunden auf Tempo 100 und schafft bei Vollgas 333 km/h. Dann sieht man nicht nur S-Klasse & Co im Rückspiegel, sondern lässt auch manch einen reinrassigen Sportwagen hinter sich. Und das ganz ohne wildes Gebrüll und Imponiergehabe. Wie von Geisterhand beschleunigt das Dickschiff, als würde ihm der Dampf nie ausgehen – flüsterleise und scheinbar mühelos wird er schnell und immer schneller, bis die Welt nur noch in Schlieren an den dick isolierten Fenstern vorbei wischt.

Anders als der Vorgänger ist der Flying Spur diesmal aber auch jenseits der Geraden schnell und vor allem handlich. Dafür bekommt er neben einer besonders reaktionsschnellen Dreikammer-Luftfederung für eine wahlweise extrem straffe oder betont lässige Anbindung und einem von 48-Volt-Stellern justierten Fahrwerk zum ersten Mal in der Bentley-Geschichte auch eine Allradlenkung. Währen der Zwölfzylinder das gewaltige Gewicht vergessen lässt, nimmt sie den 5,30 Metern den Schrecken und lässt den Luxusliner gefühlt auf das Format einer Mittelklasse-Limousine schrumpfen. So kommt man nicht nur ohne Schweiß und Schrammen durch enge Innenstädte und in verwinkelte Tiefgaragen. Sondern gleichzeitig gewinnen verschnörkelte Passstraßen und kurvige Küstenrouten plötzlich an Reiz.

Während das Fahrgefühl völlig neu ist, hat Bentley bei Auftritt und Ambiente die Tradition gewahrt: Auch der neue Flying Spur ist ein Prunkschiff, das Autos wie eine S-Klasse oder einen Siebener mit seinem riesigen Grill und den wie aus Kristall geschliffenen Scheinwerfern bieder und bescheiden aussehen lässt. Dazu gibt es innen in eine Mischung aus Tradition und Technologie, wie man sie so nur bei Bentley findet. Denn auf der einen Seite gibt es digitale Instrumente, Online-Infotainment, ein Head-Up-Display, Infrarot-Kameras und ein eigenes, mit dem Bordsystem vernetztes Tablet für die Hinterbänkler. Und auf der anderen Seite gibt es Lack und Leder satt, die vielleicht aufwändigsten Ziernähte überhaupt, ziselierte Metallrähmchen mit über 2.000 individuell errechneten Diamant-Mustern und erstmals sogar Konsolen mit 3D-Holz oder Naturstein. Kein Bauteil verdeutlicht dieses Wechselspiel besser als das „Rotating Display“, das sich wie eine riesige Toblerone auf Knopfdruck im Cockpit dreht: Mal zeigt es einen brillanten Touchscreen, mal analoge Uhren und mal nur eine schicke Holzvertäfelung.

Zumindest bis Mercedes im nächsten Jahr eine neue Generation der S-Klasse und mit ihr auch wieder einen Maybach bringt, fährt Bentley mit dem Flying Spur tatsächlich an der Spitze des Segments und zum Rolls-Royce Ghost fehlt, wenn überhaupt, dann nicht mehr viel. Allerdings haben sich die Briten dafür auch reichlich Zeit gelassen. Dass der Vorgänger beinahe 14 Jahre gelaufen ist, liegt jedoch nicht allein an den eher kleinen Stückzahlen und der zuletzt arg schwierigen Finanzlage der britischen VW-Tochter. Sondern es liegt auch an der Liebe zum Detail, über die sie in Crewe bisweilen ein wenig die Zeit vergessen. Das beste Beispiel dafür ist das „Flying B“, das von innen beleuchtet und elektrisch versenkbar nun als freundlicher Gruß an die Spirit of Ecstasy von Rolls-Royce über dem wuchtigen Kühler thront – allein daran haben sie bei Bentley zwei Jahre lang gezeichnet und entwickelt.

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