Route 66: Corndogs, Neon und Jesus an der Parkuhr

22 Min. Lesezeit

Eigentlich hätte die Route 66 Route 60 heißen sollen. Oder 62. Am 11. November 2026 wird die Mother Road 100 Jahre alt, und wir haben das Jubiläum zum Anlass genommen, ihren besonders reizvollen Abschnitt durch Illinois unter die Räder zu nehmen: mit einem 400 PS starken Ford F-150, vielen Corndogs und einer Parkuhr, die überraschend zum Beten aufforderte.

Text: Oliver Luxenburger Fotos: Manuela Haritos

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Route 66 wird am 11. November 2026 100 Jahre alt und führte einst rund 2.400 Meilen durch acht Bundesstaaten.
  • Unser Abschnitt: Louisville (Kentucky), Indianapolis, dann die alte 66 durch Illinois bis Chicago.
  • Unser Fahrzeug: Ford F-150 SuperCrew XLT mit Coyote-5.0-V8 und 10-Gang-Automatik, gebucht über Sunny Cars.
  • Die Stationen sind unter anderem: Indianapolis Motor Speedway, Edwardsville, Granite City, Springfield, Pontiac, Wilmington und Chicago.

Eigentlich hätte die Route 66 Route 60 heißen sollen. Oder 62. Klingt komisch, is aber so. Dass die weltberühmte Strasse ihre berühmte Schnapszahl bekam, verdankt sie einem heftigen politischen Streit um prestigeträchtige Straßennummern in den zwanziger Jahren. Als die US-Regierung beschloss, ein einheitlich nummeriertes Highway-Netz aufzubauen, sollten alle transkontinentalen Ost-West-Verbindungen auf eine Null enden. Der Unternehmer Cyrus Avery (gilt als Vater der Route 66), beanspruchte für seine neu geplante Diagonalverbindung von Chicago nach Los Angeles die Nummer US 60. Leider fand die auch der Gouverneur von Kentucky cool. Um den Streit zu schlichten, schlugen die Bundesplaner in Washington vor, Kentucky solle die Route 60 bekommen und Averys Chicago-L.A.-Highway möge bitte Route 62 heißen. In dessen Ohren klang das freilich gruselig, so ganz nach einer unbedeutenden Nebenstraße, ohne jeden sprachlichen Rhythmus oder irgendwelches Marketingpotenzial.

Das Telegramm

Am 30. April 1926 traf sich Avery mit Straßenplanern im Colonial Hotel in Springfield/Missouri, um das Problem zu lösen. Sie wälzten die Listen der noch freien Nummern im neuen System – und stießen auf die lautmalerisch wie visuell geniale: 66! Noch am selben Tag setzten sie ein Telegramm mit ihrem Begehr nach Washington ab. Die Behörden stimmten zu. Ohne Averys Hartnäckigkeit beim Nummernstreit hätte Nat King Cole zwangsläufig „Get Your Kicks on Route 60“ singen müssen. Unschön.

Die „Mother Road 66“ führte fortan rund 2.400 Meilen durch acht Bundesstaaten. Anfangs waren nur 800 Meilen asphaltiert, nach und nach wurde sie ausgebaut und zur Lebensader für Reisende, Trucker und Migranten. Später erwuchs sie zum Synonym für den glorreichen amerikanischen Roadtrip. Für das Abenteuer und die Freiheit, einfach einzusteigen und loszufahren – wann und wohin man will. Im Jahr 1985 wurde die 66 offiziell aus dem US-Fernstraßen-System gestrichen, die Interstate Highways waren schneller und effizienter. Verschwunden ist sie trotzdem nie, obwohl es heute keine durchgehende Route Nr. 66 mehr gibt. Wer sie fährt, setzt sie aus den erhaltenen Teilstücken zusammen. Mal ist es alter Asphalt, mal Beton, an manchen Stellen gar noch originales Ziegelpflaster. Dazwischen: Tankstellen, Diners, Motels, Neonreklamen und jene herrlich absurden Roadside Attractions, für die Amerika berühmt ist. Am 11. November 2026 wird die alte Dame 100 Jahre alt. Wir nehmen das Jubiläum zum Anlass, den besonders reizvollen Abschnitt durch Illinois unter die Räder zu nehmen.

„Ohne die Hartnäckigkeit beim Nummernstreit hätte Nat King Cole zwangsläufig „Get Your Kicks on Route 60“ singen müssen. Unschön.“

Ein Pickup für Mutti

Unser Roadtrip-Fahrzeug übernehmen wir schon weiter östlich in Louisville/Kentucky. Mustang oder Harley holt sich jeder, daher wählen wir einen 400 PS starken Ford F-150 SuperCrew XLT Pickup, gebucht über Sunny Cars. Der Mietwagen-Broker hat keine eigene Autoflotte, aber vermittelt weltweit Deals mit Car Rental Anbietern vor Ort. Man bucht vorab ein Sorglos-Paket mit allen Versicherungen. Böse Fallen im Kleingedruckten arglistiger Mietwagen-Akteure können einem damit Wurscht sein. Der schwarze Ford steht da wie ein Wohnhaus. Für europäische Verhältnisse ist das ein riesiger Brocken, in Amerika gehört er zum Straßenbild wie bei uns ein VW Golf. Die Ford F-Serie ist hier seit Jahrzehnten der meist verkaufte Pickup, die Autos mit Doppelkabine und Ladefläche werden im Sprachgebrauch Trucks genannt und sind ins die Landschaft integriert genauso wie Drive-in-Schalter an Banken, Kaffeestationen und Apotheken. Wozu das Auto verlassen – und warum zur Hölle sollte es klein sein? Der Sprit kostet pro Liter unter einen Euro, who the f… kümmert die Straße von Hormus? Die Mutter fährt mit dem V8-Panzer einkaufen, Daddy zur Arbeit, die 16-jährige Tochter mit Freundinnen zu Dunkin’ Donuts. Wer glaubt, der F-150 sei die Maximalversion, irrt. Mit F-250 und F-350 wird es noch größer, auf Wunsch mit Zwillingsbereifung. Solche Heavy-Duty-Trucks ziehen Motorhomes und schwere Anhänger, arbeiten auf Baustellen oder bei der Feuerwehr. Chevrolet Silverado und GMC Sierra spielen in derselben Liga wie der Ford. Was in Europa nach geisteskrankem Gigantismus aussieht, ist in Amerika schlicht ein Auto.

Unser Reisegerät. Für Ami-Verhältnisse ein Mittelklasseauto.

„Wozu das Auto verlassen – und warum zur Hölle sollte es klein sein? Der Sprit kostet pro Liter unter einen Euro, who the f… kümmert die Straße von Hormus?“

Küss den Ziegelstein

Vor Erreichen der Route 66 führt der Weg nach Indianapolis, mitten hinein in die amerikanische Motorsportgeschichte. Der 1909 eröffnete Motor Speedway gehört zu den ältesten noch betriebenen Rennstrecken der Welt. Die Namen, die hier Geschichte schrieben, reichen von Ray Harroun, dem ersten Indy 500 Sieger 1911, über A.J. Foyt, Mario Andretti, Rick Mears bis zum IndyCar Champion Helio Castroneves. Nach Siegen klettert der regelmäßig vor Begeisterung in den Fangzaun der Rennstrecke, was ihm den Spitznamen Spiderman einbrachte. Im Indianapolis Motor Speedway Museum stehen die passenden Rennautos zu den Legenden. Auf dem Road Course gastieren verschiedene Rennserien, darunter auch die NASCAR, bei denen sich die Boliden gern mal rüde anrumpeln.

Autorennen sind da sehr gefragt
Weil hie und da sich einer überschlagt
Gespannt mit einem Doppler sitzt man da
Und hofft auf einen gscheiten Busera
Weil durch einen spektaklären Crash
Wird ein Grand Prix erst richtig resch

(R. Fendrich)

Ein schmaler Streifen des ursprünglichen Ziegelbelags liegt bis heute auf der Start-Ziel-Geraden, genannt Brickyard. Die Tradition, ihn nach einem Sieg zu küssen, kommt aus dem Jahr 1996. Nach dem Gewinn des ersten Brickyard 400 marschierte NASCAR-Fahrer Dale Jarrett zur Start-Ziel-Linie, um besagte Ziegel abzubusseln. Die spontane Aktion wurde zum Ritual, seither knutschen alle Sieger den Boden – oder Touristen, die mit Sightseeing-Bussen über die Strecke geschaukelt werden, um heroische Selfies zu machen. Am 30. Mai 2027 wird das nicht möglich sein. Da findet das 111. Indy 500 Rennen statt.

Anwalt lächelt herab

Weiter Richtung Westen. Auf der Interstate 70 erinnert die Landschaft an die italienische Po-Ebene. Die US-Highways sind durchgehend gesäumt von riesigen Reklametafeln. Am häufigsten werben hier Fast-Food-Ketten und interessanterweise Anwälte. Sie blicken mit ernster oder vertrauensvoller Miene in Godzilla-Größe herab und sprechen Unfallopfer direkt an: „Hurt in a car? Call John!“ Das amerikanische Rechtssystem ist extrem auf Schadenersatzklagen ausgelegt, die bei Erfolg oft riesige Summen einspielen. Bei den meisten handelt es sich um Personal Injurie Lawyers, die nach dem Prinzip „No Win, No Fee“ agieren. Will heißen, sie arbeiten rein auf Erfolgsbasis. Verlieren sie, zahlt der Mandant keinen Penny. Bei Gewinn streicht die Kanzlei zwischen 33 und 40 Prozent der Schadenersatzsumme ein. Da nicht selten Millionen fließen, lohnt sich so ein Mega-Plakat manchmal schon durch einen einzigen Fall. Uns catchen mehr wiederkehrende Werbeschilder für „Boot City“, einen gigantischen Westernstore südlich der Stadt Terre Haute. Das Geschäft ist so groß wie eine doppelstöckige Hofer-Filiale. Cowboyboots, Stetson Hüte, Lederwaren, Arbeitskleidung. Die Auswahl ist enorm, kaum möglich, sich dem Kaufanreiz zu entziehen. Das eigentliche Problem: die Böck in den Koffer zu bringen und später eine passende Gelegenheit zu finden, sie möglichst unlächerlich zu tragen. Ok, vielleicht im Fasching oder mal beim Taylor Swift Konzert (falls man da hin mag).

Werbung ist alles. The bigger the better. Und der Schuh-Laden hat die Größe eines doppelstöckigen Hofer.

Endlich die 66!

Illinois! Im kleinen Städtchen Edwardsville erwartet uns Tourismus Managerin Grace Sacry in der restaurierten West End Tankstelle an der Route 66. Sie war eine der ersten, die gleich nach der Zertifizierung der Straße 1927 gebaut wurde, erzählt sie. Heute finden hier regelmäßig Events statt, von der Autorenlesung bis zur Vermittlung herrenloser Hunde. Hier versammelt sich die Community, die hierzulande übrigens nicht „Route 66“ sagt, die Aussprache klingt eher wie „Road 66“. Durch den Midwestern Accent wird das End-T oft zu einem Knacklaut („Glottal Stop“) verschluckt oder so vernuschelt, dass es wie ein weiches D klingt. Dadurch wird aus „Rowt“ schnell im Satz gesprochen zu „Rawd“, was für europäische Ohren ähnlich wie „Road“ klingt.

Wie auch immer, die Sechsundsechzig ist nicht bloß eine Straße, sie ist eine Lebenseinstellung. Orte und deren Menschen, die sie kartografisch oder mental berühren, verinnerlichen sie als Gefühl. Man ist stolz auf die Tradition, fühlt sich ihr verbunden. Die good old 66 bietet Zuflucht und Heimat. Das spürt man auch ein paar Meilen weiter in Granite City am Electric Neon Sign Park. Wie Denkmale stehen da drei historische Leuchtschilder, zwei Murals (Wandmalereien) und eine stilisierte Darstellung der Chain of Rocks Bridge. Dazu ein kleiner, grüner Dinosaurier, das frühere Maskottchen der Sinclair Oil Corporation. Die Schilder stehen für die vergangene Ästhetik der alten Straße, die drei E-Ladesäulen gegenüber für das nüchterne Heute. Ein echtes Juwel finden wir gleich um die Ecke, die „Novel Idea’s Board Gamery“. Brenda Whitaker hat hier ein innenarchitektonisches Kleinod erschaffen, Bücherei, Café, Bar, Spielezimmer. Die charmant kleinteilige Einrichtung voller Devotionalien ist eine Sensation, genauso wie Brenda selbst, die im Nebenzimmer auch noch ein Route-66-Podcaststudio betreibt. Das alles muss man einfach lieben. Und den Pink Elephant. Ein riesiger rosa Elefant steht vor einem Antique Mall zwischen einem alten Polizei- und einem Feuerwehrauto, in dem lustige Skelette sitzen. Jene herrliche Mischung aus Kitsch, Nostalgie und amerikanischer Fantasie, die man entlang der Route 66 immer wieder findet. Die Antiquitätenhalle sieht zuerst nach Kraut und Rüben aus, stellt sich bei genauerem Hinsehen aber als strukturiert, sortiert und staubfrei heraus. Der vielleicht aufgeräumteste Trödelmarkt der Welt. Helga, klein, kurzes graues Haar, Nickelbrille, steht neben einem sprechenden Donald-Trump-Automaten an der Kasse. Die ältere Dame begrüßt uns quirlig auf Deutsch mit amerikanischem Akzent. Sie kommt aus Hannover, der Liebe wegen zog sie vor über 40 Jahren in die Staaten. Kürzlich war sie nochmal in Deutschland, sie will aber endgültig nicht mehr zurück: „Dort kann man ja gar nicht mehr in Ruhe leben, alles ist mittlerweile verboten.“ In den USA begegnen einem Senioren wie Helga an jeder Ecke. Sie sitzen an Museumskassen, bewachen Sehenswürdigkeiten und arbeiten bei Veranstaltungen als Volunteers oder Helping Hands. Lächelnd nehmen sie weiterhin aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Anders als bei uns, ist Alter kein Tabu, auch im Berufsleben nicht. Über eine Rechtsanwaltsgehilfin Ü-80 wundert sich hier keiner, ebenso wenig wie über die nette Flugbegleiterin mit 72 Lenzen. Wer noch gesund ist und arbeiten will, kann das tun, voll akzeptiert bis ins hohe Alter. Finden wir gut.

Schwarzer Ford-Pick-up unter dem Vordach einer historischen Tankstelle neben Illinois- und Route-66-Schildern
Pink Elephant, Trump-Automat. Und tanken ist trotz ihm noch immer sehr günstig.

„Heute finden hier regelmäßig Events statt, von der Autorenlesung bis zur Vermittlung herrenloser Hunde. Die Route 66 ist nicht bloß eine Straße, sie ist eine Lebenseinstellung.“

Du wirst zum Trucker

Nach einem Stop im Ariston Cafe in Litchfield (seit 1935 an der Route 66) hält der Ford F 150 Kurs auf Springfield. Das Auto fährt sich null wie ein grober Lastwagen, eher wie eine S-Klasse. Geschmeidige Servolenkung, bequeme Ledersitze, Sofa-Federung. Der bewährte Coyote-5.0-Achtzylinder ist lustigerweise genau das Aggregat, das – anders abgestimmt – auch im Mustang GT arbeitet. Den 2,5 Tonner bewegt die seidenweiche Maschine mittels 10-Gang-Automatik in knapp 6 Sekunden auf Hundert und macht abgeregelt 170 km/h Spitze. Weil die Straßen Nordamerikas so groß sind, zum Teil bis zu 26-spurig (!), wirkt der Pickup weder überdimensioniert, noch fährt er sich klobig. Trotzdem fühlen wir uns wie Trucker, hören The Beaver, eine Countrymusic Station mit Willie Nelson-Sound und grüßen kollegial rüber in die Kabinen der Kenwood, Mack, White und Peterbilt Trucks. Ja, wir gehören dazu (reden wir uns ein).

Entgegen dem optischen Eindruck dürfen US-Trucks im normalen Standardverkehr deutlich weniger Gewicht auf die Straße bringen als LKW in Europa. Um Brücken und Highways zu schonen, wird das Gewicht (max. 36,6 t, bei uns 40 t) in den USA über eine größere Fahrzeuglänge gestreckt (nur der Auflieger bis zu 24 m, bei uns Gesamtlänge inkl. Zugfahrzeug max. 16,5 m). Da die Zugmaschine (Tractor) beliebig lang sein darf, bauen US-Hersteller die ikonischen Langhauber mit riesigen Schlafkabinen und langer Motorschnauze. Besonders lange Road Trains, wie die Turnpike Doubles, sprengen die Dimensionen. Hierbei zieht eine Zugmaschine zwei Sattelauflieger hintereinander, verbunden durch eine Zwischenachse, den sogenannten Dolly. Allein die Trailer kommen zusammen auf rund 30 Meter. Rechnet man den Tractor dazu, knackt das Gespann locker die 35 Meter. Sie fahren vor allem im Osten der USA auf den großen, flachen Mautstraßen, wie dem Ohio Turnpike, Indiana Toll Road oder dem New York Thruway. Weitere Zug-Kombinationen nennen sich Triple Trailers (drei kleine Anhänger) oder Rocky Mountain Doubles (ein großer + ein kleiner Anhänger). Die Highways sind ein großes Kino, alles scheint möglich. Motorhomes ziehen mittels Achse oder Stange einfach einen Personenwagen hinterher, für den Umzug hängt man sich einen U-HAUL Anhänger ans Auto. Es gilt das One-Way-Prinzip: mieten, beladen und am Zielort abgeben. Machen die dort seit 80 Jahren so.

Auch Trucks haben hier eine gewisse Größe, dürfen aber weniger schleppen als bei uns.

Leben ohne Radar

Radarkontrollen sind hier selten, feste Blitzer gibt es in Kentucky tatsächlich gar keine. Sie gelten rechtlich als illegal, in Indiana und Illinois sind sie lediglich an Baustellen erlaubt. Selbst die Autobahn-Cops halten sich unaufdringlich im Hintergrund. Irgendwie fährt es sich beim Speedlimit von 70 Meilen (rund 113 km/h) viel entspannter als auf den Drängel-Autobahnen bei uns. Überholen geht auf jeder Spur, egal ob rechts oder links. Man fährt vorbei oder nicht. Trotz Tempolimit fühlt sich das Freiheitsgefühl größer an. Wir singen „On the Road again…“.Bei Motorheads Bar & Grill treffen Route-66-Nostalgie und amerikanisches Comfort Food auf eine umfangreiche Sammlung alter Autos, rostige Retro-Blechteile und Memorabilia. Verzehr-Tipp: bestellt keine Chicken Wings, wenn ihr euch mit einer oder mehreren Personen am Tisch unterhalten wollt. Der Kampf mit BBQ Sauce, abgenagten Knochen und Bergen kontaminierter Servietten macht jede Konversation unmöglich (sorry Angela von Visit Springfield – wir üben das zivilisierte Essen nochmal). Bei Auburn, südlich von Springfield, trifft man auf einen der seltenen Originalabschnitte der Route 66. Hier ist die Straße noch mit Ziegeln gepflastert. Die roten Steine sind uneben, der Abschnitt schmal. Wenn man über die Schnauze des Ford Trucks blickt, sieht man das kurvige Band. Ein Stück Straße, auf der früher tatsächlich der Verkehr Richtung Westen rollte. Packards, Lieferwagen mit langer Motorhaube und runden Augen-Scheinwerfern, Chevys und Plymouth Belvedere. Wie das damals wohl hier zuging? Gedanken schweifen, Gänsehaut…

„Bestellt keine Chicken Wings, wenn ihr euch am Tisch unterhalten wollt. Der Kampf mit BBQ Sauce, abgenagten Knochen und Bergen kontaminierter Servietten macht jede Konversation unmöglich.“

WtF sind Horseshoes?

Nach dem Brunch im Incredibly Delicious, einem bezaubernden Café franko-kanadischer Betreiber in einer restaurierten Kirche, erwartet uns Dennis Bringuet, ehemaliger Chef der Schilderfabrik Ace Sign Company. Seit über acht Jahrzehnten prägt das Familienunternehmen die visuelle Identität der Route 66 mit legendären Neon-Signs, wie für Mel-O-Cream Donuts oder das A. Lincoln Motel. Dennis erzählt, dass noch immer erstaunlich viele Kunden echte Neonschilder ordern, weil sie einfach schöner strahlen als die modernen LEDs. Dass die Factory trotzdem zeitgemäß aufgestellt ist, zeigt ein von Ace folierter Tesla Cybertruck hinter der Fertigungshalle. Springfield ist die Geburtsstadt von Abraham Lincoln. Der 16. Präsident der Vereinigten Staaten gilt als einer der bedeutendsten Staatsmänner der amerikanischen Geschichte. Er führte das Land bis zu seiner Ermordung im April 1865 durch die schwere Zeit des Bürgerkriegs. Sein Leben wird im Abraham Lincoln Presidential Museum Springfield mit modernsten Hologramm- und Immersiv-Projektionen dargestellt. Museum können die Amerikaner verdammt gut. Lediglich gibt’s sämtliche Texte, Vorträge und Filme meist nur in einer einzigen Sprache: Englisch. Der Stolz auf Abraham ist jedenfalls zurecht groß, die Lincoln-Mania Bundesstaaten-weit erheblich. In fast jedem Örtchen steht ein Denkmal zu Ehren des Präsidenten, der genau dort – so sagt man – weiland mal eine Pinkelpause einzulegen pflegte oder ein Würschtl zu essen beliebte. Wäre er früher erfunden worden, hätte Abraham bestimmt auch der frittierte Corn Dog am Holzstab geschmeckt. Im Cozy Dog Drive In gehört er leider erst seit 1946 zum Programm – 80 Jahre zu spät für Abe. Ed Waldmire entwickelte seine persönliche Variante des Würstchens im Maisteig und machte daraus ein Stück Fast-Food-Geschichte. Kulinarisch ist das überschaubar, für Springfield ist’s Kulturgut, ähnlich wie Horseshoes, die man bei Obed&Isaac’s serviert. Was zum Henker ist das? Sie sehen aus wie ein platter Hamburger, bestehen aus Toast, Fleisch, Pommes und Käsesauce. Den Namen verdankt das Gebilde der ursprünglichen Form des Schinkens, der hufeisenförmig auf dem Toast thront. Die Pommes stellen die Nägel dar. Heilige Maria, mehr Kalorien passen kaum auf einen Teller.

„Die Lincoln-Mania ist erheblich. In fast jedem Örtchen steht ein Denkmal zu Ehren des Präsidenten, der genau dort – so sagt man – weiland mal eine Pinkelpause einzulegen pflegte oder ein Würschtl zu essen beliebte.“

Pontiac – Stadt, Auto, Indianerhäuptling

Etwas weiter nördlich im Städtchen Pontiac/Illinois begegnen wir dem Vermächtnis von Cozy Dog Waldmires Sohn Bob. Im Route 66 Hall of Fame Museum ist sein orangefarbener VW-Bus ausgestellt, mit dem der Künstler und Freigeist jahrzehntelang auf der Kultstraße unterwegs war. Genau dieser T2 Bully diente als Inspiration für den Hippie-Bus Fillmore im Pixar-Film Cars. Ursprünglich wollte Pixar den Charakter sogar „Waldmire“ nennen, doch der überzeugte Veganer und Umweltschützer verweigerte die Namensrechte. Grund war die Marketingkooperation des Filmstudios mit McDonald’s. Waldmire lehnte es ab, seinen Namen für den Verkauf von Fleischprodukten und Plastikspielzeug in Happy Meals instrumentalisieren zu lassen. Er kämpfte zeitlebens gegen Großkonzerne, die den lokalen Familienbetrieben an der Route 66 die Existenz raubten. Pixar benannte die Figur in Fillmore um. Als Hommage blieb in Cars das „Cozy Cone Motel“ als Anspielung auf das Cozy Dog Drive-In in Pontiac. Obwohl die Stadt in Illinois nicht Namensgeber der gleichnamigen Automarke ist (das ist Pontiac in Michigan, welches wiederum nach Pontiac, dem Indianerhäuptling benannt wurde), beherbergt sie wegen der Namensgleichheit das Pontiac-Oakland Automobile Museum. Dort sieht man eine feine Sammlung historischer Fahrzeuge der Marke, darunter den herrlichen „Firebird“ aus den Siebzigern. Für verzweifelte Schrauber gibt’s eine Bibliothek mit Bedienungsanleitungen schier sämtlicher je gebauter Pontiac Modelle.

Unser Pickup parkt derweil vor dem Museum an einer der Parkuhren. Die alten funktionieren noch mit Coins, viele schon mit Kreditkarte. Wir entdecken einen Aufkleber mit QR Code, wollen nachzahlen. Zur Überraschung öffnet sich statt der Zahlungsaufforderung ein Link zu einer Jesus-Community. „Jesus is coming back!“ Jetzt echt, zu dieser Parkuhr? Klerikales Marketing, geschickt platziert. Ein Grinsen wandert nach oben Richtung Wolken – und die 25 Cent Münze in den Slot. Bevor es nach Chicago geht, Stop bei Wally’s, einer gigantischen Mega-Tankstelle. Ähnlich wie Buc-ee’s aus Texas gibt es hier neben 72 Zapfsäulen ein riesiges Gebäude mit Erlebnis-Supermarkt. Alles dreht sich um den „Great American Road Trip“ mit Burgerstation, Popcorn und Souvenirs. Wem das zu heavy ist, der kehrt lieber im Old Log Cabin Restaurant ein, ein klassisches Roadhouse in Blockhausoptik, wie es entlang der alten Route einst viele gab. Es gibt Pasta mit Tomatensauce und klassisches Schweinekotelett, nach dem Fast-Food-Overkill mal eine willkommene Abwechslung. Unnachahmlich ist bei der Fahrt über die 66 die Abwechslung zwischen modern (Wally’s), alt (Log Cabin) und super alt, wie der Ambler Becker’s Texaco Station in Dwight. 66 Jahre lang versorgte sie Reisende mit Benzin, bevor 1999 die Zapfsäulen stillgelegt wurden. Von den historisches Gas Stations am längsten in Betrieb, dient sie heute als Welcome Center. Statt Tankquittungen gibt es Geschichten, historische Fotos und eine große Karte, auf der Besucher aus aller Welt ihre Herkunft markieren dürfen. Ein motorblock Fähnchen steckt jetzt auch dran. Volunteer Scott Sand zeigt uns eine Wandhalterung, in der noch handgeschriebene Service-Karteikarten für damalige Werkstattaufträge stecken. Er schüttelt den Kopf: „Kaum zu glauben, es sind noch eine ganze Menge unbezahlter Rechnungen dabei!“

„Zur Überraschung öffnet sich statt der Zahlungsaufforderung ein Link zu einer Jesus-Community. Klerikales Marketing an der Parkuhr, geschickt platziert.“

Wer erinnert sich noch an Smokey and the Bandit?

Die alte Tanke.

Ist ein Mini-Riese noch ein Riese?

Kurz vor Chicago taucht in Wilmington der Gemini Giant auf. Restaurantbesitzer ließen ihn 1965 als Astronauten mit einer Rakete bauen, um auf den US-Weltraum-Hype aufzuspringen. Der Bildhauer Bob Prewitt hatte 1962 den ersten Riesen als Blickfang für ein Café an der 66 in Arizona entworfen. In Massenproduktion wurden die sogenannten Muffler Men zu Hunderten als Werbeträger für Autowerkstätten, Restaurants oder Tankstellen entlang der Route 66 als eyecatchende Road Attractions aufgestellt. Bis zu acht Meter hoch, bestehen sie aus Fiberglas. Der Gemini Giant steht heute im South Island Park, wenige Schritte von The Landing Pad, einem Souvenirshop für Route-66-Nostalgiker. Das Thema Giftshops würden mal eine eigene, große Geschichte rechtfertigen. Merchandising ist in den Staaten eine monumentale Industrie. Es beschleicht einen gar das Gefühl, dass die Shops in Museumsgebäuden im Grunde teilweise interessanter sind als die Museen mit ihren Ausstellungsstücken selbst. Manche nennen sie Marktplatz des physisch gewordenen PR-Irrsinns, wir tendieren eher zu Suchtstätten für das Unnütze. Denn süchtig macht dieser herrliche Merch-Mix aus T-Shirts, Kühlschrankmagneten, Tassen und Caps. Natürlich kauften wir einen Miniatur-Riesen (Miniatur – Riese – wie blöd ist das denn?) und zwei Blechschilder. Zur Route 66 gehört immer auch die Werbe-Show: je bunter und schräger, desto besser.

„Es beschleicht einen gar das Gefühl, dass die Shops in Museumsgebäuden im Grunde teilweise interessanter sind als die Museen mit ihren Ausstellungsstücken selbst.“

Chicago

Der bisher gelassene Verkehr wird langsam hektischer. Chicago liegt vor uns. Die Hochhäuser der Downtown, zuerst sind sie als ganz kleiner Block am Horizont zu erkennen. Schnell gewinnen sie an Größe und Höhe, werden letztlich riesig. Der zähe Stadtverkehr sagt uns, wir sind da. Historisch ist die Stadt der östliche Ausgangspunkt der Route 66. Von hier aus führte die Mother Road über Illinois und sieben weitere Bundesstaaten bis nach Kalifornien. Unser Trip dreht die Perspektive um: wir kommen aus dem Westen und rollen in jene Stadt hinein, von der die Reise meist ihren Anfang nimmt. Chicago, ein passender Schluss für den Roadtrip. Die Windy City ist ein Architektur-Lehrbuch in XXL: Wolkenkratzer aus Stahl und Glas neben historischen Backsteinbauten, der Chicago River, breite Boulevards, der Millennium Park und der bis nach Kanada ausladende Lake Michigan. Der Ford F-150, der uns auf der Interstate eben noch richtig zierlich vorkam, ist für den urbanen Dschungel nicht gemacht. Abgesehen davon, dass man sich mit dieser Ladefläche in der City wie ein verirrter Schweinebauer vorkommt, ist das dicke Ding in den Häuserschluchten einfach zu unpraktisch. Die Rückgabe bei National in der North Lasalle Street wird zur Herausforderung. „Finden Sie zwischen den Hochhäusern bitte die Einfahrt zur Tiefgarage und schaffen Sie es, in das winzige Loch hineinzufahren – um 6:00 pm schließt die Mietwagenrückgabe.“ Nach nur drei Block-Umrundungen und sieben Mal rangieren: Ziel um 5:58 pm erreicht. Das ultimative Panorama-Erlebnis bietet ein Zimmer im The Godfrey Hotel Chicago. direkt vor dem Fenster liegt die unfassbare Skyline, die minütlich in andrem Licht erscheint. Das Dinner mit anschließendem Bar-Ausklang nimmt man im mondänen Restaurant I|O Godfrey auf dem Dach des Hotels ein, perfekt für das typische Chicagoer Rooftop Erlebnis. Alle wichtigen Sightseeing Attraktionen bündelt der CityPass, zum Beispiel die Architektur-Bootsfahrt über den Chicago River durch das Wolkenkratzer-Meer. Danach hat man zwar einen steifen Nacken vom Hochstarren, aber an Bord gibt es zur Lockerung Cocktails und frisches Draft-Bier vom Fass. Den ganz derben Höhen-Kick bietet das Skydeck, eine gläserne Aussichtsplattform im 103. Stock des 442 Meter hohen Willis Tower. Menschen mit Höhenangst essen da lieber ebenerdig eine käsig-gehaltvolle Chicago-Style Pizza bei Lou Malnati’s in der Michigan Ave. Oder ein exzellentes, durchaus bezahlbares Steak im Weber Grill Restaurant in der N. State Street. In der Küche stehen riesige Edelstahl Holzkohlegrills, tatsächlich ist Weber ein ur-amerikanisches Unternehmen, 1893 in Chicago gegründet. Seit 1951 bauen sie die runden Kugelgrills. Tipp: Fragt Restaurantchef Vladimir Radojevic unbedingt nach dem Prime Bone-In New York Strip Steak (18oz. Angus Beef) und den BBQ Baby Back Spareribs mit Chilisauce – they really fall of the bone. Für’s aufregende Chicago mit noch mehr Adventure & Steaks waren zwei Roadtrip-Tage zu kurz. We’ll be back.

„Finden Sie zwischen den Hochhäusern bitte die Einfahrt zur Tiefgarage und schaffen Sie es, hineinzufahren – um 6:00 pm schließt die Mietwagenrückgabe.“

Bye Bye 66

Der bekannteste offizielle Startpunkt der Route 66 liegt in der East Adams Street, westlich der Kreuzung zur South Michigan Ave. Das markante braune „Begin Historic Route 66“-Schild prangt schräg gegenüber dem Art Institute of Chicago. Seit 1955 gilt diese Stelle als Startpunkt für alle, die nach Westen aufbrechen. Zum 100-jährigen Jubiläum wurde der Startpunkt allerdings symbolisch an das Chicago Navy Pier verlegt. Damit schuf man eine direkte Pier-zu-Pier-Verbindung mit dem offiziellen Endpunkt am Santa Monica Pier in Kalifornien. Fünf Biker aus Österreich sind allesamt zum ersten Mal in den USA. Sie machen zum Start gerade Selfies. Unser Tipp: „Meidet Souvenirshops. Um den Plunder zu transportieren, bräuchtet ihr nen Pickup.“

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