Sonderklasse unterm Hammer: 83 Mercedes ohne Limit

8 Min. Lesezeit

Ein Sargfabrikant aus dem Mühlviertler Umland, drei Hallen, 83 Autos, fast alle mit Stern und fast alle aus der Sonderklasse. Dazu 50 Motorräder und tausende Automobilia an den Wänden ringsherum. Am Samstag, 7. November 2026, versteigert Humer, Granner & Co die „Sammlung Sonderklasse“ in Feldkirchen an der Donau. Ohne Limit. Ein Abgesang mit Ansage …

Text: Franz J. Sauer

Das Wichtigste in Kürze

  • Was: Auktion „Sammlung Sonderklasse“ von Humer, Granner & Co, 83 Automobile und 50 Motorräder, alle ohne Limit
  • Wann: Samstag, 7. November 2026, Autos ab 14 Uhr; Automobilia schon Freitag ab 10 Uhr und Samstag von 10 bis 14 Uhr
  • Wo: Gewerbeparkstraße 17, 4101 Feldkirchen an der Donau, Oberösterreich
  • Rufpreise: ab 2.000 Euro für die Limousinen, bis 300.000 Euro für einen 300 SL Roadster
  • Mitbieten: vor Ort, schriftlich, per Telefon oder online live

Wer in den Siebzigern in einem österreichischen Dorf aufgewachsen ist, der kennt das: Es gab im Ort genau ein Auto, vor dem man stehen blieb. Meistens gehörte es dem Primar, dem Baumeister oder dem Wirt, der „es geschafft hatte“, und meistens hatte es einen Stern auf der Haube und doppelte Stoßstangen. Die S-Klasse war damals kein Auto, sie war eine Gesinnung. Und genau so sieht das auch Hannes Daxecker, der Mann, dessen (bisheriges) Lebenswerk jetzt unter den Hammer kommt. „Mein Vater hatte einen W 116, die barocke S-Klasse mit den doppelten Stoßstangen. Damit hatte man es in den 70ern geschafft, und das hat mich beeindruckt“, hat er der Autorevue erzählt. Na bitte. Mehr Ursprungsmythos braucht kein Sammler.

Drei klassische Mercedes-Benz Stufenhecklimousinen der Sammlung Sonderklasse in Weinrot, Rot und Grün nebeneinander in einer Ausstellungshalle
Es sind vor allem die einfacheren Modelle in exotischen Farben, die es Daxecker angetan haben. 

Sonderklasse, nicht S-Klasse

Daxecker, im Hauptberuf Sargfabrikant in Feldkirchen an der Donau (und ja, über den Kontrast zwischen schwarzem Brotberuf und quietschbuntem Hobby darf man ruhig ein bissl schmunzeln), sagt übrigens nicht S-Klasse. Er sagt Sonderklasse. Und hat damit historisch völlig recht: Offiziell führte Mercedes die Bezeichnung „S-Klasse“ erst mit dem W 116 ein, 1972, und das S stand eben für Sonderklasse. Die Vorgänger W 108 und W 109 gelten im Rückblick als die eigentliche Geburtsstunde, auch wenn sie den Titel noch nicht trugen. Der W 116 wurde dann übrigens als erstes Oberklasse-Auto überhaupt zum „Auto des Jahres“ gewählt, hatte ab 1978 als erster Serienwagen ein Antiblockiersystem an Bord und trug in Sachen passiver Sicherheit die Handschrift des Österreichers Béla Barényi.

Gesammelt hat Daxecker rund 20 bis 25 Jahre lang, und zwar mit einer Strenge, die einem Respekt abnötigt: Limousinen und Coupés, keine Cabrios. Von jeder Baureihe, jedem Motor und fast jeder Farbe ein Exemplar, gepflegt, aber unrestauriert, mit dokumentierter Geschichte. Nach eigener Aussage die weltgrößte Sammlung ihrer Art. Der Grund für die Cabrio-Abstinenz ist herrlich unromantisch: „Mit 1,91 Metern passt man nicht mehr in jeden Sportwagen rein, aber bei der Sonderklasse ist eine gewisse Kubatur vorhanden.“ Langschnäuzigkeit als Lebensentscheidung. Bravo.

Vor allem angesichts des vorhandenen Wandschmuckes (vollgefüllte Vitrinene mit Automemorabilia, ebenfalls völlig unwertvoller Herkunft zum Großteil) darf man sich auch ein wenig sorgen um das Naturell des Oberösterreichers. Eine gewisse Sammelwut ist hier zweifellos vorhanden, zwänglerisch bisweilen im Eindruck. Aber auch dem Rezipient verlangt die schiere Wucht des Dargebotenen ein gerüttelt Maß an Charakterstärke ab, will man vom Anblick vor Ort nicht erschlagen werden.

Reihe klassischer Mercedes-Benz Limousinen in Grün, Weiß, Rot und Silber in einer gefliesten Halle der Sammlung Sonderklasse
Grün, Weiß, Rot, Silber: Die Sonderklasse in Reih und Glied, davor historische Schilder und Regale. Foto: Motorblock

Malachitgrün statt Silber Metallic

Das eigentlich Verrückte an der Sammlung sind aber die Farben. Wo andere Sammler zwischen Silber, Schwarz und ein paar Grautönen dazwischen pendeln, hat Daxecker gezielt nach dem gesucht, was er selbst „Fehlfarben“ nennt: Signalrot, Apricotorange, Cayenneorange, Malachitgrün, Almandinrot. „Wenn man mit einer Sonderklasse in Signalrot vorfährt, dann drehen sich alle um.“ Glaub ich ihm aufs Wort. Die S-Klasse vom Dorfprimar war in der kollektiven Erinnerung jedenfalls nie apricotorange, aber vielleicht hat man auch einfach im falschen Dorf gewohnt …

Reihe älterer Mercedes-Benz Limousinen, angeführt von einem dunkelgrünen Modell, in einer mit historischen Schildern dekorierten Halle
Die zunächst wenig geliebte, dann aber doch verkultete Baureihe W140 stellt, neben einem Maybach 62, die jüngsten Modelle der Sammlung. Erstaunlicherweise sind die Vorabgebote (online abgegeben) für diese Autos höher als beim eigentlich gesuchteren W126.

Vertreten sind die Baureihen quer durch die Jahrzehnte: W 108 und W 109, der W 116, der W 126 (die meisten Exponate) und der lange als „mollig“ verspottete W 140, der heute fast schon filigran wirkt. Dazu die Coupés, vom 300 SE Coupé von 1966 über die SEC-Generation bis zum CL 420 von 1997. Ganz cabriofrei ist der Katalog dann trotzdem nicht: Unter den 83 Losen stehen auch ein 220 SEb Cabriolet von 1963, ein 280 SE 3.5 Cabriolet von 1970 (Rufpreis 70.000 Euro), ein 300b Cabriolet D von 1952, ein 320 N Cabriolet A von 1938 (70.000 Euro), diverse SL und SLC, ein 600 von 1969 (30.000 Euro). Und dann die Spitze: Lot 081, ein Mercedes-Benz 300 SL Roadster von 1959, urspünglich zum Rufpreis 300.000 Euro aufgestellt, mittlerweile von der Auktion zurückgezogen, weil (wie ausgewiesen wurde) kein reines Original.

Daxeckers Vorliebe für eher ungewöhnliche Farben ist evident. Genau das macht den Charme seiner Sammlung aus.

Was kostet eine Sonderklasse?

Jetzt kommt der Teil, bei dem einem als Benzinbruder schwummrig wird. Die allermeisten Limousinen gehen mit Rufpreisen von 3.000 bis 4.000 Euro ins Rennen, ein 230 von 1977 sogar mit 2.000 Euro. Der 450 SEL 6.9 von 1976 (Lot 001), also jener Autobahnkönig mit 6.834 Kubik, Trockensumpf und 286 PS, den man nur am Schriftzug und an den breiteren Reifen erkannte, startet bei 10.000 Euro. Ein 300 SE 6.3 von 1968, im Katalog als „Wilfert“-Wagen geführt (tatsächlich ein Erprobungs-Sonderwagen, der für den Benz-Entwickler Wilfert angemeldet wurde, allerlei technische Versuchsfunktionen ausführte und vorne 108, hinten aber bereits 116-Insignien trägt), steht mit 20.000 Euro drin. Und alle, wirklich alle Lose kommen ohne Limit unter den Hammer. Heißt: Der Zuschlag fällt, egal wie hoch das letzte Gebot ist. Ob am Ende Schnäppchen oder Bieterschlacht draus wird, weiß kein Mensch. Genau das ist ja der Reiz.

Roter Innenraum eines klassischen Mercedes-Benz mit Lederausstattung und Holzverkleidung in einer Oldtimer-Ausstellung
Rotes Leder, eigenwillig aber elegant. Von der damaligen Verarbeitung können heutige Modelle … ach, lassen wir das. 
Schwarzer Schaltknauf und Schalthebel auf einer Holzverkleidung in der Mittelkonsole eines klassischen Mercedes-Benz
Wenige der ausgestellten Modelle sind, klassenspezifisch, handgeschalten. Was umso mehr ihren Reiz ausmacht. Automatik kann schließlich jeder … 

Puch, Bonanza-Rad und Blechspielzeug

DISCLAIMER: Wer nur wegen der Autos da ist, darf diesen Absatz überspringen. Denn neben den Mercedes kommen 50 Zweiräder dran, und zwar von der Kawasaki Z1300 über die BMW R90/S und die Yamaha XS 1100 im Martini-Trikot bis zur Honda Goldwing, Rufpreise meist um 500 Euro. Für die heimische Seele: eine Puch M125 von 1968, Rufpreis 100 Euro. Hundert! Und ein Bonanza-Fahrrad um 50 Euro, bei dessen Anblick halb Österreich zwischen 45 und 60 schlagartig wieder zehn Jahre alt sein dürfte. Wirklich irr wird das Angebotene aber ringsherum an den Wänden.

Vitrine mit zahlreichen bunten Blech-Modellautos und Spielzeugschachteln aus der Sammlung Sonderklasse
Blechspielzeug samt Originalschachteln. Hier wird jeder Erwachsene kurz wieder zum Kind vor dem Christbaum. Foto: Motorblock

Es wird in Pausch und Bogen als „Automobilia“ bezeichnet, was das deutsche Auktionshaus Ni-Cola hier versteigert, laut Humer, Granner & Co rund 900 Lots: Werbeschilder, Modellautos, Fahrschuleinrichtung, Filmplakate, eine Bar. Und aber auch: Damenstrümpfe aus den 1970ern originalverpackt, Filmplakatte, Kugelschreiber, Spielzeugautos, Trinkgläser, Softpornoheftln, Kugelschreiber, Jukeboxen, Gesellschaftsspiele. Wie kommts? Sargmeister Daxecker und seine Freunde sind oft abends losgefahren, um aufgelassene Geschäfte nach Brauchbarem zu durchstöbern und zumeist ging dann doch gleich alles mit. Das Glanzstück ist das Traditionsgeschäft Dipl. Ing. W. Schuwerack, eine Autozubehör-Handlung aus der Gegend von Frankfurt, die mit fünf Lastzügen und drei Kleintransportern in fünf Tagen abgebaut und in einer der Hallen originalgetreu wiederaufgebaut wurde. Ebenfalls im Obergeschoß steht die originale Ledergarnitur aus dem ORF-„Club 2″, nebst ausrangierter Kameras rundherum. Wer sich erinnert, wie dort nächtelang open end diskutiert wurde, bis der Rauch die Sicht nahm, bekommt spätestens jetzt eine Gänsehaut.

Angesichts der Fülle an Edelschrott muss man sich tatsächlich fragen, was Herr Daxecker, nun seines Lebenselixiers „beraubt“ als nächstes sammeln wird. Weil ohne diese intensive Leidenschaft kann einer wie er mit sicherheit nicht leben.

Beleuchtete Vitrine mit zahlreichen farbigen Modellmotorrädern auf mehreren Glasböden
Modellmotorräder in Reih und Glied auf Glasböden. Die Großen stehen eine Halle weiter. Foto: Motorblock
Vitrine mit historischen Modellautos unterschiedlicher Karosserieformen und Farben auf Glasböden
Historische Automodelle in allen Formen und Farben. Die Sonderklasse im Kleinformat hat offenbar auch Geschwister. 

Wie man mitbietet und besichtigt

Die Fahrzeuge können am Donnerstag, 5. November, von 10 bis 18 Uhr, am Freitag, 6. November, von 9 bis 18 Uhr und am Samstag, 7. November, ab 9 Uhr besichtigt werden. Der Eintritt kostet 25 Euro pro Person samt einer Begleitperson, mit Automobilkatalog 50 Euro (solange der Vorrat reicht). Die Autos kommen am Samstag ab 14 Uhr dran. Bieten kann man vor Ort, mit schriftlichem Kaufangebot, als Telefonbieter oder online live; alle Lose stehen auf hg.auction. Wer sich vorab ansehen will, wie es bei heimischen Oldtimer-Auktionen zugeht, liest bei uns nach, wie es bei den Motor Auctions in Tulln war. Und dass es auch ganz anders laufen kann, beweist das Ferrari-Wrack um 1,9 Millionen Dollar …

Motorblock-Fazit

Die Hallen selbst werden nicht mitversteigert, die bleiben Daxecker. Leer, vermutlich mit einem gewissen Echo. Wer die Meomorabilia-Lots erwirbt, muss sich übrigens auch das Gebinde, in dem sie liegen, abbauen und mitnehmen. Teilweise sicherlich ein Dealbreaker. Generell fragt man sich, wie all der Ramsch abtransportiert werden soll, wenn erstmal ersteigert.

Apropos Deal: Breakeven macht die durchaus aufwändig organisierte Auktion nebst Vorabbeschau (alleine am Donnerstag waren rund 600 Interessierte vor Ort) bei rund 2.000.000 Euro, man kann sich also ungefähr errechnen, was Hannes Daxecker für das Konvolut erhalten hat. Oftmals hört man in solchen Zusammenhängen, dem Sammler ginge es nur in zweiter oder dritter Linie ums Geld. Diesfalls möchte man dem Bonmot tatsächlich Glauben schenken, oder wie es der ehemalige Eigentümer selbst ausdrückt: „Auch nach der Auktion werde ich ein Vollspinner bleiben. Aber die Hallen mache ich nimmer voll!“

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