Rinspeed schickt einen humanoiden Roboter quer durch die Schweiz. Gelenkt wird das Auto von Menschen. Genau darin liegt die Pointe.
Auf den Punkt:
Rinspeed-Gründer Frank M. Rinderknecht hat den humanoiden Roboter GIGI im Juli 2026 auf die „Tour de Suisse Robotique“ geschickt, von der ETH Zürich über die Emmentaler Schaukäserei bis zum Rheinfall. Transportmittel war ein vollelektrischer Hyundai Inster mit 115 PS und 49-kWh-Akku, gelenkt von Menschen. Der Roboter war Passagier, nicht Pilot. In Österreich kostet der Inster laut Preisliste ab 26.990 Euro, die vielzitierten 20.990 Euro sind ein Aktionspreis mit bis zu 6.000 Euro Bonuspaket.
2009 saß Bruce Willis in „Surrogates“ daheim in der Liege und jagte trotzdem einen Mörder. Das Laufen, Reden und Riskieren erledigte sein makelloser Roboter-Doppelgänger, während der echte, gealterte Willis im abgedunkelten Wohnzimmer verkabelt vor sich hin dämmerte. Ich habe den Film damals im Kino gesehen und für maßlos übertrieben gehalten.
17 Jahre später schickt ein Schweizer tatsächlich einen humanoiden Roboter auf große Fahrt. Nur läuft die Sache genau umgekehrt: Nicht der Mensch bleibt daheim, sondern die Maschine wird spazieren geführt. Die erste Reaktion darauf muss nicht Staunen sein. Sie darf auch die Frage sein, die Rinderknecht in seiner Aussendung gleich selbst stellt: Brauchen wir das wirklich?

Was ist die Tour de Suisse Robotique?
GIGI ist ein humanoider Roboter auf Basis eines Unitree G1, wissenschaftlich betreut im SIRA Lab der ZHAW School of Management and Law. Geleitet wird das Projekt von Professorin Theresa Schmiedel, Chefin des Instituts für Wirtschaftsinformatik. Kennengelernt haben sich Roboter und Mäzen heuer im Jänner beim WEF in Davos, wo Rinderknecht, seit Jahrzehnten Kopf des Zürcher Mobility Think Tanks Rinspeed, offenbar sofort angebissen hat.
Im Juli ging es los: ETH Zürich, EPFL Lausanne, SUPSI Lugano, dazu das Bürgenstock Resort, die Emmentaler Schaukäserei, das Chocolarium von Maestrani, das Rechenzentrum QuantumBasel und, weil das in der Schweiz Pflicht ist, der Rheinfall. Eine Fahrt mit dem Dampfschiff „Unterwalden“ über den Vierwaldstättersee war auch dabei. Es ging ausdrücklich nicht um Technik-Höchstleistungen, sondern darum, wie Menschen im Alltag auf so ein Wesen reagieren. Vom Quantenrechner zur Schaukäserei an einem einzigen Vormittag: Schweizer als das geht es nicht mehr.
Ein Auto fährt, der Roboter lernt
Der Unterschied zu „Surrogates“ ist der entscheidende: GIGI hat keinen einzigen Meter selbst gelenkt. Er wurde zwischen den Stationen in einem vollelektrischen Hyundai Inster chauffiert. 84,5 kW, also 115 PS, 147 Nm, 49-kWh-Akku, bis zu 370 Kilometer WLTP-Reichweite. Kein Roboterauto also, sondern ein ganz normaler City-Stromer mit einem Menschen am Volant.
Bemerkenswert ist das, weil ausgerechnet Rinderknecht seit Jahren das Gegenteil predigt. Seine Studien „XchangE“ (2014) und „Budii“ (2015) waren als rollende Wohnzimmer fürs autonome Fahren gedacht, der „Etos“ von 2016 kam mit Drohnen-Landeplatz am Heck und einem Lenkrad, das auf Knopfdruck im Armaturenbrett verschwindet. Zehn Jahre später lässt derselbe Mann seinen Roboter klassisch kutschieren. Der Mensch bringt die Maschine an die Hand, nicht umgekehrt. Beruhigender kann eine Zukunftsvision kaum ausfallen.

Was kostet der Hyundai Inster in Österreich?
Hier wird es für heimische Leser interessant, und hier hat die Schweizer Aussendung eine kleine Falle eingebaut. Das Tour-Fahrzeug war ein „Vertex“, die eidgenössische Topausstattung. Die gibt es in Österreich schlicht nicht. Hyundai Austria führt Smart Line, Comfort Line und Cross Line, ein „Vertex“ oder „Prime“ steht in keiner heimischen Preisliste.
Der Blick in eben diese Preisliste, Stand Juli 2026: Smart Line mit 42-kWh-Akku ab 26.990 Euro, die 49-kWh-Version mit den 115 PS aus der Schweizer Tour ab 28.990 Euro. Comfort Line 49 kWh kostet 31.490 Euro, als Fünfsitzer 31.790 Euro. Wer die Outdoor-Optik will, zahlt für die Cross Line 33.590 Euro. Für einen 3,83 Meter kurzen Stadtwagen ist das kein Pappenstiel, im Vergleich zur elektrischen Kleinwagen-Konkurrenz aber sauber positioniert.
Und die 20.990 Euro, die auf jedem zweiten Inserat prangen? Das ist ein Aktionspreis für die Smart Line, in dem bis zu 6.000 Euro Hyundai-Superbonus stecken, zusammengesetzt aus Eintausch-, Zusatzeintausch-, Finanzierungs- und Versicherungsbonus. Wer kein Altfahrzeug eintauscht, nicht über Denzel Leasing finanziert und seine Kasko woanders hat, sieht diesen Preis nie. Das ist keine Schummelei, sondern Branchenüblichkeit. Man sollte es nur wissen, bevor man beim Händler steht.
NoVA fällt bei einem reinen E-Auto keine an, 0 Gramm CO2 ergeben 0 Prozent. Eine staatliche Kaufprämie gibt es dagegen nicht mehr. Der E-Mobilitätsbonus für Pkw war schon Anfang 2025 budgetär ausgeschöpft, das Nachfolgeprogramm förderte nur noch E-Zweiräder und Ladeinfrastruktur und ist mit 31. März 2026 endgültig ausgelaufen. Was bleibt, sind NoVA-Befreiung, null Sachbezug beim Firmenauto und niedrige Betriebskosten. Und, der Ehrlichkeit halber: Gefahren sind wir den Inster noch nicht. Ein Test steht aus.

Was hat das mit unseren Autos zu tun?
Die spannende Frage ist nicht, ob ein Roboter durch die Schweiz reisen darf. Sie lautet, wie viel Entscheidung wir an Maschinen abgeben wollen. Und die stellt sich nicht in Zumikoner Konzeptwerkstätten, sondern in jedem Neuwagen, der bei uns vom Hof rollt.
Der Inster hat schon in der Basis adaptiven Tempomaten mit Stop-and-Go-Funktion, Spurhalte- und Spurfolgeassistent, Notbremsassistent und Autobahnassistent an Bord. Ein Kleinwagen um knapp 27.000 Euro, der auf der Südautobahn längere Passagen weitgehend allein durchhält. Das ist Level 2 nach dem SAE-Standard, den wir hier schon einmal in seine fünf Stufen zerlegt haben. Echtes Level 4 oder 5, bei dem das Auto ohne uns auskommt, bleibt auch 2026 Zukunftsmusik. Zwischen der Show eines Roboter-Roadtrips und dem tatsächlichen Stand der Technik liegen, wie so oft auf der CES und anderswo, ein paar Jahre Marketing-Vorsprung.
Fortschritt ja, aber nicht um jeden Preis
Rinderknecht liefert die Botschaft gleich mit: Technologie solle dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Dem ist wenig hinzuzufügen, außer der Beobachtung, dass genau das schon in der Anlage der Tour steckt. Ein Roboter, der erst lernen muss, wie man mit Menschen redet, während der Kleinwagen daneben längst selbständig einparkt, ist kein Menetekel. Er ist ein Forschungsprojekt, das ehrlich zugibt, am Anfang zu stehen. Sympathisch.
Die Gefahr liegt nicht darin, dass GIGI uns zu viel abnimmt. Sie liegt darin, dass wir uns an die kleinen, unspektakulären Abnahmen im eigenen Auto so sehr gewöhnen, dass wir irgendwann nicht mehr merken, wie viel Entscheidung längst nicht mehr bei uns liegt.
| Leistung | 84,5 kW / 115 PS (49-kWh-Version) |
| Drehmoment | 147 Nm |
| Batterie | 49 kWh (alternativ 42 kWh mit 71,1 kW / 97 PS) |
| Reichweite (WLTP) | bis zu 370 km |
| Laden | DC 10 auf 80 Prozent in rund 30 Minuten, AC 11 kW |
| AT-Listenpreis | ab 26.990 Euro (Smart Line 42 kWh), 28.990 Euro (Smart Line 49 kWh) |
| Topversionen AT | Comfort Line 49 kWh ab 31.490 Euro, Cross Line ab 33.590 Euro |
| Aktionspreis | ab 20.990 Euro inkl. bis zu 6.000 Euro Hyundai-Superbonus |
| NoVA | 0 Prozent (reines E-Fahrzeug) |
| Kaufprämie | keine, Bundesförderung für E-Pkw ausgelaufen |
Quelle: Hyundai Austria, Preisliste Juli 2026. Alle Werte nach WLTP.
Motorblock-Fazit
Die Tour de Suisse Robotique ist gelungenes Forschungstheater und noch bessere PR. Ein Beweis dafür, dass uns humanoide Roboter demnächst auf der A2 begegnen, ist sie nicht. Der Hyundai Inster kommt dabei als das durch, was er ist: ein sehr vernünftiger, sehr gut ausgestatteter City-Stromer, ab 26.990 Euro fair bepreist, solange man den Aktionspreis als das liest, was er ist. Die eigentliche Lehre für uns als Autoland ist eine andere. Der stillere Roboter sitzt längst in jedem Kompakten, er heißt Fahrassistenzsystem, und er interessiert uns viel zu wenig. Braucht es Roboter-Roadtrips wie diesen? Nicht zwingend. Braucht es die Debatte, die sie anstoßen? Sehr wohl.
TEXT: Gregor Josel




