Zwei Wochen im elektrischen Mercedes-Benz GLC 400 4MATIC: Warum der kleine Vierzylinder mit Hybrid-Krücke daneben plötzlich wie ein Fossil wirkt.
Das Wichtigste in Kürze
- Mercedes-Benz GLC 400 4MATIC mit EQ Technologie: 489 PS, 94-kWh-Batterie, 800-Volt-Technik
- Laden mit bis zu 330 kW, von 10 auf 80 Prozent in rund 22 Minuten (Herstellerangabe)
- Reichweite: 629 km nach WLTP, im Alltag gut 500 km
- Preis in Österreich ab 72.450 Euro, NoVA-frei
AUF DEN PUNKT: Der Mercedes-Benz GLC 400 4MATIC mit EQ Technologie kombiniert 489 PS, eine 94-kWh-Batterie und 800-Volt-Technik mit bis zu 330 kW Ladeleistung. Im Alltag heißt das: gut 500 echte Kilometer Reichweite und Ladestopps, die kaum länger dauern als ein Kaffee. In Österreich startet er bei 72.450 Euro, NoVA-frei. Nach zwei Wochen am Steuer sagen wir: Mercedes ist auf dem richtigen Weg, und der Verbrenner hat ein Problem.
Wer im Naturhistorischen Museum vor dem Dinosaurierskelett steht, denkt sich: imposant, keine Frage. Aber die Zeit ist halt drübergegangen. Ohne Erbarmen. Genau dieses Gefühl hat mich beschlichen, als ich nach zwei Wochen im elektrischen GLC wieder in einen ganz normalen Verbrenner gestiegen bin. Kleiner Vierzylinder-Turbo, ein bisserl Mild-Hybrid zur Gewissensberuhigung, Start-Stopp, das obligate Brummen beim Anfahren. Funktioniert alles. Fühlt sich aber an wie eine Zeitreise, nur leider in die falsche Richtung.

Die alten Ausreden für den Verbrenner, Reichweite, Ladezeit, die Angst vor der kaputten Säule zwischen Liezen und Leoben, räumt der GLC 400 4MATIC nüchtern ab. Mit Zahlen, nicht mit Prospektlyrik.
Und dann ist da noch die Sache mit der Wallbox. „Ohne Steckdose daheim zahlt sich ein E-Auto nicht aus“, höre ich ständig. Darauf eine Gegenfrage: Wer von uns hat eigentlich eine Zapfsäule im Carport stehen? Oder in der Tiefgarage? Eben. Mit über 500 realen Kilometern pro Ladung und Ladeleistungen jenseits der 300 kW ist der Schnelllader schlicht die neue Tankstelle. Daheim laden ist bequem und billiger. Pflicht ist es nicht mehr.
Wer von uns hat eigentlich eine Zapfsäule im Carport stehen?
Wie weit kommt der Mercedes GLC 400 4MATIC wirklich?
Im Unterboden stecken 94 kWh nutzbare Energie. Nach WLTP reicht das für 629 Kilometer, so steht es im Datenblatt unseres Testwagens in AMG Line, sparsamere Konfigurationen schaffen am Papier gut 700. Die Norm ist die Norm, die Westautobahn ist die Westautobahn: Realistisch liegt der Verbrauch im gemischten Betrieb bei 18 bis 20 kWh auf 100 Kilometer, das ergibt gut 500 Kilometer. Bei konsequentem Tempo 130 und etwas drüber sind es eher 400 bis 450.
Übersetzt in österreichische Geografie: Wien – Salzburg geht ohne Stopp und ohne Herzklopfen. Wien- Bregenz braucht einen kurzen Halt, und der ist ohnehin fällig, weil die Blase inzwischen meist früher aufgibt als der Akku.
Laden in der Kaffeepause
Der eigentliche Trumpf heißt 800 Volt. Doppelte Spannung heißt halber Strom, weniger Wärme und damit mehr Ladeleistung über längere Zeit. Bis zu 330 kW nimmt der GLC am passenden Schnelllader auf, von 10 auf 80 Prozent vergehen rund 22 Minuten. Laut Mercedes sind in zehn Minuten Strom für etwa 300 Kilometer nachgeladen. Das ist die Zeit für einen Verlängerten und den Gang aufs WC.

Fußnote: Für ältere 400-Volt-Schnelllader braucht es ein Extra um 660 Euro, ebenso viel kostet der 22-kW-Bordlader statt serienmäßiger 11 kW. Beides hatte unser Testwagen an Bord, beides gehört angekreuzt. Und ja, natürlich muss es die Ladestation auch hergeben, aber selbst wenn das Auto nur mit 150kW lädt, reicht einmal Lulugehen und ein Cola im Shop kaufen, weil man schenkt die 70 Häusl-Cent ja sicher nicht her, um das Auto wieder für ein paar hundert Kilometer fit zu machen.
Zweieinhalb Tonnen mit Tanzkurs
489 PS, 800 Newtonmeter, 4,3 Sekunden auf 100. Vor zehn Jahren war das Sportwagen-Territorium. Zwei Elektromotoren treiben alle vier Räder an, der hintere mit Zweiganggetriebe für Punch beim Antritt und Effizienz auf der Autobahn.
Mehr als die Werte begeistert, wie souverän der GLC sie abliefert. Er beschleunigt mit der Selbstverständlichkeit eines Oberkellners im Landtmann, der sich nie beeilt und trotzdem als Erster am Tisch ist. Auf der Landstraße lenkt er präzise ein und versteckt seine rund 2,5 Tonnen erstaunlich gut. Ein Kurvenräuber wird aus einem SUV dieser Größe nie, ein bisserl Seitenneigung gehört dazu. Spaß macht er trotzdem.

Unser Testwagen fuhr mit dem serienmäßigen Komfortfahrwerk auf Stahlfedern, ohne Luftfederung, ohne Hinterachslenkung. Trotzdem bügelt er Kanaldeckel, Bodenwellen und Frostaufbrüche so weg, als hätte jemand die Straße vorher frisch asphaltiert.
Komfort und Platz: Langstrecke als Wellness
Elektrisch heißt leise, und der GLC treibt das auf die Spitze. Wind- und Abrollgeräusche bleiben draußen, die Sitze sind fürs lange Sitzen gebaut. Nach mehreren Stunden Autobahn steigt man aus, als käme man aus der Lounge und nicht aus dem Auto.
Der Radstand misst 2.972 Millimeter, rund acht Zentimeter mehr als beim Verbrenner-GLC. Das merkt man im Fond. Der Kofferraum fasst laut Mercedes 570 Liter, mit umgelegter Rückbank bis zu 1.740 Liter. Unter der Fronthaube wartet zusätzlich ein Frunk mit 128 Litern, perfekt für die Ladekabel. Dazu 2.400 Kilogramm Anhängelast, für ein Elektroauto eine Ansage.

Der Stern leuchtet wieder
Optisch hat Mercedes mit dem neuen GLC einen Treffer gelandet. Die Proportionen stimmen, die Linie ist gestreckt, und der beleuchtete Kühlergrill tritt selbstbewusst auf. Geschmackssache? Sicher. Mir gefällt’s, gerade nachts.

Innen zieht sich im Testwagen der MBUX Superscreen übers Armaturenbrett. Dazu kommen Burmester-3D-Sound und ein Panoramadach mit beleuchtetem Muster. Die Bedienung geht gut von der Hand, auch wenn echte Tasten rar sind, und die Materialien sind auf dem Niveau, das man sich von Mercedes erwartet und lange nicht immer bekommen hat.
Was nervt am elektrischen GLC?
Ich gebe es zu: Meine Lenkradhaltung würde keine Fahrschule durchgehen lassen. Die Daumen umgreifen gern die Speichen. Im GLC ist das eine schlechte Idee, denn genau dort sitzen die sehr sensiblen Touchflächen des Multifunktionslenkrads. Ergebnis: Beim Einlenken dreht man die Burmester-Anlage unfreiwillig auf, und plötzlich klingt Österreich 3 im Innenraum wie die Donauinsel beim Fest am Samstag um Mitternacht. Einmal ist das lustig. Beim zehnten Mal nicht mehr.

Nervfaktor zwei ist kein Mercedes-Spezifikum: übereifrige Parkassistenten. Bleiben in engen Lücken noch ein paar ehrliche Zentimeter zum Rangieren, legt das System den Wagen trotzdem schlagartig lahm. Wer nicht im Schneckentempo einparkt, kassiert einen harten Bremsruck, als hätte der GLC eine Panikattacke vor dem Randstein. Gut gemeint, keine Frage. Aber wer vergisst, die Funktion vorher im Display abzudrehen, steht da und das Auto rührt sich keinen Millimeter.
Was kostet der Mercedes GLC 400 4MATIC in Österreich?
In Österreich startet der GLC 400 4MATIC bei 72.450 Euro, NoVA-frei. Die Aufpreisliste ist länger als die Schlange vorm Eissalon am Schwedenplatz im Juli: Unser Testwagen mit AMG Line, Premium-Paket, Assistenzpaket und Anhängekupplung kam auf 93.756 Euro. Für das Gebotene ist das angemessen. Zeitgemäß ist es nur bedingt.
Ein Blick nach Fernost holt einen schnell auf den Boden. Der BYD Sealion 7 mit Allrad bringt 530 PS und 91,5 kWh Batterie für 56.490 Euro. Der Zeekr 7X startet bei rund 55.000 Euro und lädt laut Hersteller in 10 bis 15 Minuten von 10 auf 80 Prozent, also schneller als der Mercedes. Keine Billigheimer mehr, sondern ernsthafte Gegner mit üppiger Ausstattung.
Und hier muss man ehrlich sein. Mercedes steht für Qualität, Verarbeitung, Händlernetz und Wiederverkaufswert, und das spürt man. Keine Frage. Wer aber von einem zehn oder fünfzehn Jahre alten Auto umsteigt, erlebt in nahezu jedem neuen Elektroauto einen technischen und fahrerischen Quantensprung, egal ob ein Stern, ein Propeller oder ein anderes Logo auf der Haube sitzt. Das Aha-Erlebnis gibt es nicht exklusiv in Stuttgart. Den Aufpreis muss Mercedes mit Komfort, Substanz und Marke rechtfertigen. Beim GLC gelingt das, ein Schnäppchen ist er trotzdem nicht.
Dazu kommt die motorbezogene Versicherungssteuer, die E-Autos in Österreich seit 2025 zahlen: beim GLC 400 rund 1.650 Euro im Jahr.
| Mercedes-Benz GLC 400 4MATIC mit EQ Technologie (Herstellerangaben) | |
|---|---|
| Leistung | 489 PS |
| Drehmoment | 800 Nm |
| 0 bis 100 km/h | 4,3 s |
| Batterie (nutzbar) | 94 kWh |
| Reichweite (WLTP) | 629 km |
| Ladeleistung (max.) | 330 kW |
| Radstand | 2.972 mm |
| Kofferraum / Frunk | 570 bis 1.740 l / 128 l |
| Anhängelast | 2.400 kg |
| Preis Österreich | ab 72.450 Euro (NoVA-frei) |
Motorblock-Fazit
Der elektrische Mercedes GLC 400 4MATIC ist kein Kompromissauto für Überzeugungstäter, er ist schlicht das bessere Auto. Reichweite und Ladetempo, die in jede Pause passen, ein Fahrwerk, das Langstrecke zur Erholung macht, dazu Platz und eine Optik, die den Stern wieder strahlen lässt. Die Schwächen sind real: ein Preis, der neben der chinesischen Konkurrenz alt aussieht, ein Lenkrad, das dem Daumen nichts verzeiht, und Parkpiepser mit Panikattacken. Aber das Argument, man brauche eine Wallbox, um elektrisch zu fahren, hat der GLC endgültig in die Vitrine gestellt. Gleich neben den T-Rex im Naturhistorischen Museum.
Mercedes ist auf dem richtigen Weg. Und der kleine Vierzylinder mit Hybrid-Pflaster? Der darf eigentlich auch langsam ins Museum. Mit Ehrenplatz, versprochen.
Text: Gregor Josel
Mehr zum Thema: Verbrenner-GLC und die elektrische C-Klasse. Offizielle Modellinfos: Mercedes-Benz Österreich.









