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Audi e-tron GT auf der Transfăgărășan

8 Min. Lesezeit

Transfăgărășan, Luftaufnahme der Passstraße

Wer von Hermannstadt südwärts richtung Bukarest fährt und in Pitesti vorbei muss, wird wohl die Autobahn meiden und die DN7C nehmen. Autofreunden leuchtende Augen macht diese Nationalstraße allerdings unter ihrem Namen Transfăgărășan, auf deutsch: Transfogarascher Hochstraße. Wir nahmen die laut Jeremy Clarkson schönste Straße der Welt mit dem aktuellen Audi e-tron GT unter die Räder.

Warum die Transfăgărășan als schönste Straße der Welt gilt

Transfăgărășan, Luftaufnahme der Passstraße

Luftaufnahme der Transfăgărășan, laut Top Gear die schönste Straße der Welt. Foto: Audi

Trotz seiner stalinistischen Gesinnung hatte auch Nicolae Ceaușescu einstmals Angst vor den Russen. Wie die Sowjetunion mit den tschechoslowakischen Brüdern während des Prager Frühlings umgesprungen war, ließ in Bukarest Argwohn schwelen. Jedenfalls sollte es die Sowjetarmee nicht so leicht wie in der Tschechoslowakei haben, das Land zu überrollen, sollte es einmal zu Meinungsverschiedenheiten kommen. Eine Militärstraße durch das strategisch wichtige Făgăraș-Gebirge in den Transsilvanischen Alpen zwischen der Walachei und Siebenbürgen mußte her, um gegebenenfalls die eigenen Truppen richtung Süden zu holen und den Nachzug der feindlichen durch Sprengung abzuschneiden. Von 1970 bis 1974 wurde der aufwändige und beschwerliche Bau einer rund 117 Kilometer langen Hochgebirgsstraße verwirklicht.

Hauptsächlich Soldaten unterstützten die Bergleute und Baurarbeiter bei dem Monsterprojekt, das insgesamt 40 Arbeitern (so die offizielle Version, Zeitzeugen vermuten ungefähr das zehnfache) das Leben kostete, an sie erinnern ein paar Gedenktafeln entlang der Strecke. Da der militärische Zweck nie zum Einsatz kam, wurde aus der am 20. September 1974 (einen Tag nach dem Geburtstag des Autors dieser Geschichte also, falls das irgendwie von historischer Relevanz sein sollte …) eröffneten Hoclhstraße bald ein touristisches Highlight für Bergwanderer, Camper, Radfahrer und aber vor allem: Motoristen. Biker, aber auch engagierte Autofahrer entdeckten bald die Reize des sich über 833 Brücken und durch knapp 30 Viadukte auf 2042 Meter Seehöhe hoch- und wieder hinunterschraubenden Asphaltbandes, was in 50 Jahren leider auch zahlreiche Verkehrstote bedeutete. Aber auch die Bärenpopulation, die gerne am Straßenrand auftaucht, genehmigte sich den einen oder anderen Motorradler, der es als gute Idee befand, die lieben Teddys ein wenig zu streicheln, als Snack. Deshalb gibt es hier auch gefühlt mehr Bären-Warntafeln als Verkehrsschilder.

Audi e-tron GT auf der Transfăgărășan
Der neugierige Herr Bär. (Foto: Patrick Breiteneder)

Endgültig zum offiziellen und nicht mehr geheimen Geheimtipp adelte schließlich die erste Folge der 14ten Staffel der britischen Ausgabe von „Top Gear“ die Transfăgărășan. In jener wurde sie von Clarkson, Hammond und May mit einem Aston Martin DBS V12 Volante, einem Ferrari California und einem Lamborghini Gallardo LP560-4 Spider bereist und hochoffiziell als „Beste Straße der Welt“ betitelt. Seither weiß jeder, wovon die Rede ist, wenn man von der Transfogoschar… najasoirgendwie spricht; Weil korrekt aussprechen können den Namen die wenigsten.

Audi e-tron GT: 585 bis 925 PS im Karpaten-Hochland

Transfăgărășan, Luftaufnahme der Passstraße

Eine Rotte von Audi e-tron GTs auf der Transfăgărășan. (Foto: Audi)

Anno 2026 ist es freilich ein Elektro-Sportwagen, den man gerne ins Karpaten-Hochland ausführt, um das wundervolle Asphaltband aus nächster Nähe zu beschnüffeln. In unserem Fall wurde der aktuelle Audi e-tron GT zur Waffe der Wahl. Und er machte durchwegs eine gute Figur, wie es ja auch nicht anders zu erwarten war.

Das hochedle Schwester-Modell des Porsche Taycan liefert über zwei permanenterregte Synchronmaschinen (eine pro Achse) je nach Modell von 585 bis 925 PS Systemleistung (Werksangaben). Letztere reicht im RS e-tron GT performance für saftige 2,5 Sekunden Beschleunigung von 0 auf 100, das beschleunigt also schneller, als andere Autos vollbremsen. Aber auch der schwächste e-tron GT (585 Pferde) sprintet in gerade mal vier Sekunden auf die Hundert, auch das kann einem den Hals ausrenken, wenn man mit einem alerten Angasen des Fahrers nicht gerechnet hat. Allradantrieb ist bei allen Modellen serienmäßig, Allradlenkung gibt es gegen Aufpreis (2.200 Euro), die Bremsen werden aus Wolfram-Carbid (ab der S-Version zur Vermeidung von Bremsstaub) gefertigt, optional kann Keramik als Werkstoff geordert werden. Ab der S-Version gibt es gegen 8.110,10 Euro Aufpreis ein Aktivfahrwerk namens Active Ride, das legliches Nicken und Wanken aktiv ausgleicht. Und als Party-Piece die ganze Fuhre um gut 40 Zentimeter anhebt, auf dass die Passagiere leichter auf-, äh, aussteigen können.

„Das beschleunigt also schneller, als andere Autos vollbremsen.“

Gran Turismo statt Supersportwagen

Audi e-tron GT, Außenansicht
Audi e-tron GT auf der Transfăgărășan. Foto: Audi, Radu Chindris

Das Super-Fahrwerk ist allerdings ausschließlich im Comfort-Modus abrufbar, was ein ziemlich wichtiges Merkmal dieses Fahrzeuges deutlich macht. Wer sich nämlich bloß an den eindrucksvollen Zahlen der Fahrleistungen orientiert, macht rach den Fehler, diesen Audi (sowie übrigens auch den Taycan) als Supersportwagen mißzuverstehen. Das ist er aber nicht. Der e-tron GT (und der Taycan sei hier, bitte, stets mitgedacht) ist ein waschechter Gran Turismo. Ein Auto für die große Reise. Er mag sicht nicht mit dem guten, alten R8 matchen, oder gar mit irgendwelchen Lamborghinis. Er steht für die große Reise parat, liefert entsprechenden Komfort, was Sitze und Platzangebot betrifft und auch die zwei Laderäume fassen ordentlich Gepäch (vorne, im Frunk, 85 Liter, hinten je nach Messweise zwischen 350 und 405 Liter), das man drolligerweise hinten mit einem gewaltigen Haltenetz auf den Kofferraumboden spannen kann, falls dann doch engagierte Fahrweise geplant wird.

Gepäcknetz des Audi e-tron GT
Gepäck im Kofferraum des Audi e-tron GT mit dem Haltenetz

Fahrverhalten auf der Passstraße

Audi e-tron GT auf der Transfăgărășan
Das Cockpit (Foto: Audi)

Derlei ist auf der Transfogarascher Hochstraße dringend geboten. Auch wenn man nicht gleich die Sau fliegen lässt, fliegt lose Herumliegendes bald hilflos durch die Gegend. Vielleicht ist die Induktions-Ladefläche fürs Handy ja auch deshalb im Fach unter der Armlehne in der Mittelkonsole versteckt. Generell ist es allerdings verblüffend, wie nonchalant sich das GT-Fahrwerk mit dem teilweise doch recht schlecht beschaffenen Straßenbelag der sich permanent windenden und in irgendwelche Schräglagen neigenden Passstraße arrangiert. Trotzdem ist stets Straßenkontakt fürs Popometer vorhanden, einzig mit dem Active Ride-Fahrwerk merkt man die Rutschgrenze erst nachdem man zu rutschen begann, weil Nick- und Wankbewegungen eines Automobils halt eine doch sehr zentrale Rolle fürs körperliche Sensorium spielen. Deshalb ist das Feature im Sport-Modus gar nicht erst vorwählbar.

Eine Boost-Funktion liefert zehn Sekunden lang bis zu 70 kw Mehrleistung für engagiertes Überholen, derlei hat der e-tron GT hier allerdings in keiner der gefahrenen Versionen irgendwann nötig: es wird immer ausreichend Leistung vorhanden sein. Ein permanenter One-Pedal-Drive Modus ist ebenfalls nicht abrufbar, auf Straßen wie dieser hier macht es aber durchaus Spaß, vor jeder Kurve aufs neue per Schaltwippe (minus) die Rekuperations-Bremse abzurufen. Grund für Gemotze liefert der ultraengen Einstieg in den Führerstand, von hinten zwackt die B-Säulenverkleidung, vorne zielt die (aus carbon gezimmerte) Belüftungsdüse beim Aus- wie Einsteigen mitten in die Kniescheibe. Wer dieses Auto wirklcih unfallfrei entern möchte, muss kopfüber hineinhechten. Was vor Publikum einfach niemals nicht auch nur irgendwie würdevoll rüberkommt.

Audi oder Porsche Taycan? Die Optik entscheidet

Audi e-tron GT: Feines Design vorne wie hinten (Fotos: Audi)

Was zeichnet den e-tron GT gegenüber dem Porsche-Geschwisterl nachhaltig aus? Eindeutig die Optik. Der Audi ist einfach viel fescher als der Porsche, und das ist eine Prädikation, die sie auf Portalen wie diesem eher selten lesen werden. In der Tat kommt die Optik des Taycan schön langsam in die Jahre, schreit nach einem Update, während der e-tron GT auch im sechsten Jahr seines Bestehens (das einzige, sehr dezente und hauptsächlich technologische Dinge betreffende Facelift fand 2024 statt) fesch und frisch auftritt. Eine aufwändige Lichtsignatur mit blauem X-Element erfreut den Influencer von Welt ebensosehr wie die Matrix-LEDs mit Laserlicht und das Carbondach. Als besonderes Gimmick bekommt man innen wie außen auf Wunsch gegen Aufpreis Camouflage-Carbon verbaut, meiner bescheidenen Meinung nach sieht das dann immer so aus, wie knapp nachdem es geregnet hat. Aber Geschmäcker und Watschen … Sie wissen ja.

„Der Audi ist einfach viel fescher als der Porsche, und das ist eine Prädikation, die sie auf Portalen wie diesem eher selten lesen werden.“

Fazit: Wiedersehen mit der Transfăgărășan garantiert

Transfăgărășan, Luftaufnahme der Passstraße
Die Transfăgărășan schlängelt sich durch die Karpaten – ein Wiedersehen ist fix geplant. Foto: Franz J. Sauer

Was bleibt nach einem Tag Kurvengenuss in Transsilvanien mit einem der echtesten GT’s unserer Zeit? Freudige Müdigkeit, gut ein dutzend süße Bärli-Videos am Smartphone und alles in allem hauptsächlich: Begeisterung. Die Wonne dieses Asphalt-Wunderwerkes scheint tatsächlich einfach kein Ende zu nehmen, würden sich all die Wohnmobile, Schleich-TDIs und letztlich auch die teils geisteskrank auf ihr Glück vertrauenden Tourenbiker für ein paar Stunden vertschüssen, die Transfăgărășan würde uns noch viel mehr taugen, als sie es eh schon tut. Fix geplant ist jedenfalls ein Wiedersehen. Man darf gespannt sein, mit welchen Auto wir dann in die Heimat von Dracula (sein Original-Schloß ist tatsächlich bloß ein paar Kilometer südlich des hocheindrucksvollen Vidraru-Staudammes zu finden) reisen werden.

Audi e-tron GT: Die Fakten im Überblick

Modell Audi e-tron GT / S e-tron GT / RS e-tron GT performance
Systemleistung 585 – 925 PS (Werksangabe, je nach Modellvariante)
0–100 km/h 4,0 Sek. (Basis) – 2,5 Sek. (RS performance), Werksangabe
Antrieb Allradantrieb serienmäßig, Allradlenkung gegen Aufpreis
Bremsen Wolfram-Carbid ab S serienmäßig, Keramik optional
Kofferraum Frunk 85 l, Heck 350–405 l (je nach Messmethode)
Option Active Ride 8.110,10 Euro Aufpreis (ab S-Modell)
Boost-Funktion bis zu 70 kW Mehrleistung für 10 Sekunden

Die Preise:

e-tron gt quattro: 110.348 Euro 
S e-trom gt 128.348 Euro
RS e-tron gt 149.648 Euro
RS Performance 163.548 Euro

Galerie: Audi e-tron GT auf der Transfăgărășan (Fotos: Audi, FJS)

 

Der Bär, again (Foto: Patrick Breiteneder)

 

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